Brunello – was ist dran am klingenden Namen?


Wenn man aus dem Chianti-Classico-Gebiet heraus nach Süden fährt, verändert sich die Landschaft. Die waldreiche Gegend weicht südlich von Siena der sogenannten Crete Senesi, eine spukhafte und gleichzeitig begeisternde Gegend, die ganz Form ist, kahle, modellierte Hügel, auf denen jedes Detail dem suchenden Auge willkommenen Halt bietet: Eine Villa, ein paar dunkle Zypressen, manchmal auch nur die rauen, aufgeworfenen Ackerfurchen. Nähert man sich Montalcino, bekommt die Landschaft wieder etwas mehr Tiefe: Etwas Wald, kantigere Erhebungen und Weinreben, die sich die Hänge entlangziehen. Montalcino, das Städtchen, das dem Wein hier seinen Namen als Zusatz geliehen hat, liegt auf einem steil emporragenden Berg, damit man es ja nicht übersieht. Wie im Chianti-Gebiet wird hier Sangiovese angebaut, aber man legt Wert darauf, dass es sich dabei um Sangiovese Grosso handelt, eine Spielart der Rebsorte mit etwas größeren Beeren. Auch in diesem Landstrich werden natürlich verschiedene Weine gekeltert, aber der Paradewein ist der Brunello di Montalcino. Bei etwa 30 Euro pro Flasche geht es los und dann ist sehr viel Platz nach oben. Warum soll man für einen reinen Sangiovese aus der Toskana so viel Geld ausgeben? Was ist dran am Brunello?

Altesino ist eins der größeren Weingüter. Es werden auch andere Weine unter Paolo Caciorgna gekeltert, aber der Brunello ist das Herzstück. Wenn man am Empfangsgebäude vorbeigeht, wundert man sich über die großen ebenerdigen Rasenflächen: die natürliche Klimaanlage für den Weinkeller direkt darunter. 250000 Flaschen werden jährlich hergestellt, das meiste davon ist Brunello. Wenn man bedenkt, dass dieser nach den Vorgaben der Regulierungsbehörde volle fünf Jahre reifen muss, bevor er auf den Markt darf, wird klar, dass man Platz braucht. Im Gärkeller ist alles nicht nur hochmodern, sondern auch blitzsauber, sehr beeindruckend angesichts der Tatsache, dass die Lese gerade erst abgeschlossen wurde und die Maische noch täglich behandelt werden muss.

Mindestens zwei der fünf Jahre muss der Brunello im Eichenfass lagern. Slawonische Eiche und 5000-Liter-Fässer sind auch bei Altesino für den Brunello unerlässlich. Als erstes Weingut in der Gegend hat man aber in den 1970er Jahren angefangen, zusätzlich französische Barriques zu verwenden, mit gutem Erfolg.

Wie also schmeckt der Wein, um den so ein Aufhebens gemacht wird? Der 2011er Brunello fängt beim Schwenken langsam an zu duften, bleibt dabei aber etwas undeutlich in der Aromatik. Im Mund ist der erste Eindruck Eleganz, leichte Toastaromen kommen zum Vorschein sowie eine feine Säure, etwas Kaffee, etwas exotische Gewürze. Der Brunello mit dem Namenszusatz Montosoli, die beste Lage des Weinguts, die kurioserweise an einem Nordhang steht, macht durchaus einen Unterschied: Gleicher Jahrgang, aber dunklere Farbe, hohe Viskosität. Auch hier ist der Geruch erst undeutlich, geschwenkt entfalten sich aber süße Noten von Pflaume, Marzipan, Beeren und Holz. Im Mund ist der Wein eindeutig verführerisch, eingelegte Früchte, die ein wenig an Rumtopf erinnern, und auch wieder exotische Gewürze wie Zimt und Nelke. Das ist auf jeden Fall ein Wein für sich, allerdings auch vom Preis her stattlich.

Vielleicht zehn Minuten entfernt befindet sich das Weingut Le Chiuse, auf dem es wesentlich familiärer zugeht. Lorenzo Magnelli ist hier Chef und Faktotum in einer Person. Er erzählt gern und viel von dem Wein, den Reben, der Tradition. Und die Familie ist absolut beachtenswert, war doch sein Urahn Ferruccio Biondi-Santi der Erfinder der Brunello-Traube, wie er erzählt, der Schöpfer des Klons Sangiovese grosso BS11. Hier ist alles eine Nummer kleiner, zusammen mit Lorenzo und seinem Hund kann man leicht eine Runde zu Fuß über das Anwesen machen. Aber natürlich gelten auch hier dieselben Regeln der DOCG Montalcino und Lorenzo überbietet diese teilweise noch, etwa wenn er nur 45 Zentner Trauben pro Hektar erzielt, weil er bei der Grünlese im Juli schon die Hälfte wegschneidet. Auch hier, mit Blick auf Montalcino, stehen die Reben wieder nicht der Sonne entgegen, Wärme und Trockenheit hat man hier genug, frischere Böden sind gefragt.

Bei Le Chiuse setzt man beim Holz ausschließlich auf slawonische Eiche. Die Lakritznoten, die dieses Holz ermöglichen, ziehe man den Vanilletönen der französischen Barriques vor, sagt Lorenzo. Wir probieren Brunellos aus verschiedenen Jahrgängen, was sehr aufschlussreich ist. Der 2011er Brunello duftet geschwenkt nach Tabak, Veilchen, Lakritze. Im Mund sind die Tannine sehr schön vorne im Mund spürbar, der Wein ist sauber, elegant, kurz vor dem schönen Finale zeigt sich eine Spur Wildkirsche. Der 2009er, obwohl der Jahrgang klimatisch ähnlich war, fällt schon ungeschwenkt durch animalische Töne auf. Am Gaumen zurückhaltende Aromen von Beeren und schon gut abgeschliffene Tannine.

2008 war ein kühleres Jahr. Der Wein kommt rubinrot daher mit schon leicht bräunlichen Tönen am Rand. Die Nase meldet Holz, Wurzeln, geschwenkt treten balsamische Noten hinzu. Im Mund überrascht dann eine nicht erwartete Frische, Frucht, insbesondere Kirsche. Das Finale ist noch etwas verhalten, die Säure weist auf eine gute Lagerfähigkeit hin.

Der Brunello ist auf jeden Fall ein besonderer Wein. Wer auf elegante Weine steht, kommt nicht um ihn herum, zumal in der Toskana. Fantastisch war das Erlebnis bei Le Chiuse, was die Reifung – und er kann lange liegen bleiben! – mit dem Brunello macht. Man braucht eben nicht nur ein etwas tieferes Portemonnaie, sondern auch Geduld, denn mit den fünf Jahren, bis er auf den Markt kommt, ist es beileibe nicht getan.

Bezugsquellen: 

Altesino Brunello di Montalcino

Le Chiuse Brunello di Montalcino 2011

Gerald Franz

Gerald Franz

Feuilletonistisches Schreiben. Wein. Erst das eine, dann das andere. Und dann beides zusammen, passt doch perfekt! Auf WeinPlaces gibt es von Gerald ab sofort mehr von dieser Kombination!

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