Interview mit ...

Kai Schätzel

Weingut Schätzel

 

Sie möchten uns verraten, was man bei Ihnen im Kühlschrank findet.

Neben gutem Wasser, meistens ohne Kohlensäure, findet sich in unserem privaten Kühlschrank fast immer anständiges Bier. Ich habe eine große Bierpassion, weil es eine unheimlich entspannende Parallelwelt zum Thema Wein ist. Jetzt haben wir begonnen, eigenes Bier zu brauen und versuchen, unsere Idee von Lebensfreude, die wir im Wein sehen, mit Bier zu kombinieren. Mit einer kleinen Craftbierbrauerei in Hamburg könnte es der Kabinett unter den Bieren werden: Sehr wenig Alkohol und frische Säure. Und ein Geheimnis vorweg: Es sind auch ein paar Traubenbestandteile mit drin.

Was findet sich sonst noch im Kühlschrank? Ich habe momentan großen Spass an guten Naturweinen.

Habe Sie eine bestimmte Tradition, wenn der Wein des Jahres eingebracht ist?

Wir sind ein Weingut zwischen Start-up und 650 Jahre Geschichte. Entsprechend fühlen wir uns, seit ich 2008 mit meiner Frau das Weingut übernommen habe, wie ein kleines, quirliges, Unternehmen, das sich ständig ein bisschen neu erfindet und sehr viel lernen darf – jedes Jahr und jeden Tag. Und trotzdem leben wir die Tradition, die hinter uns und unserer Geschichte steht. Zum Beispiel im Umgang mit Mitarbeitern: Nach dem größten Menschenereignis, das wir einmal im Jahr haben, der Weinlese, die von einer großen Mann- und Frauenschaft unterstützt wird, feiern wir ein richtig starkes Fest.

Wir haben eine sehr enge Bindung zu unseren Leuten, meine Mutter versorgt sie draußen mit Broten und es gibt gute Weine zu trinken. Wir haben ein tolles Team mit jungen Menschen. Und beim Ernteabschlussfest, das wir Imbs nennen, wird dann auf jeden Mitarbeiter eine Rede gehalten.

Welche Entwicklungen in der Weinwelt finden Sie gerade spannend?

Mit nur 12 Hektar sind wir in Rheinhessen einer der Miniaturteilnehmer. Wir glauben an steile Weinbergen und viel Handwerk. Wer sich mit uns beschäftigt, wird schnell feststellen, dass wir einen ungewohnten Schwerpunkt im Programm haben, der auf den ersten Blick so gar nicht in das Thema Rheinhessen reinpassen möchte. Wir begreifen uns mit Nierstein als eine kleine Insel, die sich mit steinigen, schieferartigen Hängen vom Rest Rheinhessens unterscheidet. Wir bekennen uns zu unserer Herkunft und haben dementsprechend einen Weinstil entwickelt, der sich bei hier zu Hause fühlt: Kabinettweine sind unser Thema der Stunde. Herrlich leicht und unglaublich elegant zu trinken! Diese Entscheidung war nicht ganz uneigennützig, denn wir trinken leicht fruchtige Weine mit wenig Alkohol sehr gerne... Manchmal kommt es vor, dass wir ein ganzes Menü nur mit solchen Weinen begleiten und trotzdem keine Langeweile aufkommt.

Heute sind mehr als die Hälfte unsrer Orts- und Lagenweine nicht mehr trocken. Für uns kann der fruchtige Prädikatswein aus der großen Lage genauso wertvoll sein wie die trockene Interpretation, das Große Gewächs.

Gibt es etwas, was Sie nicht können?

Ich bin sehr schlecht darin, Kompromisse einzugehen und gehe damit auch sehr vielen Menschen in meinem Umfeld immer wieder auf den Wecker. Das kann man positiv sehen, aber das hat eben auch sehr anstrengende Komponenten. Und manchmal verliebe ich mich in kleinste Details, an denen ich dann lange herum tüftel. Vielleicht ist das der Grund, warum ich mich in meinem Beruf so wohl fühle. So ist aus meinem Laster eine Passion, ein Winzer geworden.