Fizz – Englands feine Bläschen

Wer heute durch den Süden Englands reist, hat meist nicht mehr nur die wildschöne Landschaft auf dem Programm. Es sind nicht nur die pittoresken alten Dörfer, Gärten und Herrenhäuser, die begeistern, es lohnt sich ebenso, besondere Restaurants in die Planung mit aufzunehmen; denn gut essen kann man längst nicht mehr nur in London. Gute Küche wurde in England zwar von inländischem Bier oder Cider, aber meist von ausländischem Wein begleitet. Das hat sich im Laufe der letzten Jahre geändert. Heute findet man in den Lokalen auf dem Lande ebenso wie in Londoner Szenebars englische Weine und vor allem Schaumweine – Fizz, wie man dort sagt. 

Weinbau mit einzigartigem Standortvorteil

Weinbau hat in England Tradition, schließlich war das Gebiet von den Römern erobert, und die hatten ihre Reben mitgebracht. Auch die Klöster produzierten Wein, zum Beispiel vor 900 Jahren in Nitimbreha, dem heutigen Nyetimber. Doch krähte lange Zeit kein Hahn mehr nach englischem Wein. Zu kalt und zu nass war es für die Reben, zu stark die Konkurrenz aus anderen Ländern. Das änderte sich erst, als mutige Entrepreneurs wie die Gründer des Weinguts Nyetimber in den 1980er Jahren Parallelen zur 300 Kilometer entfernten Champagne erkannten und daraus ihre Schlüsse zogen. Schließlich verfügt der Süden Englands mit den Grafschaften Sussex, Kent oder Hampshire über ähnliche Böden wie das berühmte französische Anbaugebiet. Immerhin war Großbritannien einst Teil des Kontinents – auch wenn das auf der Insel kaum jemand gerne hört. Diese Gebiete Englands sind also von der Bodenstruktur her Teil des Pariser Beckens, und in ihnen hat sich die gleiche Kreide und der gleiche Kalk abgelagert wie in Reims oder Epernay. 

So pflanzte man bei Nyetimber 1988 die gleichen Sorten Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier wie in der Champagne, und man setzte gleichfalls auf die traditionelle Methode. Das Ziel war klar: »To make the finest english sparkling wine, one to rival the best in the world, including Champagne.« Know-how wurde bei Nyetimber und weiteren Weingütern zunächst aus Frankreich oder beispielsweise auch vom Schaumweinspezialisten Volker Raumland eingeworben. Nach einigen schwierigen Jahren begann das Geschäft zu laufen. Schließlich trinken die Britten für ihr Leben gerne gute Schaumweine, und sie pflegen auch ihren Stolz auf inländische Produkte. 

Weinbau auch im Südwesten

Dass englischer Weinbau jedoch nicht nur auf der Kreide in Sussex und Hampshire zu sehr guten Ergebnissen führt, zeigen Bob und Sam Lindo im Camel Valley in Cornwall. Dort vermutet eigentlich niemand Weine auf internationalem Top-Niveau. Aber es gibt sie. Auch die Lindos haben 1988 angefangen, also zur gleichen Zeit wie Nyetimber. Allerdings haben sie nicht auf den Vergleich mit der Champagne gesetzt; denn in Cornwall gibt es keine Kreide. Für sie war etwas anderes entscheidend. Die Kühle in Verbindung mit der sehr langen Vegetationsperiode, die rund 30 Tage länger dauert als in der Champagne, führt zu straffen, säurebetonten und gleichzeitig fruchtigen Weinen. Dieser Vorteil gleicht den Nachteil des Bodentyps aus. Im Camel Valley herrscht nämlich Lehm vor. Für Lindo ist das kein Problem. Der Lehm wirke sich im kühlen Klima eher als Vorteil aus, und er bringe mehr Substanz in die Frucht, sagt er. Probiert man seine Weine, dann kann man ihm erstaunlicherweise nur Recht geben. Während die Sussex-Schäumer sich stark und bewusst am Stil der Champagne orientieren und den Kampf um den Sieg in Blindverkostungen mittlerweile auch schon mal für England entschieden haben, sind die Weine aus dem Camel Valley deutlich anders. Sie wirken eher wie Crémants auf Top-Niveau – selbstbewusst mir klarer Kante und klarem Charakter. Das merkt man auch, wenn man die Schäumer von Polgoon im äußersten Südwesten des Landes probiert oder auch die von Trevibban, die zeigen, dass selbst im klimatisch schwierigen England Bioweinbau möglich ist. Gleiches gilt für das Weingut Aldwick in Somerset, dessen Weine im nur wenige Kilometer entfernten Restaurant The Ethicurean, einem kulinarischen Kleinod in Somerset, ausgeschenkt werden. Platzhirsch bleibt in diesem Bereich jedoch eindeutig Camel Valley.

  

Zu welchem Essen passen die englischen Schäumer eigentlich?

Diese Frage hat mich natürlich beschäftigt, und ich habe im Ethicurean und bei der deutschen Master of Wine, Anne Krebiehl, eine ganz ähnliche Antwort erhalten: Mit ihrer Frucht und Säurestruktur passen die Weine allgemein hervorragend zu Käse. Und so habe ich vor allem mit Schafskäse sehr gute Erfahrungen gemacht, da er mit der Säure gut harmoniert. 

Da ich nun schon mal im Gespräch mit Anne Krebiehl war, hatte ich noch ein paar zusätzliche Fragen. Auch wenn sie als Master of Wine in der ganzen Weinwelt zu Hause ist, liegt ihr besonderer Fokus doch auf Schaumweinen. Und da sie schon lange in London lebt und das UK als ihre Heimat betrachtet, hat sie die Entwicklung des englischen Weinbaus über längere Zeit intensiv verfolgt. 

Anne, der English Sparkeling hat im Land selber mittlerweile eine große Bedeutung im Markt der Schaumweine erlangt. Er wird dabei gerne mit Champagner verglichen. Das liegt ein bisschen auf der Hand; denn er ist ziemlich teuer, und die Böden sind zumindest in Ansätzen vergleichbar. Wo aber liegt für Dich der große Unterschied?

Ja, früher oder später kommt ein Vergleich mit der Champagne unweigerlich ... es gibt zwar Parallelen, aber ebenso viele Divergenzen. Es wird immer viel von der Kreide geschrieben. In England jedoch ist eine geschützte und bevorzugte Lage weit wichtiger als der Kreideboden. Dennoch, man hat sich viel Expertise aus der Champagne geholt und sieht diese Region auch wirklich als tonangebend in Sachen Önologie an. Der große Unterschied liegt an dem viel jüngeren Alter der Reben und an der Tatsache, dass man bis von ein paar Jahren kaum den Luxus hatte, Reserveweine zurückzubehalten: Es wurden also hauptsächlich Jahrgangsweine herausgegeben. Und dann ist da noch die englische Säure, die einem einfach schmecken muss, und ferner die weit niedrigeren Erträge.

English Sparkling ist eine noch recht neue Erscheinung. Wie haben sich die Weingüter und möglicherweise auch der Stil bis heute verändert? Gibt es so etwas wie ein »Erwachsenwerden«?

Ja, so etwas gibt es: Die Adoleszenz begann dann, als wirtschaftlich denkende und gut finanzierte Weingüter mit ins Spiel kamen – das begann mit Nyetimber und Ridgeview und setzt sich fort mit Hambledon, Gusbourne, Wiston und Hattingley Valley. Das Erwachsenwerden liegt in der Tat im Aufkommen von nicht jahrgangsdatierten Weinen – was nicht heißen will, dass die Jahrgangsweine schlechter seien, im Gegenteil, da gab und gibt es spektakuläre Highlights über die Jahre hinweg. In den Reserveweinen bewegt sich aber mehr als nur ein klimatischer Ausgleich von sehr unterschiedlichen Jahrgängen: Sie zeigen eine Reife und Flexibilität des Geschäftsmodells, die es bisher weniger gab. Was den Stil anbelangt, so ist es wunderbar, zu verfolgen, welche Vielfalt sich entwickelt hat.

Englischer Weinbau ist also erwachsen geworden. Das erkennt man auch am Preis, der mit all den Auszeichnungen, die die Schäumer eingefahren haben, ebenso selbstbewusst geworden ist wie die Weinmacher. Die Schäumer werden vor allem im eigenen Land verkauft, jedoch nicht ausschließlich; denn einige bekommt man auch hier. Und zu einem von Englands berühmtesten Schaumweinen hat Sommelier Manu Rosier von der Berliner Weinbar »Schwein« noch einen besonderen Tipp beigesteuert:

»Mein Bubble des Sommers 2017: Nyetimber Classic Cuvée 2009 aus UK, West Sussex. Chardonnay, Pinot Noir und Meunier –  alle drei Königstrauben aus der Champagne sind vertreten! Aber aus UK? Ja, aus UK! Das Zeugs liegt drei Jahre auf der Hefe und kann locker mitspielen in der Reihe all der Champagner und Crémants, die ich über die Jahre hinweg probiert habe. Silbrig golden, feine Bläschen, sexy, frisch, ein Geschmack wie Honig, Mandel, gebackener Apfel, hausgemachte französische Kuchen. Der Sparkling wirkt vertraut sinnlich am Gaumen .... Dazu empfehle ich unser Beef Tartare Schwein Style –  ich schwöre, das wird unvergesslich! Beschwerden bitte an mich persönlich!«

   

Zum Schluss noch eigene Tipps:

Neben den erwähnten Weinen von Nyetimber, die es zum Beispiel bei Wagners Wein Shop gibt, wären das:

Der Balfour 1503 Rosé aus der Hush Heath Winery. Richard Balfour-Lynn ist der Experte für Rosé-Sparklings der Insel. Der Wein wird in Champagne-Manier aus den drei typischen Rebsorten gekeltert, weiß ausgebaut und mit etwas rotem Stillwein versehen. Waldbeerenfrucht trifft hier auf eine sehr frische Struktur mit klarer Säure.

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Die Wiston Estate Cuvée entsteht in West Sussex, wird ebenfalls aus den klassischen drei Rebsorten der Champagne durchweg im Holz ausgebaut. Sehr sophisticated mit viel Druck bei gleichzeitiger Tiefe. Beziehbar ab Weingut.

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Bei Camel Valley beeindruckt der 2014er Jahrgang direkt mit drei Weinen. Beim 2014er Camel Valley Pinot Noir Rosé brut werden die Pinot-Trauben gemahlen und dann in der pneumatischen Presse nach kurzer Standzeit gepresst. Dadurch entsteht ein lachsfarbener Rosé, der weder wie die typischen Champagne-Cuvées noch im Saignée-Verfahren ausgebaut wird. Sehr pur, sehr klare, saftige Frucht mit feiner Würze. Der 2014er White Pinot Noir Brut besticht durch Eleganz, Pinot-Frucht und große Frische. Der 2014er Chardonnay Brut setzt noch mal eins drauf. Durch die markante Säure verfügt der Wein über eine immense Frische und viel Druck am Gaumen, ist dabei aber durch und durch reif. Der Chardonnay zeigt sich in Aromen von Äpfeln, Nüssen und einem Hauch von frischem Briocheteig, ohne aber zu sehr in diese Aromatik abzugleiten. Das ist ein sehr überzeugender Blanc de Blancs. Die Weine sind ab Hof mit relativ niedrigen Versandkosten nach Deutschland (rund 20 Pfund) zu erwerben.

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Bildrechte: © Christoph Raffelt

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Christoph Raffelt ist ein ausgesprochen fleißiger Blogger, Kritiker, Podcaster, Prediger und Dozent in Sachen Wein. Da er auch gerne Gast ist haben wir ihn einfach eingeladen auch für uns zu schreiben.

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