Die Loire im Jahrgang 2016

Die Domaine Huet aus dem Vouvray gehört zu den legendären Produzenten französischer Weißweine aus der Pineau de la Loire, der Chenin blanc. Sie liefert seit Jahrzehnten Weine von konstant höchster Qualität, die darüber hinaus ein unvergleichliches Reifepotential besitzen. Die Domaine verfügt über drei Lagen: Le Haut Lieu, den Hausberg, den mit Mauern umfriedete Clos de Bourg hinter der Kirche Vouvrays sowie Le Mont Richtung Loire-Ufer. Sie sorgen für ein facettenreiches Lagenportfolio mit individueller Charakteristik und unterschiedlichen Stärken in den Prädikatsstufen Sec, Demi-Sec, Moelleux und Prémiére Trie, der edelsüßen Variante, die nur in Ausnahme-Jahrgängen produziert wird.

Der Jahrgang 2016 der Domaine Huet

Mit dem Jahr 2016 lieferte die Domaine Huet abermals einen exzellenten Jahrgang, der von den Basisqualitäten bis zur edelsüßen Spitze hervorragende Qualitäten lieferte, insbesondere im edelsüßen Bereich: Es wurden alle drei Lagen auch als 1er Trie ausgebaut. Eine jüngst organisierte Probe des Jahrgangs stellte alle Weine von trockenen, halbtrockenen, süßen bis zu den edelsüßen Kreszenzen vor. Gegenüber des warmen und als sensationell gehandelten Vorjahres zeigten sie sich mit mehr Finesse und strafferer Kontur. Es stellte sich rasch die Frage, ob dieses Ergebnis repräsentativ für die gesamte Loire zu betrachten sei. 

Keinesfalls. Der Jahrgang war gewiss nicht ohne Herausforderungen, manchen Ortes sogar sehr strapaziös. 2016 war ein Jahr der Winzer, wenn man es freundlich ausdrücken möchte; ein Parade-Beispiel, wie weit die Berichterstattung, die öffentliche Wahrnehmung und die Qualität der Weine oftmals auseinander klaffen: Denken wir an den als „Arschjahr“ gehandelten Jahrgang 2010, aus dem sich die Weine bester Erzeuger heute mit größter Freude bechern lassen. Schauen wir in die handelsüblichen Tabellen der Jahrgangsbewertungen, ist 2016 mit lediglich drei von fünf Punkten bewertet, was nivellierend „Durchschnitt“ bedeutet. Durchschnittlich war bei Lichte betrachtet aber sehr wenig in 2016. Weder die Wetter-Kapriolen, noch die letztlich eingeholten Qualitäten. Es lohnt also ein näherer Blick zu Beantwortung der Frage: Was war da los?

Die Winter sind seit einigen Jahren viel zu mild, so auch an der Loire. Die Reben treiben immer früher aus und die üblichen Fröste, die Ende April, Anfang Mai für gewöhnlich einsetzen, trafen in den jungen Trieben auf ungleiche Gegner. Das hatte teils massive Frostschäden mit späteren Blüteausfällen und damit starker Ertragsreduzierung zur Folge. An der oberen Loire folgten teilweise heftige Hagelschläge.

Während man versuchte, sich von Frost- und Hagelschäden zu erholen, setzte im Mai bis Ende Juni starker Dauerregen ein, in dessen Folge sich die Peronospora, der falsche Mehltau, rapide ausbreitete und hohen Pilz-Druck aufbaute. Der auszubringende Pflanzenschutz wurde stets vom Regen wieder abgewaschen und die Böden aufgeweicht, so dass die Bewirtschaftung mit Maschinen nur bedingt möglich war. Insbesondere biologisch und biodynamisch arbeitende Betriebe waren hohem Druck ausgesetzt, da das umstrittene Kaliumphosphonat gegen den falschen Mehltau nicht mehr zugelassen ist und nurmehr Kupfer und Schwefel zur Anwendung blieben, deren zulässige Höchstmengen auf Grund der ungewöhnlich langen Regenphase bald aufgezehrt waren.

Es folgte ein sehr heißer Juli und August, welche die Unbilden der Vormonate nicht kompensierten, sondern neue Herausforderungen brachten: Trockenstress. Es war teils so heiß, dass die Pflanzen teilweise die Photosynthese einstellten und die Reife der Trauben in einigen Gebieten ernsthaft gefährdet war. Es gab für die Winzer zwei Alternativen: früh ernten um zu retten, was noch hängt, oder warten bis die optimale Reifer einsetzt. Warten zahlte sich aus, auch wenn für einige Betriebe dieser Mut zum Risiko wirtschaftlich nicht darstellbar war.

Der Rest der Saison verlief wie im Bilderbuch. Die Trauben, die es bis dato schafften, konnten in aller Ruhe bei trockenem und sonnigem Wetter ausreifen. Mitte Oktober kam dann die Feuchtigkeit bei warmen Temperaturen und bescherte den Winzern, die nicht zu früh gelesen hatten, die ersehnte Edelfäule. Doch wie kommt es, dass die Kollektion von Huet mit solcher Brillanz strahlte?

2016 war auf Grund seines Witterungsverlaufs kein einfacher Jahrgang, sondern ein Jahr der konsequenten Auslese und Selektion. Dennoch sind die Defizite des Jahres allein auf quantitativer Seite zu sehen: Frost und Mehltau bescherten lediglich Verluste in punkto der Erntemenge. Manchmal dramatisch, teils sogar Existenz bedrohend. Jedoch ohne Einfluss auf die eingeholten Qualitäten. Im Muscadet sorgten die Frühjahrsfröste gepaart mit der kalten atlantischen Brise zu Blüteausfällen von 50-70%. Die Qualitäten jedoch werden von den Winzern wie 2009 oder 2010 bewertet - reifes Lesegut mit guter Konzentration und gutem Potential zur Lagerung. Der Sauvignon konnte im Sancerre und Pouilly Fumé letztlich gut ausreifen, wenn nicht aus Unrast nach dem fordernden Frühjahr und heißen Sommer nicht zu schnell geerntet wurde. Der Frost sorgte in den Gebieten für Einbußen von bis zu 30%. Den Chenin blanc hat es am härtesten getroffen, denn die geernteten Mengen sind gering. Im Anjou gab es einige wenige, dafür reife und saftige Weine, ansonsten sind die eingeholten Mengen überschaubar. Das Vouvray hat es am wenigsten hart getroffen, nur 15-25% Verlust der Menge auf Grund des Frostes sind zu beklagen. Während einige Regionen auf Grund der stark reduzierten Erträge kaum trockene Weine ausbauten, konnte die Domaine Huet die gesamte Klaviatur von trocken bis edelsüß spielen. Im Vouvray wird mit am spätesten in ganz Frankreich gelesen, teils bis in den November hinein. Und so konnten dank des langen, warmen Herbstes die Trauben vollends ausreifen. In den süßen Prädikaten trocknete der Chenin zunächst am Stock, bis die spät gelesenen Trauben für die edelsüßen Qualitäten von gesunder Botrytis veredelt wurden. Lediglich an den Rotweinen der Loire zogen die Irrungen des Jahres vorbei: Der robuste Cabernet franc fand in 2016 problemlose Voraussetzungen. Er reifte ausgeglichen und harmonisch und lieferte laut Winzerangaben feine Moste für die Rotweine. Auch die Gamay wurde in der Tourraine in guter Menge und Reife gelesen. Wir dürfen also gespannt bleiben, denn die Akte 2016 ist ohne die Rotweine noch nicht geschlossen. 

Generelle Aussagen über einen Jahrgang sind oft nicht haltbar

Das Beispiel zeigt, das generelle Aussagen über einen Jahrgang oft nicht haltbar sind, da sie oft schon innerhalb eines Gebietes keine generelle Gültigkeit besitzen können, fernab vom Können der Winzer und den Nerven aus Stahl, mit solchen Jahrgängen umzugehen. Uns als Verbraucher erschwert es natürlich, die richtigen Flaschen der Produzenten aus dem Angebot zu suchen, bei denen alles richtig gemacht wurde. Im Falle der Loire hilft uns in Deutschland eine kleine Schar an Fachhändlern, die in engstem Kontakt zu den Winzern stehen und gerne Auskunft geben. Denn guter Geschmack war schon immer etwas kniffeliger. Santé!


Bezugsquellen: 

www.gute-weine.de

alleswein.com

Weinhalle.de

vins-vivants.de

Sebastian Bordthäuser

Sebastian Bordthäuser

Der studierte Germanist betrat die Sommelierszene als Quereinsteiger. 2012 kürte Falstaff ihn zum Sommelier des Jahres. Er schreibt für Effilee, die Welt am Sonntag, Feinschmecker, BEEF und Vinum.

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