Neuseeland – Weit mehr als Sauvignon blanc

Am Anfang stand der Sauvignon Blanc

Als Dave Hohnen 1985 das Weingut Cloudy Bay nahe der gleichnamigen Bucht in der Region Marlborough auf Neuseelands Südinsel gründete, gab es dort genau vier weitere Weingüter. Diese Weingüter kannte außerhalb von Neuseeland niemand. Auch sonst in Neuseeland steckte der Weinbau in den Kinderschuhen – wieder in den Kinderschuhen, muss man sagen; denn nach dem ersten Anlauf im 19. Jahrhundert gab es eine lange Phase der Prohibition, und in den 1970ern hatte man beim Neubeginn die falschen Berater: deutsche Weinbau-Professoren, die den Anbau von Müller-Thurgau propagierten. Das ging gründlich schief, und nur einige wenige Optimisten ließen sich nicht entmutigen, sondern gingen ihren eigenen Weg. Zu ihnen gehörte Clive Paton mit seinem Weingut Ata Rangi, ferner Judy und Tim Finn mit ihrem Neudorf Estate und eben auch Dave Hohnen, der schon mit seinem Weingut Cape Mentelle in Australien erfolgreich gewesen war. Sie alle setzten auf französische Rebsorten und Hohnen vor allem auf Sauvignon blanc. Was er mit seinem Weingut Cloudy Bay dann geschaffen hat, hat einen Platz in der Geschichte des Weinbaus verdient. Er hat Sauvignon blanc völlig neu interpretiert, indem er die Anbaumethoden an die alluvialen Schwemmlandböden von Marlborough und das spezielle Klima anpasste. Damit hat er einen Typ mit tropischen und grün-grasigen sowie kreidig-kalkigen Aromen entwickelt, den es vorher so nicht gab und der innerhalb kurzer Zeit in der Weinwelt wie eine Bombe einschlug. In Neuseeland gab es infolge dessen einen Weinboom. Weingüter schossen wie Pilze aus dem Boden, Obstplantagen rund um Blenheim wurden zugunsten des Sauvignon blanc gerodet, Bodenpreise vervielfachten sich innerhalb kurzer Zeit, und Neuseeland tauchte ab dem Anfang der 1990er Jahre als ernst zu nehmendes Weinland auf der internationalen Bühne auf. Die Weinmacher wurden in Australien ausgebildet, Investitionskapital war genug vorhanden, und es gab so gut wie keine Weingesetzgebung. So konnte man experimentieren, wie man wollte. Die Weinerzeugung war eine großartige Spielwiese. 

Neuseeland – das Hochpreisweinland

Irgendwann bekamen die Weingüter dann allerdings einen eigenen Verband, der Regeln erließ und vor allem dafür sorgte, dass die Qualität jener Weine, die exportiert wurden, einem hohen Standard entsprach. Gleichzeitig wurden Preise festgelegt, die Neuseeland von Beginn an als Hochpreisweinland definierten. Das war sinnvoll, machte es gleichzeitig aber den Weingütern in manchen Märkten wie dem deutschen schwer; denn hier wird bis heute vergleichsweise wenig Geld für Wein ausgegeben. Trotzdem, die Weinbranche ist bis heute sehr erfolgreich, auch wenn die erste große Sauvignon-Boomperiode vorbei ist. Besonders positiv ist vor allem die Entwicklung vom ausgesprochen kellertechnisch geprägten Weinbau, der in Australien gelehrt wird, hin zu einem handwerklicheren Weinbau, wie wir ihn in Europa noch häufig praktizieren. Von den Schwemmlandböden in der Ebene gehen immer mehr Weingüter in die oft kalkreicheren Hügel, und vom Sauvignon blanc haben sich viele Weinmacher mittlerweile emanzipiert. Der verkauft sich zwar immer noch hervorragend, ist auch mit 86 % Exportanteil mit Abstand der wichtigste Wein, doch ein solch expressiver Stil gelangt auch irgendwann an seine Grenzen. Moden ändern sich, und außerdem kann der prägnante Charakter mittlerweile mit Hilfe von Aromahefen und Enzymen auch anderswo erreicht werden – in der Pfalz zum Beispiel.


Wie aber sieht der neuseeländische Weinbau abseits der Paraderebsorte aus? Ist er überhaupt interessant? Die klare Antwort ist: ja! Denn längst haben sich in den verschiedenen Regionen des Landes auch andere Rebsorten und Stile etabliert, während mit weiteren Rebsorten experimentiert wird. 


Pinot noir

Die Rebsorte, die nach dem Sauvignon als erste Aufmerksamkeit erregt hat, ist der Pinot noir. Den gibt es vor allem am unteren südlichen Rand der Nordinsel in Wairarapa (Martinborough und Gladstone) sowie in allen Regionen der Südinsel. Oberhalb von Wairarapa mit seinem Hauptort Martinborough ist es meist zu warm und zu feucht. Je weiter man in den Süden Neuseelands kommt, desto stärker werden die Regionen von kühlen Strömungen aus der Antarktis beeinflusst. Und diese Strömungen sorgen für ein cool climate. Die Voraussetzungen für Pinot noir sind in den verschiedenen Anbaugebieten deutlich unterschiedlich. Tendenziell sind die Pinots aus Neuseeland dunkel und würzig. Lediglich in Marlborough und Nelson, also den für Sauvignon blanc bekanntesten Regionen, sind die Weine rotfruchtiger und heller. Doch schon in Central Otago, dem bekanntesten Anbaugebiet für Pinot, unterscheiden sich die Bedingungen zwischen den Subappellationen deutlich. Fest steht, dass es die Pinots in den internationalen Pinot-Zirkel geschafft haben und gerade im UK ausgesprochen erfolgreich sind. Auf dem Niveau, das die NZ-Pinots mittlerweile erreicht haben, relativiert sich dann auch schnell die übliche Sicht, neuseeländische Weine seien teuer; denn das gilt vor allem für die Einstiegspreise. Im gehobenen Premiumsegment können die Neuseeländer mit ihrem Preis-Genuss-Verhältnis locker mitspielen. 

Waipara – Eine der ertragreichsten Weinregionen

Besonders bemerkenswert sind meiner Meinung nach die sehr kleinen Regionen Waipara in North Canterbury und Wairarapa am Rande der Nordinsel. Waipara liegt etwas oberhalb von Canterbury, der immer wieder von Erdbeben betroffenen Hauptstadt der Südinsel. In einer Landschaft, die oft dem mittleren Westen der USA ähnelt und in der man bis heute vor allem auf Rinder- und Schafherden trifft, liegen die Weinberge sehr vereinzelt. Mit dem Weingut Bell Hill des aus Deutschland stammenden Marcel Giesen und seiner Frau Sherwyn Veldhuisen, dem Weingut Pyramid Valley der ursprünglich deutschen Claudia Elze und ihrem amerikanischen Mann Mike Weersing, dem Weingut Pegasus Bay und dem neuen Projekt Tong in Groove gibt es aber glücklicherweise schon vier Güter, die in Deutschland vertreten sind und einige der aktuell spannendsten Pinots (und Chardonnays) in ganz Neuseeland produzieren. 

 

In Wairarapa gehören Deutsche zu den führenden Weinproduzenten

Ebenso erwähnt werden sollte die Region Wairarapa am Südende der Nordinsel. Auch hier gibt es drei Deutsche, die zu den führenden Weinmachern des Landes gehören: der unermüdlich als Botschafter durch die Welt reisende Kai Schubert sowie Karl-Heinz und Patrick Johner, die auch im Badischen noch ein Weingut besitzen und so zwei Ernten im Jahr einfahren. Das Gebiet, das auf Maori »glitzerndes Wasser« heißt und am gleichnamigen See liegt, erwirtschaftet 3 % der gesamten Weinproduktion Neuseelands und befindet sich in einem der auch international angesehensten Anbaugebiete. Das liegt nicht zuletzt an Clive Paton, der 1980 als Avantgardist das Weingut Ata Rangi gegründet hat. Damals war Martinborough ein Dorf von Viehzüchtern, heute überwiegen deutlich die Weinkellereien. Ata Rangi hat sich im Laufe der Jahrzehnte eine Ausnahmestellung erarbeitet und trägt zusammen mit dem Weingut Felton Road in Central Otago den Titel Tipuranga Teitei o Aotearoa, was so viel heißt wie Grand Cru of New Zealand. Hier entstehen nicht nur denkwürdige Pinots, sondern ebenso Chardonnays und Rieslinge, die es in sich haben – ebenso wie bei Felton Road übrigens. 


Pinots, die man unbedingt probiert haben sollte 

Bell Hill > Wein am Limit

Pyramid Valley K&U Weinhalle 

Tongue in Groove, Neudorf Estates, Ata Rangi, Quartz Reef > Vinabonus/neuseeland-weinboutique.de 

Felton Road  > Wine in Motion

Schubert Wines 

Johner Estate > Johner 

Dog Point Vineyards > CB Weinhandel 

 

Chardonnay & Syrah

Für mich steht fest, dass meine heimliche Liebe dem neuseeländischen Chardonnay und Syrah gehört. Die beiden Rebsorten haben mit ihrem markanten neuseeländischen Charakter mein Herz erobert. Und auch wenn sich der Chardonnay deutlich vom fast subtropischen Auckland bis zum kühlen Central Otago unterscheidet, so liefert der kleinbeerige, säurestarke Mendoza-Klon, der meist in Neuseeland verwendet wird, eine markante Note. Die Top-Chardonnays spielen heute in der Ersten Liga mit. Das zeigen Tastings in England, bei denen vor allem die Weine von Kumeu River immer wieder im Vergleich mit burgundischen Spitzenweinen punkten. Doch eigentlich benötigen sie den Vergleich nicht mehr. 


Ähnliches gilt für den Syrah, der fast ausschließlich auf der Nordinsel vorkommt und über einen hohen Rotundon-Anteil verfügt. Dieses Aromamolekül ist so etwas wie das Pendant zum Methoxypyrazin im Sauvignon. Während Pyrazine für den Duft und Geschmack von grüner Paprika und Gras sorgen, erzeugt Rotundon den Duft von weißem Pfeffer. Der Syrah der Nordinsel, der gerade einmal 0,5% der Gesamtrebfläche ausmacht, kann so markant sein wie gute Weine von der Nordrhône, und er behält doch immer seinen eigenen Charakter. Die besten Weine bekommt man definitiv bei Man O War auf der Auckland vorgelagerten Insel Waiheke sowie in Hawke’s Bay bei Trinity Hill, Elephant Hill und Craggy Range, und auch Kai Schubert hat einen exzellenten Syrah im Programm.


Chardonnays, die man unbedingt probiert haben sollte

Bell Hill > Wein am Limit 

Pyramid Valley > K&U Weinhalle 

Neudorf Estates, Ata Rangi > Vinabonus/neuseeland-weinboutique.de 

Pegasus Bay, Felton Road, Trinity Hill > Wine in Motion 

Kumeu River Estates > Lobenberg/Weinprofi

 

Syrahs, die man unbedingt probiert haben sollte

Schubert EstatesMan O’ War, Ata Rangi, Staete Landt  > Vinabonus/neuseeland-weinboutique.de 

Trinity Hill > Wine in MotionElephant HillCraggy Range > Lobenberg/Weinprofi.de 

 

Riesling, Grauburgunder und ein Schuss Bordeaux

Neuseeland hat in den frühen 1980er Jahren zunächst komplett auf französische Rebsorten gesetzt. So findet man neben Sauvignon blanc und Chardonnay, Pinot noir und Syrah auch relativ viel Pinot gris, der aber vor allem im Land selbst getrunken wird. Außerdem gibt es besonders auf der Nordinsel die Cuvées mit den typischen Bordeaux-Rebsorten Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc und Merlot. Neben den Weingütern ganz im Norden rund um Auckland und Gisborne ist es die Hawke’s Bay, in der sich der Anbau dieser Sorten anbietet. Nicht nur verfügt die Bucht über das notwendige Klima, sondern mit den Gimblett Gravels und dem Bridge Pa Triangle über zwei Schwemmland-Kies-Ebenen, die einen ähnlich guten Wasserabzug bieten wie das Médoc. Viognier und Pinot blanc gibt es in sehr kleinen Mengen. Sie gehören ebenso zum Experimentierfeld wie beispielsweise Grüner Veltliner, Marsanne, Rousanne, Arneis, Tempranillo oder Montepulciano. Bei den Experimenten mit diesen Sorten hat sich vor allem das Weingut Trinity Hill mit dem Weinmacher Warren Gibson hervorgetan, der auch einige der besten Syrahs und Chardonnays des Landes macht. 
Mit 1 % Gesamtanteil und 0,1 % Exportquote ist der Anteil der Rieslinge an der Gesamtproduktion zwar verschwindend gering, doch das, was produziert wird, kann ausgesprochen gut sein. Glücklicherweise haben es ein paar dieser Weine sogar auf den deutschen Markt geschafft. Im Rieslingland Deutschland ausländische Rieslinge verkaufen zu wollen ist zwar ein bisschen so, wie Eulen nach Athen zu tragen, doch wer sich traut, diese Rieslinge zu probieren, wird belohnt. Vor allem der Wein von Andrew Hadley, Weinmacher bei Framingham in Marlborough, ist eine absolute Riesling-Koryphäe. Ich glaube nicht zu übertreiben, wenn ich behaupte, dass Framingham neben Grosset in Australien und Chateau Ste. Michelle in den USA zu den Top Drei der großen Rieslingerzeuger außerhalb Europas zählt. 


Rieslinge, Pinot gris und Pinot blanc, die man unbedingt probiert haben sollte

Framingham, Neudorf, Rockferry, Ata Rangi, Hans Herog Estate > Vinabonus/neuseeland-weinboutique.de 


Bordeaux-Blends, die man unbedingt probiert haben sollte

Man O’War, Ata Rangi, Villa Maria > Vinabonus/neuseeland-weinboutique.de 

Craggy Range > Lobenberg/Weinprofi.de 

 

Zusammenfassend: Neuseeland hat deutlich mehr zu bieten

Die kurze Zusammenfassung zeigt, dass Neuseeland als Weinland deutlich mehr zu bieten hat als Sauvignon blanc. Das soll gar keine Abwertung dieser Sorte bedeuten, doch steht sie meist so weit im Vordergrund, dass sie den Rest verdeckt. Und auch wenn Sauvignon blanc sich in Neuseeland stark weiterentwickelt hat und viel differenzierter an- und ausgebaut wird als noch vor einem Jahrzehnt, so gibt es daneben eine vergleichsweise große Zahl von Weinen, die auf internationalem Top-Niveau mitspielen. Sie werden hierzulande im Gegensatz zu den englischsprachigen Märkten viel zu selten beachtet. Dabei haben sie den großen Vorteil, dass sie allesamt aus vergleichsweise kühlen Anbaugebieten stammen, mit Frische punkten können und dadurch gastronomisch sehr reizvoll sind, allesamt nachhaltig zertifiziert sind und in zunehmendem Maße biologisch und/oder biodynamisch an- und ausgebaut werden. Gerade mit den deutlich naturnäheren Anbauarten haben sich viele der Weingüter aus dem Schatten des großen Nachbarn Australien wegbewegt. Denn ausgebildet werden die Winzer immer noch an den Weinbauschulen in Australien, die traditionell viel Wert auf Technik legen. Wie weit der neuseeländische Weinbau in der so kurzen Zeit von meist weniger als 30 Jahren gekommen ist, das ist bei jedem genossenen Schluck immer wieder beeindruckend.

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Christoph Raffelt ist ein ausgesprochen fleißiger Blogger, Kritiker, Podcaster, Prediger und Dozent in Sachen Wein. Da er auch gerne Gast ist haben wir ihn einfach eingeladen auch für uns zu schreiben.

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