Deutscher Sekt 2.0

Raumland, von Buhl und die neuen deutschen Sekte

Wenn man über Sekt in Deutschland nachdenkt, dann kann man schon mal ins Grübeln geraten. Zwar ist der Deutsche ein Schaumweintrinker – immerhin trinkt er jährlich pro Kopf fast fünf Liter Schaumwein. Rund ein Viertel der gesamten weltweiten Schaumweinproduktion kommt in Deutschland auf den Tisch. Doch mag der deutsche Schaumweintrinker es – wie bei den Lebensmitteln überhaupt – gerne günstig. Keine vier Euro gibt man hierzulande meistens für eine Flasche Schaumwein aus. Zieht man 1,02 Euro an Sektsteuer pro Flasche ab, dann landet man in etwa beim gleichen indiskutablen Flaschenpreis, wie wir ihn auch beim Stillwein haben. Da verwundert es dann auch nicht, dass zwar 80 % des getrunkenen Schaumweins mit deutschen Etiketten versehen sind, jedoch 90 % des Grundweins aus Billigweinregionen kommen. Für einen Flaschenpreis von rund 3 Euro kann man hier in Deutschland aber keinen akzeptablen Grundwein herstellen. Die Marken kaufen also Millionen Hektoliter im Ausland, um sie dann hier zu versekten. Knapp die Hälfte dieser Sekte wird dann zu Aktionspreisen verkauft, wobei nach Abzug von Steuern, Flaschenausstattung und Margen nur etwas mehr als nichts beim Produzenten ankommt.

Um das Grübeln noch zu verstärken: Von den ca. 2,9 Millionen in Deutschland produzierten Hektorlitern werden gerade einmal 100.000 nach der méthode traditionelle, also mit zweiter Gärung in der Flasche, vergoren. Das ist ein verschwindend geringer Anteil. Aber daraus entstehen einige ganz hervorragende Sekte. Und die sind in den letzten Jahren immer populärer geworden sind. Das dürfte vor allem daran liegen, dass es in Deutschland mittlerweile einige Weingüter gibt, die sich mit hoher Kompetenz und fachlichem Knowhow sehr intensiv mit dem Thema Sekt beschäftigen. Einen guten Schaumwein zu produzieren ist nämlich nicht so einfach, und außerdem ist es kostenintensiv, weil gute Schaumweine lange gelagert werden müssen. Außerdem hat man hierzulande viel zu lange zu wenig Wert auf den richtigen Boden gelegt. Schließlich, so war die allgemeine Devise, brauche es für einen guten Sektgrundwein vor allem einen mit hohem Säureanteil. Dafür könne man ja dann auch die Lagen nehmen, die von vornherein nicht die für Qualitätsweine benötigte Reife erreichen würden. Dass man jedoch aus einem mittelmäßigen Grundwein keinen hervorragenden Sekt erzeugen kann, musste erst einmal verinnerlicht werden. Während in der Champagne oder auch im italienischen Franciacorta die Weinberge, die für Schaumweine Verwendung finden dürfen, deklariert sein müssen, ist das bei uns nicht der Fall.

Einer, der beständig an allen Stellschrauben möglicher Optimierung arbeitet, ist der rheinhessische Winzer Volker Raumland. Schaut man in die Bewertungen des Weinführers Gault & Millau, dann erreichen seine Sekte dort seit Jahren beständig den ersten und die meisten Folgeplätze. Raumland hat sich ganz dem Sekt verschrieben. Er hält es so wie seine großen Vorbilder in der Champagne. Da mag es auch hier und da mal einen Stillwein geben, doch wenn man sich mit Schaumwein beschäftigt, sollte man sich nicht verzetteln. Raumland spielt mittlerweile auf nahezu allen Schaumwein-Klaviaturen, und das mit großen Erfolg. Von der deutschen Variante des Riesling-Sekts über die typischen Champagne-Cuvées und reinsortigen Blanc de Noirs und Blanc de Blancs geht es hin zu seinem erfolgreichsten Wein, dem Triumvirat, dessen Qualität sich in Blindproben nicht mehr ohne Weiteres von namhaften Winzer-Champagnern unterscheiden lässt. Dass Raumland mittlerweile mit Spätabfüllungen wie dem 2004er Vintage Blanc et Noir Brut Nature oder dem 2007er MonRose sowohl qualitativ als auch preislich einen draufsetzen konnte, ist nur dem immer besser werdenden Ruf zu verdanken, den der Sekt, vor allem aber sein Sekt mittlerweile erworben hat.

Ob man es schon einen Boom nennen darf, kann man diskutieren, doch präsenter sind die hiesigen Schaumweine mit Sicherheit geworden. Zwei, die daran ebenfalls einen erheblichen Anteil haben, sind Richard Grosche und Mathieu Kauffmann. Letzterer war zwölf Jahre lang Chef de Cave bei Champagne Bollinger, ehe Joachim Niederberger, der 2013 verstorbene Inhaber des Weinguts Reichsrat von Buhl in der Pfalz, den Elsässer Kauffmann dafür gewinnen konnte, in die Pfalz zu wechseln. Der, so sagt er, habe schon immer mit Riesling arbeiten wollen. Und so hat er 2013 seinen ersten Jahrgang bei von Buhl verantwortet. Das Ergebnis seiner Arbeit war der von Buhl Riesling Brut 2013, den der Geschäftsführer, das Marketing-Ass Richard Grosche, als »Der Erstgegorene« vermarktet hat. Das Ganze schlug damals ein wie eine Bubble-Bombe. Es wirkte so, als habe Kauffmann den ersten ernst zu nehmenden deutschen Schaumwein produziert. Dem war natürlich nicht so. Doch er ist dabei, dem deutschen Sekt einen Champagne-Glanz zu verleihen, der diesem vorher gefehlt hat. Dass Kauffmann ein Schaumwein-Knowhow wie kaum ein anderer hat, konnte man tatsächlich schon beim allerersten unter seiner Regie entstandenen Sekt schmecken. Dem deutschen Sekt kann es nur guttun, dass von Buhl seine Produkte auf diese Ebene bringt. Im neu entstandenen Glanz tummeln sich inzwischen immer mehr Häuser, die sich auf Schaumwein spezialisiert haben. Wo man früher so gut wie ausschließlich Raumland, Bardong oder Solter in den Regalen fand, hat sich das Angebot nun doch deutlich erweitert. 

Ein Haus, das auf edle Ausstattung ebenso wie auf teils ungewöhnliche Cuvées setzt, ist Schloss Vaux. Das gibt es freilich schon länger als den von Buhl’schen Boom. Doch kann man sich auch bei Schloss Vaux zunehmend sicherer sein, dass Kompositionen von Jahrgangssekten wie dem Sauvignon Blanc 2014 oder dem Grünen Veltliner 2014 nicht in der Ecke verstauben. Boom fördert eben auch die Bereitschaft, zu experimentieren und Risiken einzugehen. 

Das dürften sich auch Isabelle und Tim Weißbach gedacht haben, als sie 2011 in der ehemaligen Sektkellerei Dalbergerhof in Rheinhessen die Strauch Sektmanufaktur gegründet haben. Sie produzieren ihren Sekt – wie alle hierzulande – immer auch mit einem verstohlenen Seitenblick auf die Champagne, wo bis heute die begehrtesten Schaumweine entstehen. Sie wissen aber sehr wohl, dass deutscher Sekt einmal genauso angesehen war – auch wenn das schon hundert Jahre her ist. Entsprechend selbstbewusst gehen sie zu Werke und vertreiben ganz ungewöhnliche ökologisch produzierte Schaumwein-Varianten. Das beginnt mit Weißburgunder ohne Dosage und Riesling mit 40 Monaten Hefelager, das setzt sich fort bei Lagen-Sekten und schließt mit demi-sec- und doux-Varianten von Bukettrebsorten – idealen Dessert-Schaumweinen. 

Den Wert der deutschen Sekttradition unterstreicht man gerne auch bei Fitz-Ritter in Bad Dürkheim. Schließlich hatte der Rote Fitz im 19. Jahrhundert sein Handwerk in der Champagne gelernt und 1837 den ersten »Pfälzer Champagner« abgefüllt. Das älteste Sektweingut der Pfalz besinnt sich gerne auf seine Wurzeln, zu denen auch die Schaumwein-Variante Crémant zählt, die vor 150 Jahren auch in der Champagne durchaus üblich war. 


Wie stark die Pfalz in der Riege der Sektproduzenten vertreten ist, zeigen weitere Beispiele. Das Sekthaus Andres & Mugler in Ruppertsberg beispielsweise, wo schon seit 1989 produziert wird, und das in ökologischer Wirtschaftsweise. Ebenso das Weingut Winterling, wo zwar nicht ausschließlich Schaumweine entstehen, aber doch in gehörigem Maße und auch dort mittlerweile in Bioqualität. New kids on the block sind die Pfälzer Sekthäuser Griesel und Krack. Hinter Griesel verbergen sich das Bensheimer Unternehmerpaar Streit und das Talent des jungen Weinmachers Niko Brandner. Griesel nutzt die ehemalige Domäne der hessischen Staatsweingüter, um dort einen neuen Standard zu setzen. Niko hat bei Volker Raumland gelernt, und das lässt nicht nur auf einiges hoffen, man schmeckt es auch schon in den Debut-Sekten. Während Griesel modern, edel und fein daherkommt, merkt man dem Design der Krack-Flaschen an, dass hier jemand Schaumwein für seine eigene Generation produziert: eben genau für die Leute, die die Kracks selbst sind: irgendwo zwischen zwanzig und dreißig, mit Baseball-Cap und Tätowierungen, gut ausgebildet und offen für Neues. Die drei zeigen, dass Schaumwein nicht nur das richtige Getränk für gut verdienende Immobilienmakler und hippe Sommeliers ist. Sekt ist etwas für den Freundeskreis. Und so heißt auch eines ihrer Erzeugnisse.

Neben den vorgestellten Erzeugern, die fast ausschließlich auf Sekt setzen, gibt es in diesem Land eine Vielzahl an Weingütern, die Winzersekte herstellen, Erzeugnisse also, die nur einen kleinen Teil eines umfangreicheren Programms ausmachen. Dass es da echte Könner wie Rebholz, Aldinger oder Peter Lauer gibt, soll hier ausdrücklich hervorgehoben werden. In der folgenden Auswahl tauchen einige dieser Winzersekte auf. Sie zeigen neben dem Programm der Sekthäuser eine große Bandbreite an Stilen. Das sorgt dafür, dass man nur selten auf die Idee kommt, mit der Champagne vergleichen zu müssen. Technisch befinden sich die Weine auf hohem Niveau, klimatisch und geologisch und in Bezug auf die Rebsorten  präsentieren sie sich allerdings sehr unterschiedlich. Das mag dazu führen, dass es gar nicht so leicht ist, einen Überblick zu gewinnen. Andererseits aber macht das die Sache gerade spannend. Von Brut Nature bis Doux, von neun Monaten Hefelager bis zu 24 Jahren auf der Hefe, von Riesling über Chardonnay bis hin zu Gewürztraminer und Veltliner ist alles dabei. Langeweile, so viel ist sicher, schmeckt anders. 

 

Unbedingte Empfehlungen

Sekthäuser

- Griesel & Compagnie Pinot Brut Nature 2013: Das ist genau der deutsche Sekt, mit dem ich mir den Keller voll legen möchte. Die Nase ist in ihrer Harmonie von heller Frucht, Weinigkeit und Hefenoten umwerfend charmant, am Gaumen kennt der Pinot Brut keine Kompromisse. Ohne Dosage, kalkig, fast kreidig wirkend, helle Zitrusfrucht mit gelben Noten, saftig, einfach gut.


Bezugsquelle

 

- Krack Freundeskreis Brut 2012: Eine leicht rotfruchtige und an Orangen erinnernde Nase mit feiner Hefe und Gewürzen. Der Chardonnay aus diesem Duo mit Pinot Noir wurde in 500-Liter-Fässern ausgebaut und gibt dem Wein ein ordentlich kräftiges Rückgrat. Das 36-monatige Hefelager sorgt für Feinheit. Das ist ein famoses Debut der drei jungen Kracks im alteingesessenen Familienbetrieb.


Bezugsquelle

 

- von Buhl Riesling Brut 2014: Der zweite Jahrgang dieses Game-Changers. Er ist noch feiner, klarer, präziser geworden. Gerade für den Preis ist das ein extrem hohes Schaumweinniveau, das man hierzulande so nur selten findet.


Bezugsquelle

 

- Raumland Riesling Brut: Volker Raumlands Schaumweine sind durch die Bank weg empfehlenswert. Die teuren Cuvées sind berühmt und teils bahnbrechend, doch auch sein einziger Riesling im Sortiment ist von einer Feinheit geprägt, die einfach wunderbar ist. 48 Monate Hefelager und ein großes Können zeigen ihre Wirkung in einem höchst eleganten Riesling mit feiner Würze, zu dem die Brut-Dosage hervorragend passt.


Bezugsquelle

 

- Winterling »La Coulée d’Or« 2013 Brut: Die Cuvée aus Pinot Noir, Chardonnay und Pinot Meunier in Brut-Dosage greift thematisch den klassischen Brut-Champagner auf. Wer die Nase ins Glas hält, spürt das auch direkt. Holz, Haselnüsse und Toast spielen in der Aromatik eine Rolle, genauso auch Zitronen, Äpfel und etwas Exotik, die am Gaumen wiederkehrt. Dabei ist der Wein gleichzeitig kühl und frisch wie auch cremig und opulent mit einer positiv vibrierenden Unruhe, die sich von der Zunge bis weit in den Abgang zieht und den Crémant sehr lebendig macht.


Bezugsquelle

 

- Sektmanufaktur Strauch Zero Brut Nature: Keine Dosage, kein Schwefel, dann auch noch Pinot Blanc. Bei der Beschreibung denkt man unwillkürlich an die Côtes des Bar in der Champagne. Doch dieser Sekt entsteht in Rheinhessen und ist in seiner Frische, Rauchigkeit und Mineralität sehr gelungen.


Bezugsquelle

 

- Andres & Mugler Cuvée Louis Brut Nature 2013: Schon in der Nase ist das ein kraftvoller Vertreter seines Fachs. Steinobst, mürber Apfel und leicht tabakige und nussige Töne, die von Gewürzen begleitet werden, sorgen für Spannung. Am Gaumen dann kommt eine salzige  und steinige Würze hinzu. Ein feines Mousseux und eine straffe Säure komplettieren die Cuvée.


Bezugsquelle

 

Winzer

 

- Peter Lauer Riesling Réserve 92 nature: Andere lassen ihre Schaumweine 24 Monate auf der Hefe, im Weingut Peter Lauer hat es 24 Jahre gedauert, bis diese Riesling Réserve, die diesen Namen absolut zu Recht verdient, das Tageslicht erblickt. So ist daraus ein absolut eigenständiger Wein geworden, ein singuläres Ereignis, das mit herkömmlichem Riesling-Sekt genau gar nichts zu tun hat. Unbedingt probieren. 


Bezugsquelle

 

- Aldinger Brut Nature 2009: Einer der großen deutschen Schaumweine kommt nicht etwa aus einem dezidierten Sekthaus, sondern von jungen württembergischen Winzern, die sich immer mehr dem Schaumwein verschreiben. Der Brut Nature 2009 hat fast brutal viel Kraft und ist durch die fehlende Dosage auch ganz kompromisslos angelegt. Dazu kommt aber eine cremige Hefenote, die den Schwenk ins Elegante hinbekommt. Großartig!


Bezugsquelle

 

- Rebholz »π-no« R Brut Rosé 2010: Hansjörg Rebholz liefert mit seinen Sekten in beständiger Manier deutschen Schaumwein auf hohem Niveau. Der Rosé des Jahres 2010 hat einerseits viel Finesse und Tiefgang, gleichzeitig aber eine wunderbare, fast verschwenderische Frucht von Beeren. Der π-no schafft genau die Balance zwischen Trinkfluss und Seriosität.


Bezugsquelle

 

- Stephan Steinmetz Crémant RosaRot Brut Cuvée 2015: Der Crémant-Spezialist hat neben Elbling- und Burgunder-Cuvées seit letztem Jahr auch einen Pinot-Crémant im Angebot. Der bietet die für Crémants übliche Frische und eine leicht mit Gerbstoff versetzte Pinotfrucht zwischen Nuss, Himbeere, Erdbeere und vor allem Johannisbeere samt Stengel. Der Wein ist pikant, erfrischend und zeigt die Mineralität der Muschelkalkböden der Obermosel.


Bezugsquelle

 

- Frank John Riesling Brut -41- 2011: Frank Johns Riesling mit 41 Monaten Hefelager spielt in einer eigenen Liga. Der 2011er Brut ist dicht und cremig, hat enorm viel Körper und Tiefe, zeigt Brioche und Hefe, bleibt aber mit präsent-stimmigem Mousseux, Grapefruit und mineralischer Frische aber immer auf der frischen Seite.


Bezugsquelle

 

- Martin Sturm Riesling Sekt Brut 2014: Am Mittelrhein hätte ich solch einen Sekt bisher kaum vermutet. Martin Sturms ökologisch erzeugter Jahrgangs-Sekt duftet nach weißen Blüten, Honigseim, etwas Brioche und hat eine dezent angenehme Rieslingnote, die darauf hindeutet, dass er den perfekten Lesezeitpunkt erwischt hat. Am Gaumen gibt der Schaumwein einen angenehmen Druck, wirkt dunkel und seriös, das Mousseux liegt nicht auf reifem Champagner-Niveau, erinnert eher an Crémant, ist aber absolut passend.

Bezugsquelle

originalverkorkt

originalverkorkt

Christoph Raffelt ist ein ausgesprochen fleißiger Blogger, Kritiker, Podcaster, Prediger und Dozent in Sachen Wein. Da er auch gerne Gast ist haben wir ihn einfach eingeladen auch für uns zu schreiben.

Zum Portrait

Artikel anderer WeinPeople

Christina Fischer
Christina Fischer  -  15.09.2017
Let’s taste Südafrika
Christina Fischer
Christina Fischer  -  25.08.2017
VDP.Grosses Gewächs
Gerald Franz
Sebastian Bordthäuser
Sebastian Bordthäuser  -  14.07.2017
Der ewige Super-Second: Silvaner