Mia staunt sich durch ein Weingut

"Zum Weingut? Da ist kein Weingut. Das ist ne Wohnstraße.", sagt der Taxifahrer, dem ich gerade erklärt habe, dass ich in die Faisstraße in Heilbronn möchte, um dort das Weingut Drautz-Able zu besuchen. "Doch, doch!", versichere ich ihm ohne zu zögern, weil Stéphanie de Longueville-Drautz mich auf eine derartige Szene bereits vorher am Telefon vorbereitet hatte. "Mittendrin. Da ist das Weingut! Fahren Sie einfach mal los!".

10 Minuten stehe ich davor. Ein modernes, kleines Gut mitten zwischen lauter Wohnhäusern und Stéphanie öffnet mir mit einem herzlichen Lächeln die Tür. "Schön, dass du da bist!", sagt sie. Und das finde ich auch. Seit ich für WeinPlaces schreibe, hege ich nämlich einen großen Wunsch: Ich möchte gerne ein mal hinter die Kulissen eines richtigen Weingutes schauen und einen echten Winzer mit den vielen kleinen Fragen löchern, die mir auf der Seele brennen. Heute ist es soweit.

Auf dem Weingut ist gerade Mittagspause – und die wird von allen Mitarbeitern und natürlich dem jungen Winzer Markus Drautz gemeinsam regelrecht zelebriert. Jeden Mittag wird gemeinsam mit allen gekocht und gegessen, um anschließend gestärkt wieder ans Werk zu gehen.

Das Weingut von innen ist modern gestaltet: Eiche massiv, Edelstahl und Stein wurden hier verarbeitet. Das sind ganz nebenbei auch die Materialien, mit denen hier gearbeitet wird. Die Vinothek, die erst vor 1,5 Jahren so gebaut wurde, ist konzeptionell gut durchdacht und wunderbar eingerichtet. Wir nehmen an einer schönen, langen Holztafel Platz.

Das Weingut Drautz-Able ist ein privat orientierter Betrieb, der bis in die 70er Jahre noch viele gemischte Güter vertrieben hat. Heute geht es hier jedoch nur noch um eins: ziemlich guten Wein. Diesen kann man auch direkt vor Ort erwerben und sich selbst einen Eindruck machen. 16 Hektar voller feiner Reben gehören zum Gut, sodass die "Weinproduktion" aus Platzgründen inzwischen komplett aus dem Gebäude ausgelagert wurde.



"Was möchtest du denn wissen?", fragt Stéphanie mich. "Alles. Was macht ihr auf einem Weingut das ganze Jahr, wenn nicht gerade Weinlese ist? Wie kann ich mir so ein "Wein-Jahr" vorstellen?", antworte ich grinsend, wohlwissend, dass wir sicher nicht in 5 Minuten durch sein werden. Und so beginnt Stéphanie geduldig eine lange Reise mit mir. Ein mal quer durch durch das Jahr des Winzers.

Das Jahr des Winzers beginnt wie das Kalenderjahr im Januar. Ich bin erstaunt, denn: Im Januar wächst doch gar nichts? Doch in diesem Monat muss eine sehr wichtige Arbeit getan werden: der Rebschnitt. Beim Rebschnitt entscheiden die Winzer, welche Ruten in diesem Jahr den kostbaren Wein tragen sollen – und das ist eine schwerwiegende Entscheidung, die viel Weitsicht und Erfahrung braucht, denn: alles andere alte Holz wird hier entfernt und es bleibt nur stehen, was stehen bleiben soll. Das ganze dient der Qualitätssicherung. Je weniger die Pflanze später mit ihrer Kraft versorgen muss, desto besser wird der Wein. Der Rebschnitt ist reine Handarbeit und nimmt dementsprechend viel Zeit in Anspruch.

Sobald es langsam wärmer wird, muss der Rebschnitt abgeschlossen sein, denn in März und April ist es an der Zeit, die Reben zu biegen und zu binden. Ihr habt es sicherlich schon mal gesehen: Die Reben des Weines wachsen an mehreren (Draht-)seilen entlang. Das passiert nicht von alleine, sondern ist ebenfalls Handarbeit. Dass der April wettertechnisch gern "macht was er will", ist hier durchaus erwünscht. Der Regen hält die Reben biegsam und geschmeidig und macht die Arbeit etwas leichter. Anstrengend ist es aber sicher trotzdem.

Während die Pflanze nun beginnt, auszutreiben, muss sich um alles drum herum gekümmert werden: Der Boden will gepflegt und gedüngt werden, um die Reben optimal mit Nährstoffen zu versorgen und auch der Pflanzenschutz erledigt sich nicht von allein. Sobald der Wein zu blühen beginnt, braucht er lediglich ein bisschen Ruhe, um zu gedeihen. Er ist ein Selbstbefruchter und vom Bienensterben nicht betroffen. Mitunter werden an dieser Stelle schon erste Fruchtansätze manuell entfernt. Das bedeutet zwar einen geringeren Ertrag, aber gleichzeitig auch wieder mehr Qualität, da die Pflanze ihre Kraft auf weniger Trauben aufteilen muss.

In Juni und August ist der Winzer mit sogenannten "Laubarbeiten" beschäftigt. Überflüssige Blätter werden entfernt, damit der Wind den Wein bei Regen schnell wieder trocken pusten kann und alles optimal belüftet wird und manchmal müssen Triebe festgebunden werden, damit sie der Wind nicht abbricht. Die Laubwand, die hierbei entsteht, wird über immer wieder "sortiert", damit alles intakt bleibt und optimale Vorraussetzungen für einen bestmöglichen Wein gegeben sind.

In der Zeit vor der Lese kommt es immer wieder dazu, dass unreife Trauben vom Winzer absichtlich entfernt werden. Dies wird getan, um den Rebstock zu entlasten und – wieder einmal – die Qualität zu steigern. Was wann und wo bewusst entfernt wird? Das verrät dem Winzer seine Erfahrung.

Dann kommt sie endlich – die Lese. Eine Faustregel besagt, dass sie ca. 100 Tage nach der Blüte beginnt. Sie ist das Einzige, was ich von der Arbeit eines Winzers schon kannte. Einige Weingüter haben die Lese inzwischen vollständig auf Maschinen umgestellt, doch bei Drautz-Able ist sie immer noch Handarbeit. Denn im Gegensatz zu den Maschinen kann der Mensch viel gezielter arbeiten, wodurch schlechte Trauben besser heraus gesammelt werden können und der Weinstock geschont wird.
Auch, wenn per Hand gelesen wird, wird jedoch viel auf dem Weinberg herum getreten und die Erde muss anschließend wieder aufgelockert und/oder umgepflügt werden.

Und nach dem Herbst? Nach dem Herbst ist vor dem Herbst! Im Winter wird der Wein gemacht.
Nun beginnt das Abpressen, der Wein entsteht, wird abgefüllt und weil dabei jede Menge Unordnung und Flecken entstehen, wird auch jede Menge geputzt. Das ganze geht so bis mindestens November. Und dann haben sich alle auch ein bisschen Ruhe redlich verdient. Denn im Januar geht es schon wieder los, das Wein-Jahr, das bedingt durch Witterung, Temperatur und viele andere Einflüsse immer wieder ein bisschen anders ist.



Nach einer kleinen Wanderung durch einen der Weinberge und den Weinkeller, treffen Stéphanie und ich im Herzstück des Gutes ein und ich darf sogar noch live erleben, wie der Wein von Drautz-Able entsteht. Ein Gläschen des frischen, noch trüben Rotweines lasse ich mir nicht entgehen. 

Tausend Dank an Stéphanie und die herzlichen Mitarbeiter! Ich mache jetzt ein Häkchen auf meiner Wunschliste. Was für ein schöner Tag!

Prost! Mia

Küchenchaotin

Küchenchaotin

Mirja Hoechst ist leidenschaftliche Food-Bloggerin. Auf kuechenchaotin.de schreibt sie über alles, was ihr kulinarisch am Herzen liegt. Für WeinPlaces geht sie einmal im Monat auf Entdeckungsreise in die Welt des Weins.

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