Interview mit...

Hans-Jörg Lüchau

Hans-Jörg Lüchau

Weingut Deutzerhof, Ahr

Wer oder was hat Sie bisher in Ihrem Leben am meisten inspiriert?

Am meisten inspiriert hat mich, mein leider vor drei Jahren verstorbener Chef, Wolfgang Hehle. Vor 15 Jahren habe ich mit einem Praktikum bei ihm begonnen. Ich war in der Gastronomie tätig gewesen, hatte den Sommelier gemacht und wollte eigentlich mal ein Jahr aussetzen „eine ruhige Kugel schieben“.

Es war einfach ein Traum, mit ihm zusammen in der Natur, im Weinberg zu arbeiten. Das Ahrtal ist ja wahnsinnig klein, aber sehr pittoresk. Und sich dann nach einem Tag harter Arbeit hinzusetzen und ehrfürchtig in die Natur zu blicken – das war und ist einfach wunderschön.

Wolfgang Hehle hat mich in alle Arbeiten direkt hineingeführt, es gab keine Betriebsgeheimnisse. Und wenn der Wein im Keller war, dann war auch mal Zeit für ein Kartenspiel, denn dann musste der Wein reifen. Das hat er mir sehr schön beigebracht – genauso wie seine Naturverbundenheit. Er war ja passionierter Jäger und Fischer und hat stark nach der Astrologin Maria Thum gearbeitet. Anfangs habe ich es mit einem skeptischen Auge gesehen, gar mit einem Lächeln. Aber es ist eben eine Art, auf die Natur zu sehen, den Weinbau an den natürlichen Gegebenheiten anzupassen. Zum Beispiel an Wurzeltagen Reben anzupflanzen und in bestimmen Mondphasen den Wein abzustechen. Das war für mich völlig neu.

Wolfgang hat mich sehr fasziniert, weil ich gemerkt habe, dass ihm die Qualität über alles geht. Er hat zum Beispiel den ersten Eiswein, den ich mit geerntet habe, nicht als Eiswein, sondern als Auslese ausgefüllt. Das habe ich nicht verstanden. Er aber hat gesagt: „Der Wein ist toll, aber er entspricht nicht der Qualität eines Eisweines vom Deutzerhof. Bevor ich einen mittelmäßigen Eiswein abfülle, fülle ich ihn lieber als exzellente Auslese.“ Und so ist er in allen Dingen vorgegangen.

Dieser Anspruch ist in den letzten 14 Jahren auf mich übergangen und vielleicht auch der Grund, warum es, trotz seines Todes, gut mit dem Deutzerhof weiter gegangen ist. Er hat mich perfekt an die Arbeit des Kellermeisters herangeführt, so dass ich die Qualitäten weiter führen konnte. Und trotzdem wird es auch mal eine Handschrift „Hans“ geben. Denn der Grundbaustein ist derselbe: das Grundverständnis von Qualität. Das ist von ihm, und darin hat er mich auch am meisten inspiriert.

Wie entspannen Sie sich am liebsten nach einem langen Arbeitstag?

Wenn es ein harter Tag war, finde ich es einfach wunderschön, einen gereiften Spätburgunder aufzumachen, und zu schauen, schmeckt der noch, kann der noch, wie kann ich es erreichen, dass er noch ein bisschen frischer schmeckt. Dazu was Leckeres kochen. Als Sommelier frage ich mich dann, welches Steak passt dazu, welche Soße? Das finde ich sehr entspannend, daran erfreue ich mich, dabei komme ich am besten runter.

Welche Entwicklungen in der Weinwelt finden Sie gerade spannend und welche gefallen Ihnen nicht?

Der Weinbau an der Ahr hat in den letzten 20 Jahren eine sehr spannendende und etwas turbulente Entwicklung mit gemacht. Vormals als „Volkswein“ tituliert, ist die Ahr jetzt dabei, weltweit anerkannte Pinot Noirs zu produzieren. Spannend darin finde ich die wellenförmigen Entwicklungen. Ein Beispiel: In der 80er Jahren hat Wolfgang Hehle im Barrique angebaut und ist dabei auch manchmal übers Ziel hinausgeschossen, hat es wieder zurück genommen und feinjustiert. Oder die Alkoholwerte: Anfang des Milleniums hat man immer später gelesen, sich über die heißen Sommer gefreut, die Oechslegrade immer weiter ausgereizt und Spätburgunder mit bis zu 15 Grad Oechsle auf die Flasche gebracht. Auch da ist die Entwicklung gerade wieder gegenläufig. Wir sind jetzt dabei, Spätburgunder mit moderaten Alkoholgehalten und frischerer Säure auszubauen, die dennoch Tiefe und Kraft besitzen. Etwas mehr die eigentliche Frucht des Burgunders und die Mineralität des Schiefers heraus zu arbeiten – das ist die Aufgabe, die ich mir für die nächsten Jahre stelle.

Haben Sie eine bestimmte Tradition, wenn der Wein des Jahres eingebracht ist?

Wir hatten eine bestimmte Tradition: Wenn die letzte Schlott in die Bütt geschüttet war, dann hat Wolfgang als passionierter Jäger mit der Jägerbüchse ein paar Salven in die Luft geschossen. Heute haben wir zwar niemanden mehr, der einen Jagdschein besitzt. Dafür halten wir aber eine andere wunderschöne Tradition aufrecht: Unsere Chefin macht ein tolles Gulasch vom Wildschein, Nudeln und selbstgemachtes Apfelkompott. Dazu gibt es dann für alles ein leckeres Schlückchen vom Rotwein des letzten Jahrgangs. Wir haben dann alle Grund für gute Laune und freuen uns, dass dieser Teil der Arbeit wieder geschafft ist und bedanken uns bei den Mitarbeitern für die gute gemeinsame Arbeit.