Bad Gastein revisited

Bad Gastein- eine Legende erfindet sich neu

Bad Gastein

Als ich noch ein ganz junger Kerl war, behauptete ich mit der Entschiedenheit der Jugend: Niemals würde ich einen Ort auf der Welt zweimal besuchen, schließlich sei das Leben zu kurz und die Welt zu weit. Das sagte ich, bevor ich Bad Gastein sah. In diesem Winter besuche ich den Ort zum bereits dritten Mal und immer wieder kehre ich zurück. Leise knarzt das Parkett im Thomas Mann-Zimmer des Alpen-Hideaway Haus Hirt. Genau hier soll sich der große Literat und Sommerfrischler Thomas Mann bei seinen Besuchen mit Vorliebe aufgehalten haben – wegen der Aussicht. Das ist glaubhaft. Nach vorne, hinaus über den Balkon, folgt der Blick der Vogelperspektive über das weite Tal, die Fenster zur Linken rahmen die Bergstadt Bad Gastein: Belle-Époque-Villen und in die Jahre gekommene Grand-Hotels aus kaiserlicher und königlicher Zeit ragen aus dem Fels, ein Metropolis der Alpen. Zwischen Berghängen und mächtigen Tannen wirft sich ein Wasserfall 250 Meter tief ins Tal, schneidet tosend durch die Kulisse, kühler Dunst wirbelt in der Luft. Es ist ein Kraft-Ort seit Jahrzehnten, dessen stärkste Währung stets das Wasser war, heilendes, radonhaltiges Thermalwasser. Bereits im 16. Jahrhundert war die der Gesundheit förderliche Wirkung der heißen Quellen im „Wildbad“ Bad Gastein bekannt und zog insbesondere ab dem 19. Jahrhundert allerlei Prominenz aus Kunst, Wissenschaft und Politik in das erblühende Tal: Kaiser Franz Joseph I., Fürst Bismarck und Winston Churchill schrieben hier Geschichte und machten Urlaub. Grillparzer, Schubert und Schopenhauer waren frühe Gäste, Marie Curie forschte hier. Später residierten die Reichen, die Schönen und Mächtigen im Ort, Kaiserin Sissi, die Stummfilmschauspielerin Lil Dagover, Myrna Loy, Hildegard Knef, Charles Aznavour, Prinz Karim Aga Khan, der Schah von Persien. Shirley Bassey und Liza Minelli machten das Bergdorf noch in den achtziger Jahren zur Weltbühne. Dann begann das Vergessen und der lange Schlaf des Alpen-Monte-Carlo, der Mythos Bad Gastein bröckelte tonlos, verlassen und unbemerkt.

Bad Gastein

Als ich Bad Gastein vor mehr als fünf Jahren, im Mai 2010, zum erste Mal besuchte, lagen die Straßen und steilen Wege beinahe menschenleer im Sonnenlicht: Geschichte überall und eine Ahnung von längst vergangenen Tagen, mondänen Bällen und großen Festgesellschaften, ein außergewöhnlicher Spaziergang durch verfallene Kulissen, notierte ich damals und wandelte auf den Spuren eines anderen, berühmten Bad Gasteiners. Es war kein Gast, sondern ein gebürtiger Gasteiner Bub, dessen Weltkarriere hier begann, im längst geschlossenen Hotel Straubinger, direkt am Wasserfall. In diesem Haus absolvierte Jahrhundertkoch Eckart Witzigmann von 1957–1960 seine Kochlehre. Der Sohn eines Schneiders litt daran, keinen Zugang zur „besseren Gesellschaft“ zu haben, denn die Türen der Grand Hotels blieben ihm in der strengen Wirtschaftswunder-Klassengesellschaft Bad Gasteins verschlossen. Den jungen Witzigmann motivierte das, er fand einen Weg hinein in die Gesellschaft und hinaus in die Welt, der Rest ist Gastro-Kulinarische-Geschichte. (Ich empfehle an dieser Stelle wärmstens die Lektüre von Eva Gesine Bauers Hamlet am Herd (Hoffmann und Campe 2006). Dieser Parforceritt durch ein bewegtes und arbeitsreiches Leben bringt einem den Menschen Witzigmann näher .)

Das Straubinger steht jetzt, im Winter 2015/16 immer noch leer. Die Fenster sind verrammelt, Schilder an Bauzäunen aus Draht künden hier wie überall im Dorf vom Willen zum Neuanfang – und der hat längst begonnen! Es hat sich viel seit meinem letzten Besuch geändert. Unterhalb des Ski-Zirkus in der Oberstadt, dem Tor zu den „Sportgastein“-Bergwelten, erwacht nun auch das alte Ortszentrum ganz langsam und erfreulich zu neuem Leben durch eine Teil-Eröffnung der ehrwürdig alten Häuser hier und da. Die Läden und Kaffees sowie neue Clubs wie das Bar Restaurant Ginger n’ Gin im altehrwürdigen Grand Hotel l’Europe bereichern und beleben den Ort. Und über die Schlucht und die Wasserfälle haben Sie ein Drahtseil gespannt, an dem die Gäste jetzt 300 Meter weit von der Villa Solitude hinüber zum Thermalquellbad durch das Panorama schweben können. Flying Waters nennt sich die Attraktion für Schwindelfreie.

Die nimmermüden Geburtshelfer dieser Renaissance sind Menschen wie unsere Gastgeber im Haus Hirt: Gastronomin Evelyn Ikrath und ihr Mann, der Wiener Architekt Ike Ikrath, erkannten schon früh das Potenzial des Ortes. Evelyn Ikrath ist hier geboren und aufgewachsen, das Haus Hirt war ihr Elternhaus. Nach Lehr- und Wanderjahren im Ausland kehrte sie zurück nach Bad Gastein und übernahm zur Jahrtausendwende das Hotel von den Eltern.

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Gemeinsam wandelten die Ikraths das Hotel in ein einzigartiges, individuelles Hideaway mit Restaurant, Bar und AVEDA Spa um. Ein Rückzugs- und Wohlfühlort auf 1.000 Metern Meereshöhe gelegen – weder Nebel noch Mücken kommen hier hoch und Allergiker atmen befreit auf. Im und ums Haus wurde die alte Substanz erhalten, gepflegt, umsichtig und modernisiert. Lichte Zimmer, geölte Holzfußböden und gradliniges Design prägen den einladenden Retro-Stil des Hotels, das ohne aufdringliche Folklore auskommt, seinen alpinen Standort dabei aber nicht verleugnet. Die Zimmer sind funktional und angenehm unprätentiös. Schon am frühen Nachmittag wandert die Sonne die talwärts gerichtete Balkonen entlang, wärmt altes Holz und Erholungssuchende gleichermaßen.

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Neben der stilvoll-eleganten Empfangshalle findet sich die offene Bar im Stil der sechziger Jahre, die Bibliothek erfreut mit dicken Lesesesseln, Kamin und Klassikern der Weltliteratur neben neueren Bildbänden zu Mode, Musik, Design und Architektur. Ein Sehnsuchtsort, der eine gute Autostunde von Salzburg entfernt liegt, drei Stunden sind es von München aus, viereinhalb Stunden sind es nach Venedig. 

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Eine ganz wichtige Rolle spielt die Kulinarik im Konzept der Ikraths. Los geht es morgens mit einem reichhaltigen Frühstücksbuffet, unzähligen Säften, diversen Brotsorten, Müsli, süßem Gebäck, gutem Käse, hauchdünnem, luftgetrocknetem Speck und frisch zubereiteten Eierspeisen. Zu Mittag lockt ein warm-kaltes Light-Lunch-Büffet mit so bunten wie gesunden Salaten (bis 16:30 Uhr) und abends wird ein Menü in drei bis vier Gängen gereicht: Vorspeise(n) und Salate vom Büffet, heiße Suppe am Platz, zum Hauptgang werden Fleisch, Fisch und eine vegetarisch-vegane Alternative angeboten, ein Dessert zum Abschluss, casual, die Kleiderordnung.

Die Weinauswahl dazu hat Hausherr Ike Ikrath über die Jahre kultiviert. Dabei zählen neben dem eigenen Geschmack gerade auch im Weinbereich „emotionale Netzwerkpartner“, wie Evelyn Ikrath sie nennt: Winzer, Produzenten und Weinhändler, die der Philosophie des Hauses verbunden sind und diese bereichern.

Ein Schwerpunkt liegt auf Österreich, auf biodynamisch produzierten Weinen, Hauptlieferanten sind die Weinhandlungen UNGER und KLEIN in Wien und die Salzburger Weinhandlung Magazin von Raimund Katterbauer. Geliefert wird auf Abruf, denn der Weinkeller im Haus Hirt ist noch provisorisch und im Aufbau begriffen. Die Weinkarte kann sich dagegen bereits sehen lassen und ist eine erfreulich lehrreiche Lektüre. (Jetzt ist ja mal Zeit zum Lesen!). Die einzelnen Rebsorten werden in kurzen Texten einführend charakterisiert und gustatorisch beschrieben, beginnend mit Grünem Veltliner über rare Spezialitäten wie dem Rotgipfler (einer Kreuzung aus Traminer und Rotem Veltliner), bis zu Zweigelt und Blaufränkisch.

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Auch einzelne Weingüter und Lagen erfahren vorbildlich Vorstellung in kleinen Portraits und die Zusammenstellung ist exzellent: Johannes Hirsch aus dem Kamptal, das Wiener Weingut Wieninger, das Weingut Erwin Sabathi aus der Steiermark, das Weingut Manfred Tement mit seinen Lagenweinen, Willi Bründlmayer aus Langenlois, das Weingut Glatzer, Carnuntum und Heinrich/Gols vom Neusiedler See – um nur ein paar klingende Namen aus der spannenden Weinwelt Österreichs zu nennen. 

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Bei den Weißweinen verlässt man sich fast gänzlich auf die ausgezeichneten Weine der Heimat, bei den Rotweinen ergänzen je ein bis zwei Angebote aus Italien, Spanien, Chile und Argentinien das ausgesuchte Programm.

Freundlich kalkuliert sind die Weine auch noch, beginnend bei einem Flaschenpreis von 23,50 Euro für den Gast, die teuerste Bouteille ist der 2012 Gabarinza von Heinrich, ein Cuvée aus 40% Zweigelt, 30% Blaufränkisch, 30% Merlot von ältester und bester Golser Hanglage, handverlesen und spontanvergärt, 20 Monate in alten Holzfässern gereift – das ganze Vergnügen für 69 Euro.

Daten, Fakten, Geschmäcker … Darüber hinaus haben sich die Hoteliers Gedanken zum Wein gemacht und möchte den Gästen einen ganz besonderen Genuss bieten. Evelyn Ikrath erklärt: „Wir sind ein all generations Haus und einen Luxus, den wir unseren Gästen bieten wollen, ist die Idee: Ich hab jetzt meine Kinder versorgt, jetzt kann ich in Ruhe sitzen und ein Glas Wein genießen. Wir lassen unsere Gäste probieren, das Schöne in unserem Restaurant ist ja, dass wir uns nicht nur einmal sehen, sondern eine ganze Woche oder länger. Wir lernen Geschmäcker und Vorlieben kennen, können darauf eingehen, neue Weine anbieten und vorschlagen. Das kann eine ganze Weinreise werden.“

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Küchenchef  Norbert Kern kocht dazu regional-mediterran, beispielhaft genannt seien Tomatencremesuppe mit Oliven-Gremolata, Pongauer Lammhuft mit Thymian-Jus, gebratener Zander auf Kräuterseitlingen und Rahmspinat oder Kichererbsenragout mit Zucchini. Unaufdringlich eingestreut sind Rezepte aus der veganen und ayurvedischen Küchentradition. In Zukunft will man sich stärker noch auf die regionale Küche besinnen, das ist aber unerwartet kompliziert: „Zwar gehört das Gastein-Tal zu den wenigen Tälern in Österreich, die entgegen des landläufigen Trends einen Zuwachs an Jungbauern verzeichnen, es gibt eine riesige Dichte an Biobauern, aber es ist eben kein Gemüse-Tal. Selbst um gute Kartoffeln muss man mit dem Nachbarn ringen“, erzählt Evelyn Ikrath.

Ich frage nach der Aufbruchsstimmung im Ort. „Aufbruchsstimmung haben wir immer schon gehabt.“ Sie lacht: „Früher wollten alle weg, wer konnte hat sein Ränzlein gepackt und war weg. Jetzt gibt es eine große Zahl von Wiederkehrern, Jugendfreunde, die es toll finden, hier Läden aufzumachen und neue Leute mitbringen. Einerseits gibt es die locals, die wieder zurückkehren und andererseits jene, die sagen: Wir siedeln uns hier an. Es ist ein gutes Gefühl von community entstanden.“ Und es geht augenscheinlich voran in Bad Gastein. Bereits 2008 eröffneten Ikraths ihr zweites Haus, das Design-Hotel Miramonte. Ein früher Pionier ist auch der Hamburger Gastronom Olaf Krohne mit seinem jungen Hotel-Konzept Das Regina. Im Dezember 2015 übernahm Koch Felix Schellhorn (Sohn des Haubenkochs und Politikers Sepp Schellhorn) die Pension seiner Großmutter und eröffnete ein Bed & Breakfast namens Hansi Hansi. Die Skandinavier haben Bad Gastein lange schon entdeckt, als Gäste und als Gastronomen. Neuste Eröffnung: Zwei junge Schwedinnen, Fillipa und Anna, führen Bad Gasteins ersten Organic Coffee Shop The Blond Beans.  

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Die saftigsten Sahnetorten serviert allerdings immer noch das Café Schuh an der Kaiser-Wilhelm Promenade 9, wahlweise fluffige Germknödel, zarte Powidltascherl mit Puderzuckerschnee und Kaiserschmarrn-Berge. Und die von den Berliner Architekten Kuehn Malvezzi modernisierte und umgestaltete Rossalm der Familie Baur ist ebenfalls einen Besuch wert. Dazu kommen die Klassiker, wie die Silver Bullet Bar und Hans Buchners Hexenhäusl oder die Dependance des Restaurants Lutter & Wegener im Gewölbe des Hotel Villa Solitude. Gastronom Josef Laggner ist ansonsten eher in Berlin tätig (Kaisersaal, Newton Bar), aber auch in Hamburg, Osnabrück, auf Sylt und Usedom erfolgreich. Bad Gastein allerdings ist sein Heimatort, hier ist er aufgewachsen.

Längst locken nicht nur Skifahren, Bergsport, Yoga und Mountainbiking vor beeindruckender Kulisse, die neuen Gäste suchen neben Erholung, Genuss und Wellness auch Kreativität und Inspiration. Zunehmend entdecken Künstler und Kreative den besonderen Ort. Dazu gehören ganz unterschiedliche Menschen wie die Verlegerin und Kunsthistorikerin Angelika Taschen, der Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx oder der Künstler und Musiker Friedrich Liechtenstein, dessen Album „Bad Gastein“ inspiriert ist, vom: „... zentralen Umschlagplatz aller paneuropäischen Exzentrizität“ (so Lichtenstein im Interview mit dem Traveller’s Journal Grand Tour). 

Für spannende neue Gäste sorgt auch die Hamburger Kunstsammlerin Andrea von Goetz und Schwanenfliess mit dem von ihr kuratierten Kunstsommer sommer.frische.kunst und der angeschlossenen Kunstresidenz im Wasserkraftwerk, ein internationales Stipendiaten-Programm. 

Evelyn Ikrath muss weiter, die Arbeit ruft, eine letzte Frage, lohnt denn der lange Atem, der Kraftakt? „Wir haben alle die Goldgräber-Geschichte Bad Gasteins verinnerlicht, das ist ein Teil von uns und rundherum entwickelt sich und blüht jetzt alles, die Gäste kommen und es ist ein gutes Gefühl zu wissen, du bist nicht auf dem absteigenden, du bist auf dem aufsteigenden Ast. Alles lohnt alleine schon gefühlt, weil man jeden Tag Freude hat.“

Bad Gastein

Später am Nachmittag stehe ich auf dem Balkon des Thomas Mann-Zimmers, ein Glas Grünen Veltliner in der Hand und sehe hinüber nach Bad Gastein. Es dunkelt schon, einzelne Schneeflocken taumeln durch die Luft. Drüben gehen die ersten Lichter an, ein Fetzen Musik von irgendwo und ich werde das Gefühl nicht los, dass die Geschichte Bad Gasteins vielleicht gerade erst so richtig beginnt. Ich werde wiederkommen müssen. 

Bad Gastein besuchen:

Mit dem Auto: Über Salzburg auf der Tauernautobahn Richtung Süden bis Bischofshofen, Ausfahrt Gasteiner Tal. Mit dem Zug: Im Bahnhof Bad Gastein halten Euro- und Intercityzüge, Schnell- und Expresszüge. Mit dem Flugzeug: Die nächsten Flughäfen sind Salzburg, München und Klagenfurt.

nutriculinary

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Stevan Paul kann es einfach: Kochen, bloggen, Weine schlürfen und die Freude daran weitergeben. Das tut er ab sofort auch für WeinPlaces, freuen Sie sich mit uns!

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