Plädoyer für den Mittagswein

Wenn man sich täglich mit Wein beschäftigt, kann einem schon mal etwas abhanden kommen, was eigentlich selbstverständlich ist: der Genuss. So ging es mir jedenfalls eine Zeit lang. Zwar habe ich neben dem Schreiben über Wein und der Freude, interessante Erzeuger und Weine zu finden, immer wieder auch mit Freude und mit Freunden Wein getrunken und Spaß daran gehabt. Doch oft wurde in diesen Gruppen viel analysiert und besprochen. Unterm Strich war das dann trotz der Freude immer auch eine Form von Fortbildung. Was ich also nur noch selten gemacht habe, war, Wein einfach zu genießen. Erst als ich vor rund einem Jahr in ein Büro gezogen bin, das in der Nähe eines guten Restaurants liegt, wo ein formidabler Mittagstisch angeboten wird, kam die ungeschminkte Freude am Weingenuss wieder zurück. Damals habe etwas getan, was ich lange nicht mehr getan hatte: Ich habe mir ein Glas Wein zum Mittagessen bestellt.

Die Perspektive auf den Mittagswein hat sich in der Gesellschaft verändert

Der Mittagswein ist bei uns seit langer Zeit aus der Mode gekommen. Alkohol am Mittag ist verpönt, und selbst in Ländern wie Italien, Spanien und nicht zuletzt Frankreich findet man die Karaffe mit einem einfachen vin de soif, wie die Franzosen ihn nennen, immer seltener. Mit dem Verschwinden des Tischweins geht ein Stück Alltagskultur verloren. Wein wird zunehmend dort ausgegrenzt, wo er früher völlig normal anzutreffen war. Man kann argumentieren, dass Zigaretten früher ebenfalls Teil unseres Alltags gewesen seien und man eigentlich von Glück reden könne, dass sich diese mit Gift durchsetzten Glimmstängel auf dem Rückzug befänden. Der Alkohol solle doch bitte das gleiche Schicksal erleiden; denn Alkoholismus sollte nicht unterschätzt werden. Das ist sicher richtig. Dieses Plädoyer ist auch keines für einen rauschhaften Zustand, in den man sich zur Mitte des Tages versetzen soll – Wein sollte übrigens immer moderat getrunken werden –, sondern es geht um etwas anderes, nämlich um die wunderbare Verbindung von Wein und Speisen. Es geht darum, dass Wein die Speisen hebt, mit ihnen eine Liaison eingeht und zu größerem Genuss führt. Diese Interaktion kommt heute hierzulande viel zu kurz.

Historische Perspektive auf den Mittagswein

Blickt man zurück, so war auch in Deutschland der Wein über lange Zeit Teil der Alltagskultur, jedoch weniger als Genuss- denn als Nahrungsmittel. Das Wasser war nämlich früher durchweg mit Schadstoffen belastet und daher ungenießbar, weshalb Wein neben Bier über viele Jahrhunderte hinweg nahezu das einzige saubere Getränk war. Wein war das, was Wasser heute für uns ist. Er hat also mit dafür gesorgt, dass man gesund blieb. Erwachsene dürften im Mittelalter täglich mehrere Liter Wein täglich zu sich genommen haben – er war damals allerdings dünner und hatte weniger Alkohol –, und selbst Kindern stand eben nur Wein bzw. mit Wein versetztes und durch ihn gereinigtes Wasser als Getränk zur Verfügung. Daher betrug die Anbaufläche im Mittelalter ein Vielfaches von dem, was heute unter Reben steht, und der mittelalterliche Mensch hatte entsprechend immer leicht einen sitzen. Das mag den harten Alltag erleichtert haben, gut für das allgemeine Befinden dürfte es auf Dauer nicht gewesen sein. Im 19. Jahrhundert hat sich dann der Weinkonsum grundlegend geändert. Dafür sorgten sowohl ein verbesserter Hygienestandard als auch ein veränderter Blick auf den Alkoholkonsum, nicht zuletzt aber die Reblauskatastrophe, welche die Weinberge europaweit massiv dezimierte. Wein wurde immer mehr zum Genussmittel, und das Bier, schon lange auf dem Vormarsch, ersetzte bei Tisch den Wein in zunehmendem Maße. Das trifft vor allem hierzulande zu, wo der Wein als kulturelles Element der Tischkultur vielfach verschwunden ist. Wein wird bei uns, im Gegensatz zu den schon erwähnten Mittelmeer-Anrainern, bis heute eher unabhängig vom Essen getrunken. Selbst auf die gehobene Gastronomie hat sich dies lange Zeit ausgewirkt. Gute Weine waren selbst dort oft Mangelware. Das zumindest hat sich geändert.

Für jemand, der bewusst genießt, ist Wein zum Essen keine Frage des Konsums von Alkohol. Wein ist für ihn ein Element, das die Lebensfreude steigert. Ein Glas mit frischem Weißburgunder oder Silvaner zu ein paar Stangen Spargel, ein guter Rosé oder ein Beaujolais zur leichten Frühlingsküche können aus einem Mittagessen ein komplettes Wohlfühlprogramm machen, von dem man den Rest des Tages zehrt.

 Bildrechte: Christoph Raffelt, Pierre-Auguste Renoir

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Christoph Raffelt ist ein ausgesprochen fleißiger Blogger, Kritiker, Podcaster, Prediger und Dozent in Sachen Wein. Da er auch gerne Gast ist haben wir ihn einfach eingeladen auch für uns zu schreiben.

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