Etna - Der Berg brodelt

Der Etna ist mit 3340 Metern Europas höchster aktiver Vulkan, ein Biotop mit eigenen Gesetzen, eine Insel auf der Insel. In den Weinbars der Welt sind Etna-Weine nicht mehr weg zu denken, in Deutschland hinkt die Entwicklung noch etwas hinterher. Die Entwicklung am Berg ist dabei alles andere als neu…

Sizilien ist eine Insel, die es nicht leicht hatte in ihrer Geschichte. Zur steten Angst vorm unberechenbaren Grollen und den Eruptionen des Berges kamen seit der Antike eine manierliche Anzahl an Besatzern: Griechen, Vandalen, Mauren, Spanier, alle sind einmal über die Insel gerutscht, in den wenigsten Fällen mit guten Absichten. Doch einmal hatte es auch etwas Gutes -  die Griechen brachten den Wein mit. Man geht zwar heute davon aus, dass es bereits davor Weinbau auf Sizilien und am Etna gab, doch die Griechen brachten nicht nur neue Reben mit, sondern auch System in die Angelegenheit. 

Weinbau auf dem Etna ist folglich nicht wirklich neu, Qualitätsweinbau hingegen schon. Erst seit 1968 wird am Etna Weinbau nach DOC Statuten betrieben, der ihm seinen Herkunftsschutz sichert. Die DOC Etna umfasst heute gut 4000 Hektar Rebanlagen zwischen 400-1000 Metern, Weingärten die oberhalb dieser Grenze liegen und bis zu 1300 Höhenmetern reichen, fallen nicht mehr unter den Herkunftsschutz. 

Vor 1968 wurde ausnahmslos Fasswein produziert, den Berg hinuntergerollt und im nahegelegen Riposto verschifft: Nach England, Frankreich und Norditalien. Dort wurde er entweder unter dem Namen seiner Herkunft vertrieben oder verschwand in den Cuvées der Regionen, um den Weinen Farbe und Kraft zu geben. Die Ernte war bereits im November verkauft, der Rubel rollte und es bestand daher keinerlei Ambition, Weine in Flaschen zu füllen oder sich als Selbstvermarkter zu profilieren. Diese Entwicklung begann erst Ende der 80er Jahre mit den Pionieren des Berges, Giuseppe Benanti mit seinem Kellermeister Salvo Foti, Andrea Franchetti, Marco di Grazia und später Frank Cornelissen. 

Der Etna verfügt neben seiner besonderen Topografie über einen weiteren, einzigartigen Schatz: Seine Rebsorten. Nirgendwo sonst in Italien werden Nerello Mascalese, Nerello Cappuccio, Minella Nera und Cesanese d’Affile angebaut. Ach die weiße Carricante und Minella Bianco finden sich ausschließlich am Etna. Zwar werden inzwischen auch internationale Rebsorten wie Syrah, Cabernet oder Chardonnay angebaut, der Großteil beschränkt sich jedoch auf die autochthonen Reben des Berges. Seine hohen Temperatur-Amplituden zwischen Tag und Nacht von bis zu 25 Grad sorgen trotz südlicher Lage für frische Säure in den Weinen, die trotz ihrer oftmals 14% und mehr mit großer Transparenz und Vibration brillieren. Dank seiner vulkanischen Böden mit immensem Wasserspeicher ist der Etna auch im Sommer stets grün mit guten Wasserreserven, während der Rest Siziliens braun und ausgedörrt unter der Hitze ächzt. Bewässerung ist folglich überflüssig, die Böden sind satt und nährstoffreich.

Die Nordseite des Berges gilt als beste Region für Rotweine. Die Strada Provinciale SS120 führt von Linguaglossa über Rovitello, Solicchiata über Passopisciaro nach Randazzo. Links und rechts dieser Achse liegen die Contrade, die Lagen, die sich teils über mehrere Gemeinden erstrecken können und auf 1000 Metern von der Quota Mille, der Strasse entlang des Nationalparks, begrenzt werden. Dabei sind sie stets definiert durch die unterschiedlichen Böden dank der unzähligen Eruptionen des Berges. Dazu kommen die variierenden Höhenmeter sowie die Zeit der Eruptionen, die jeweils andere Mineralzusammensetzungen und je nach Alter unterschiedliche Verwitterungsstadien haben. Der Blick auf eine Karte mit den unterschiedlichen Contrade, die derzeit von der Universität von Catania erstellt wird, erinnert mit den unterschiedlichen Eruptionen, Lagen und Höhenmetern an eine immens kleinteiliges Puzzle.

Diese Voraussetzungen sorgt für ein riesiges Spektrum an Weinen, stets geeint durch ihren Haupt-Protagonisten: Die Nerello Mascalese. Die Weine aus der Nerello haben stets eine frische Frucht, die oft durch balsamische und würzige Noten nach Pfeffer und Sandelholz ergänzt wird. Kraftvoll mit dichtem Extrakt schmecken sie trotz ihres Volumens stets frisch und haben eine feine Säure mit großer Transparenz und Vibration. 


Die Ostseite des Berges bei Milo ist den Weißweinen aus der Carriacnte vorbehalten. Übersetzt bedeutet dies „überladen“, was auf die Geschichte des Etna als Fasswein-Produzent und die Carricante als Massenträger verweist. Ertragsreduziert liefert sie heute Spitzenweine, die auch mit dem Zusatz Superiore auf den Markt kommen. Kräuterwürzig und frisch sind sie aus mindestens 80% Carricante mit etwas Minella verschnitten oder oft auch reinsortig zu finden.

Auf Grund der hohen Popularität und einer Explosion von fünf auf derzeit über 150 Betriebe (Tendenz steigend) wird es eng am Nordhang und in Milo, wo Boden dank der zunehmenden Zahl an Ferienhäusern knapp wird. Der jüngste Zugang am Berg ist Angelo Gaia, der sich diesen Frühling im Südosten des Etna eingekauft hat und für 2018 den ersten Wein plant. 

Spätestens dies belegt: Der Etna ist hip wie nix zweites in Italien und darüber hinaus. Doch wie sieht es mit der Zukunft der Weine aus? Wie reifen sie? Diese Frage wird oft mit einem Schulterzucken beantwortet, denn es gibt schlicht keine Erfahrung mit dem Thema. Die ältesten Flaschen, die man derzeit findet sind höchstens 20 Jahre alt und auf dem deutschen Markt schwer zu finden. Wer jedoch das Glück hatte, einen alten Nerello zu verkosten, in Italien oder einer Weinbar in Brooklyn, dem ist sofort klar: Der Etna hat das Potential zur Top-Region. 

Empfohlene Produzenten (alle mit Vertreib in Deutschland):

Tenuta di Terre Nere

Chiara Vigo

Bildrechte: © San Gregorio di Catania; iStock Fotografie

Sebastian Bordthäuser

Sebastian Bordthäuser

Der studierte Germanist betrat die Sommelierszene als Quereinsteiger. 2012 kürte Falstaff ihn zum Sommelier des Jahres. Er schreibt für Effilee, die Welt am Sonntag, Feinschmecker, BEEF und Vinum.

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