Amsterdam, die Stadt der kleinen Teller - Wein, Wurst und Streetfood

Für reisende Kulinariker ist Amsterdam eine europäische Genusshauptstadt, die sich nicht hinter London oder Paris zu verstecken braucht. Das Angebot der Schlaraffenstadt ist groß, innovativ und bunt, die ganze Welt ist in Amsterdams Küchen zu Hause. Zu verdanken haben die Niederländer diese Tatsache der langen Tradition als Handels- Seefahrernation, die einst eine der bedeutendsten Kolonialmächte war. Hier kann man an reich gedeckten indonesischen Reistafeln Platz nehmen, auf den Speisekarten der Stadt finden sich pan-asiatische Einflüsse von Thailand über Korea bis nach Japan. Überall duftet es nach indischem Curry, außerdem ist eine große Liebe zur französischen Küche spürbar, während in Chinatown zwischen Niewumarkt und dem Rotlichtviertel De Wallen die Peking- und Kanton-Hochküche zu finden ist.

 

 

Entlang der bildschönen Grachten und in kleinen Gässchen finden sich kleine Bäckereien, Lebensmittelmanufakturen, Restaurants, Lokale, Wein-Bars und lässige Kaffees – im Wechsel mit Conzept-Stores, Modeshops und Buchläden – alles ist gut zu Fuß zu erreichen, oder mit dem Mietfahrrad. Das Auto lässt man sowieso besser stehen den der Stellplatz für den Wagen sollte bereits bei der Hotel-Planung eine Rolle spielen: Wir haben ein Zimmer im Hotel de Hallen ab 83 Euro gibt es da die Nacht, wenn man Glück hat, das ist im Stadtvergleich preiswert und das hübsche Design Hotel liegt extrem günstig im aufblühenden Westend der Stadt und ganz nah an den beliebten Vierteln Jordaan, Pijp, dem Museeumsquartier und auch bis ins Old Town geht man locker zu Fuß. Riesenvorteil, wenn man mit dem Auto anreist: hier ist das öffentliche Parken mit 27 Euro für 24 Stunden noch relativ preiswert, bereits ein paar Sträßchen weiter Richtung Innenstadt sind es dann bereits 50 Euro und mehr.

 

Das Hotel hat aber auch Komfort-Nachteile, so lassen sich die Fenster nicht öffnen, es gibt weder im Bad, noch im Zimmer selbst ausreichend Haken, für zwei Personen, für Mäntel und Handtücher, die Toilette befindet sich hinter eine Doppel-Schwingtür die wenige Privatsphäre schafft – man muss sich schon länger lieb haben, dann geht das. Aber die Lage eben!

Die klassische niederländische Küche gibt sich selbst bescheiden, balkendick geschnittene Pommes Frites sind Staatsheiligtum, stolz ist man, na klar, auf Käse und Matjes aus Holland, auf Snacks wie kibbeling, Kabeljaufilet im Backteig, oder die in Handarbeit hergestellten, knusprigen Kroketten mit cremiger Kalbsragout-Füllung. Die beliebten Bitterballen, kleine frittierte Bällchen zum Bier (und ursprünglich zum Magenbitter), werden im Amsterdamer Streetfood-Hot Spot De Hallen auch vom Sternekoch angeboten. Die Foodhallen liegen direkt neben dem Hotel und auch hier gibt es eine sehr schöne Bar mit ausgesuchten Weinen und, sehr zeitgeistig, eine eigene Gin Tonic Bar!

Das gereichte Streetfood dazu ist unterschiedlichster Machart und Qualität, sehr zu empfehlen: der Cheesesandwich von Caulils mit Gouda-Raclettemischung und Frühlingszwiebeln im Bauernbrot geröstet, lässt jeden amerikanischen Cheese-Sandwich alt aussehen, kross, knusprig, schmelzig und vor allem würzig! Caulils betreiben auch einen Laden schöner Weinauswahl in der Haarlemmerstraat 115 und eigenem Online-Weinshop bestellen, durchaus auch mit Preziosen aus der „obersten Schublade“. Einen Stand weiter gibt es französische Steaksandwich, ebenfalls saftig, dick belegt und zart gelungen. Wir genießen auch Bitterballen, jenen niederländischen Klassiker, der einst zu Magenbitter und Genever serviert wurde und bis heute der Mini-Kroketten-Klassiker zum Feierabendbier ist. Diese hier sind von Sternekoch Peter Gast, der auf dem Streetfoodmarkt ein fünferlei der knusprigen Bällchen anbietet, auch in den ausgefallenen Geschmacksrichtungen Tom Kah Gai und Bouillabaise. Am besten sind die Klassiker, Rind und Käse.

Die Foodhallen sind nur ein Beispiel, grundsätzlich unterscheidet man in Amsterdam nicht großartig zwischen Ernst und Unterhaltung, entspannt muss Genuss sein, unprätentiös und unkonventionell wie die Stadt selbst: Derzeit sind Mini-Teller mit Köstlichkeiten für kleines Geld der Renner in vielen Restaurants – so kann der Gast mehr probieren. Craftbeer ist ein großes Thema, doch gerade auch Weinfreunde finden in Amsterdam so manchen großartigen Weinort und spannende Weinbars, wie beispielsweise die elegant-entspannte Weinbar Vyne alleine die Wand aus hell erleuchteten gläsernen Weinkühlschränken ist eine Wucht, dazu gibt es bis zu 80 offene Weine und vom Sommelier zusammengestellte Wein- und Champagner-Flights ab 13 und bis 20 €, von den Flaschenweinen aus aller Welt garnicht zu reden! Dazu gibt’s leckere Bites, kleine feine Speisen, Austern, Tatar, Burrata, Bitterballen, Charcuterie oder eine Käseplatte, alles liebevoll elegant arrangiert, das Auge genießt mit.

In den Foodhallen geht es mit asiatischen Köstlichkeiten weiter, saftigen Temaki-Sushi-Tütchen, gefüllt mit luftigem Klebreis, Avocado, Wasabi-Mayonnaise und wahlweise Lachs oder Garnele. Dazu zartwürzige Terriyaki-Spieße und knusprige Garnelen am Spieß. Nicht probiert haben wir die ganzen Burger und Hot Dogs, wir haben keine Austern geschlürft und ich bereue, die gemischte Barbeque-Platte nicht bestellt zu haben. Aber wir brauchten noch Kapazitäten, für DIE Entdeckung in Sachen Wine & Dine in  Amsterdam, für einen langen, großen Abend mit: Wein und Wurst!

 

 

 

 

 

Das Worst Wijncafè ist eine Restaurant-Bar, die Wein zu Wurst serviert. Diese Kombination verspricht immer etwas Gutes. Gemütlich ist es im kleinen Lokal mit viel Kerzenlicht und einfachen Holztischen, an den Wänden hängen Kunst und historische Werbeplakate zum Thema Wurst und Aufschnitt. Der winzige Gastraum ist bereits besetzt, wir freuen uns über Kitchen-Table-Plätze am Bartresen, direkt an der offenen Küchenzeile, vis à vis mit Koch und Kellner. Hinter uns erstreckt sich ein großer gläserner Chambrair mit Weinen aus aller Welt, Schwerpunkt sind Frankreich und Österreich. 260 Weine sind es derzeit, im Sommer sollen um die 300 Flaschen im Angebot sein, erklärt Weinfachmann Jop Verhulst nicht ohne Stolz und serviert die empfohlenen Apero: Lillet Blanc mit Orange und Cremant für die Dame, der Herr bekommt einen „Cremant Atmospheres“, auf Basis von Calvados, eine so simple wie anregende Erfrischung. Neben uns am Tresen richtet Koch Marcel van den Berg die ersten Teller des Abends an, während wir noch die Speisekarte studieren. Es duftet würzig, die Entscheidung fällt uns nicht leicht. Mit den Weinen ist es einfacher, zu unserem Besten begeben wir uns in die Hände von Verhulst, der zur Stockfisch-Brandade ein Glas knackig-frische Weißwein-Cuvée aus den Cevennen einschenkt: Der Domaine de Tarverna aus Ugni blanc, Sauvignon Blanc und Chardonnay ist trocken, mineralisch und perfekt zum cremigen Stockfisch, der mit geröstetem Landbrot und Essiggemüse serviert wird. Es folgt ein Rillette aus zartem Schweinefleisch im eigenen Schmalz mit gelben Möhren und Roten Beten. Knackig gepickelt ist das Gemüse mit einer deutlichen Weinessig-Note, das passt hervorragend zur cremig-fetten Rillette. Wir bestellen auch die Kreeftenworst, eine „Wurst“ aus weißer, luftiger Fischfarce mit Krebs- und Hummerfleischstücken und einer duftenden Hummersauce. Die formgebende Wurstpelle ist beinahe zu rustikal für dieses elegante Gericht, aber das ist Jammern auf hohem Niveau.

Zur saftigen Fenchel-Bratwurst gibt es in Butter geschmortes Gemüse aus Fenchelknollen und ganzen abgezogenen Kirschtomaten, dazu eine tiefe, tomatige Jus, leicht pfeffrig. Vier Komponenten auf dem Teller, ganz Frankreich auf der Zunge und dankenswerter Weise auch im Glas: Der 2001 Chateau de Villeneuve, Saumur Champigny von der Loire ist ein Glücksfall für die fleischigen Hauptgänge. Seine krautige Würze, Aroma von schwarzen Beeren und einem Hauch von Holz verleiht ihm samtigen Charakter. Er passt auch zum Pied de chochon, zartes Fleisch vom Schweinsfuß, eingeschlagen in ein schneeweißes Schweinenetz, das beim Braten schmilzt und eine papierdünne, knusprige Haut bildet. Aus den tönernen Töpfen, die auf dem Kochtresen stehen und mit fermentierten Gemüsen, geschmorten Pilzen, Artischocken und anderen Beilagen gefüllt sind, dürfen wir die Beilage selbst wählen. Zum empfohlenen Coleslaw bestellen wir noch ein cremiges Bohnengemüse aus dicken, grünen „Saubohnen“ und weißen Cassoulet-Bohnen mit würziger Jus. Der Coleslaw ist untypisch leicht und zitronig, bringt Frische auf den Teller, wir genießen schweigend und essen zu schnell. Chef Kees Elfring schaut vorbei, ihm gehört auch das nebenan gelegene Restaurant Marius, in dem es ausschließlich ein täglich wechselndes Viergang-Menü gibt. Elfring hat Käse dabei: französische Klassiker, vor allem aber einen gereiften Gouda, der ohne den, bei holländischem Gouda üblichen, Plastiküberzug (Coating) reifen durfte! Brüchig wie alter Parmesan, im Mund noch von cremiger Konsistenz, im Geschmack üppig, mit einem Aroma, das an Currypulver und an getrocknete Birnen erinnert.

Wir staunen, von welcher Qualität Gouda sein kann und genießen dazu ein beeriges Schwergewicht aus Italien, Caudium Aglianico von der Masseria Frattasia. Dies ist der beste Beweis dafür, dass der zuletzt etwas in Verruf geratene Rotwein zum Käse (besser seien halbtrockene Weißweine, rät der Zeitgeist) durchaus seine Berechtigung hat. Für Reglements und Konventionen ist aber ohnehin kein Platz im kulinarischen Amsterdam, das sich schlicht bester Produkte und weltoffener Vielfalt verschrieben hat. Das Worst Wijncafè ist eine der vielen sehr guten Adressen, die es nicht nur für Weinfreunde, in Amsterdam zu entdecken lohnt!

nutriculinary

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Stevan Paul kann es einfach: Kochen, bloggen, Weine schlürfen und die Freude daran weitergeben. Das tut er ab sofort auch für WeinPlaces, freuen Sie sich mit uns!

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