Glühwein – gibt’s den auch in gut?

Eigentlich ist es sehr unerfreulich: Draußen ist es kalt, ein Schluck Warmes würde durchaus guttun. Doch der allseits herrschende penetrante Geruch von verkochendem Fuselalkohol vertreibt einen ganz schnell wieder von den öffentlichen Plätzen – oder zumindest von dort, wo der Glühweinausschank stattfindet. Dabei ist die Idee, einen einfachen Wein mit Gewürzen zu versetzen und zu erwärmen, durchaus schön und passend. Früher war das völlig normal. Mit früher meine ich die Zeit bis ins Mittelalter, sogar noch in die Renaissance hinein; denn schon bei den Römern, Griechen und Etruskern war es Usus, Wein mit Gewürzen zu versetzen. Bei den Römern beispielsweise kochte man Honig mit Wein auf, fügte Pfeffer, Gewürze, geröstete Dattelkerne, Mastix, Safran und Lorbeer hinzu und verdünnte das Gebräu später wieder mit Wein. Dieses Conditum paradoxum sollte nicht nur wärmen, ihm wurde auch eine besondere Heilkraft zugeschrieben. Gewürze wurden jedoch nicht nur wegen des Wohlbefindens eingesetzt, sondern sicher auch, um Qualitätsmängel bei der Weinbereitung zu überdecken. Bis ins Mittelalter wurde ja fast überall Wein angebaut, auch dort, wo er nicht reif werden konnte, weil es zu kühl war. Doch mangels sauberen Wassers musste Wein her – entweder pur getrunken oder als Anteil im Wasser, um dieses überhaupt trinkbar zu machen. 10 % Wein dürften in jedem Trinkwasser gewesen sein, das Menschen im Mittelalter zu sich genommen haben. Alkoholismus wurde daher als deutlich weniger schwerwiegend angesehen als eine chronische Diarrhoe. Und wenn man sich schon in diese düsteren Zeiten zurückversetzt, dann sollte man einen Lichtblick nicht übersehen, dass nämlich für manche der Alltag gewiss eher zu ertragen war, weil sie den ganzen Tag leicht einen sitzen hatten. 

Sicher hätte man das, was ich gerade verächtlich gemacht habe und was heute flächendeckend an den Ständen der Weihnachtsmärkte angeboten wird, im Mittelalter mit Kusshand genommen. Zutaten wie Orangen, Zimt, Nelken und Sternanis waren damals, wenn überhaupt, dann nur für den Adel verfügbar. In dem gewöhnlichen Nutzgarten eines abhängigen Kleinbauern in Verden an der Aller wuchs so etwas eben nicht. Diese orientalischen Zutaten sind bei uns erst im 20. Jahrhundert für die Masse verfügbar geworden. Und so ist auch der moderne Glühwein ein Produkt des 20. Jahrhunderts. Es war ein Mann namens Rudolf Kunzmann, der 1956 in seiner Ein-Mann-Kellerei in Augsburg den ersten mit Zucker und Gewürzen versetzten Rotwein als Glühwein abgefüllt und verkauft hat. Weil der Zusatz von Zucker zum Wein rechtlich verboten war, bekam er prompt einen Bußgeldbescheid. Später wurde das Weinrecht geändert und der Glühwein verbreitete sich rasant. Auch daran war die Familie Kunzmann beteiligt; denn sie gehört bis heute zu den führenden Anbietern dieses Getränks, das mittlerweile in alle Welt verkauft wird. Bei den Kunzmanns hat man allein in den letzten zehn Jahren den Umsatz verdoppelt. 

Wer den Wein selbst aufsetzt, kann sich die Qualitäten natürlich selber wählen, doch wenn man auf den Erwerb abgefüllter Ware angewiesen ist, muss man früher oder später die Frage stellen: Gibt es eigentlich guten, trinkbaren, sauber vinifizierten Glühwein? Es gibt ihn. Und fünf Varianten stelle ich gerne vor. 


Glühwein – die klassische Variante

Die meisten Abfüller von Glühweinen findet man in Baden und Württemberg. Das dürfte daran liegen, dass die zahlreichen Winzergenossenschaften über ein umfangreiches Angebot verfügen, zu dem im Winter immer auch mindestens eine Glühwein-Variante zählt. So ist es auch bei den Winzern der Bezirkskellerei Markgräflerland. Im Dreiländereck von Deutschland, Frankreich und der Schweiz veredelt man den Winzerglühwein mit Zimt, Nelke, Kardamom und diesem typischen Hauch von etwas, was nicht verraten wird. Die weiße Variante des Glühweins verbindet die Süße mit einer angenehm frischen Note, in die sich die nicht zu sehr ausladenden Gewürze bestens integrieren. Die Orangennote gefällt mir sehr gut in Verbindung mit einer Spur Zimt. Für Kardamom bin ich ohnehin immer zu haben, wenn er zurückhaltend eingesetzt wird. Die rote Variante wirkt deutlich fruchtiger. Sie erinnert sowohl in der Nase als auch am Gaumen vor allem an gezuckerte Erdbeeren und Orangen, über die ein Hauch an Gewürzen gerieben wurde.

Glühwein – die Sieger-Variante

Im pfälzischen Neustadt-Speyerdorf bewirtschaftet Jürgen Andres mit seiner Familie 21 Hektar Rebfläche. Neben pfälzischen Klassikern wie Riesling, Weißburgunder oder Silvaner findet man bei ihm auch Gutedel, Auxerrois und eine ganze Reihe roter Rebsorten von Pinot Noir bis zum Schwarzriesling. Daraus macht Andres neben vielen anderen Varianten auch zwei Glühweine. Für die rote Variante »Winterpulle« hat er vom Wein- und Genussmagazin selection bereits dreimal hintereinander den Preis für den besten Glühwein aus roten Sorten erhalten. Das ist doch mal eine Ansage! Die weiße »Winterpulle« wird im Duft von Nelke geprägt, die sich auch im Geschmack am deutlichsten wiederfindet. Der Glühwein aus Müller-Thurgau ist fruchtig, saftig und balanciert süß. Die rote »Winterpulle« duftet ähnlich markant nach Nelke. Der Dornfelder dürfte allerdings mit mehr Restzucker abgeschmeckt worden sein als die weiße Variante. Der rote Glühwein erinnert aromatisch an gezuckerte Zwetschgen, Erdbeeren, Orangen, Nelken und Zimt.

Glühwein – die moderne Variante

Dass Glühwein auch in hip geht, beweist der Online Weinhändler Geileweine. Dort lässt man von der Kurfürstenkellerei in Mainz einen Glühwein namens GLHWN abfüllen. Mit einer solchen Flasche darf man dann auch modern gestaltete Penthousewohnungen in Berlin Mitte betreten, ohne sich schämen zu müssen. Der rote Glühwein ist dunkel und dunkelbeerig, auch wenn sich in ihn ein Hauch von Erdbeeren mischt. Die Aromatik wird von Nelken, Zimt und Orangen bestimmt. Am Gaumen ist der Glühwein vorne recht süß, zum Schluss wirkt er trockener, er ist cremig und betont rotfruchtig.

Glühwein – die ökologische und solidarische Variante

Die Lebenshilfe Bad Dürkheim wurde 1965 als Selbsthilfeverein von Eltern gegründet, die ihre geistig behinderten Kinder gut versorgt wissen wollten. Daraus ist im Laufe der Zeit eine Institution geworden, die neben Frühförderstellen, Kindergarten und Schule, Werkstatt und Wohnprojekten auch über einen Demeter-Bauernhof und ein Weingut verfügt. Jan Hock ist der Mann, der dort zusammen mit 33 behinderten Mitarbeitern und einigen Fachkräften 18 Hektar bewirtschaftet. Neben Wachenheimer und Dürkheimer Orts- und Lagenweinen, Gutsweinen und Cuvées, die alle nach Bioland-Richtlinien zertifiziert sind, gibt es im Winter auch einen Glühwein, bei dem nicht nur der Wein, sondern auch die weiteren Zutaten bio sind. Der Glühwein mit dem netten Etikett wirkt farblich wie ein Pinot. Er ist relativ hell und durchscheinend. In der Nase ist er fast zurückhaltend elegant und so ganz anders, als man es sonst findet. Das setzt sich im Mund fort. Es ist ein guter Grundwein, der nur zurückhaltend gewürzt ist und bei dem sich auch der Restzucker im Grenzen hält. Der Glühwein ist saftig und frisch. Die Gewürze von Orangenschale, Zimtrinde, Zitronenschale, Sternanis, Ingwer und Nelken sind gut ausgewählt und geben zusätzliche Frische.

Glühwein – die VDP-Variante

Das sächsische Weingut Schloss Proschwitz hat eine bewegte Geschichte. Es ist das älteste private Weingut des kleinsten Anbaugebietes in Deutschland. Früher entstanden hier die Messweine der Bischöfe von Meißen. Nach der Säkularisation gelangte das ursprüngliche Rittergut in den Besitz der Prinzen zur Lippe, die 1945 von den Sowjets enteignet wurden. Nach dem Fall der Mauer hat Georg Prinz zur Lippe damit begonnen, Teile des Familienbesitzes zurückzuerwerben, und hat das teils verwahrloste Gut von Grund auf neu aufgebaut. Schloss Proschwitz ist längst Teil des Verbandes der Prädikatsweinwinzer (VDP) und eines der führenden Weingüter der Region. Dass man sich hier nicht zu schade ist, als Vorzeigeweingut auch einen Glühwein im Programm zu haben, finde ich sehr angenehm. In der hübsch gestalteten Flasche findet sich ein ungewöhnlicher, charaktervoller Glühwein. Ungewöhnlich schon deshalb, weil er gerade einmal einen Restzucker von 0,9 Gramm hat. Er punktet vor allem mit puren Beerennoten, in die sich Gewürze mischen. Der Wein ist nicht pappig und auch nicht plakativ. Wer nachsüßen oder ein Scheibchen Orange hinzufügen möchte, kann das natürlich gerne machen – ich mag ihn pur lieber. 

Schon bei diesen Varianten wird klar, dass Glühwein sich ganz unterschiedlich präsentieren kann – in Flaschenausstattung und Geschmack. Von den erstgenannten Weingütern bzw. Genossenschaften gefielen mir die weißen Varianten deutlich besser. Sie waren würziger und markanter. Beim GLHWN punktet vor allem das Auftreten während der Geschmack ganz klassisch ist. Die Lebenshilfe und Schloss Proschwitz bringen eine andere Komponente mit ein. Sie liefern die moderater gesüßten und gewürzten Varianten, die schon durch den qualitativ hohen Grundwein punkten. Mein persönliches Resümee lautet: Für mich darf es in diesem Jahr noch ein oder ein zweites Glas Glühwein sein. Ich habe meinen Lieblingsglühwein bei diesem Text entdeckt.


Bilder: Christoph Raffelt

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Christoph Raffelt ist ein ausgesprochen fleißiger Blogger, Kritiker, Podcaster, Prediger und Dozent in Sachen Wein. Da er auch gerne Gast ist haben wir ihn einfach eingeladen auch für uns zu schreiben.

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