Rare Rebsorten im Fokus – Für mehr Weindiversität

Im Bordeaux-Gebiet wachsen Cabernet Sauvignon, Merlot, Cabernet Franc und Petit Verdot. Soweit ist jeder Weingenießer informiert. Was aber ist mit Bouchalès, St. Macaire oder Castet? Bei einer Veranstaltung auf der kürzlich zu Ende gegangenen Weinmesse Vinexpo in Bordeaux ist man dieser Frage nachgegangen. Mitveranstalter: Wine Mosaic, ein gemeinnütziger Verein, dessen Motto „Encouraging vinodiversity“ lautet.

Seltene Rebsorten im Fokus

70 Prozent der weltweiten Weinproduktion, so lautet das Lamento der französischen Organisation, würden aus gerade einmal 30 unterschiedlichen Rebsorten gewonnen. Tausende anderer Varietäten gerieten dagegen immer mehr ins Hintertreffen oder seien sogar vom Aussterben bedroht. „Wir versuchen der fortschreitenden Vereinheitlichung des Geschmacks etwas entgegenzusetzen“, formuliert es Paul Demeulenaere, der bei Wine Mosaic für die Veranstaltungsplanung verantwortlich ist.

Seltenen Rebsorten auf der Spur

Die Gesellschaft setzt dabei vor allem auf ein Netzwerk aus Sommeliers, Forschern, Winzern, Händlern, Rebzüchtern, um ihren Ideen nicht nur Ausdruck zu verleihen, sondern den Anbau der seltenen Rebsorten tatkräftig zu fördern. So haben sie etwa Joe-Assaad Touma, Eigentümer und Kellermeister bei Château St. Thomas in der libanesischen Bekaa-Ebene, dabei unterstützt, die Rebsorte zu untersuchen, aus der er immer seinen Anisschnaps brannte. Er vermutete, dass es sich dabei um die autochthone Varietät Obeidy handelt, konnte es aber nicht beweisen und wagte daher nicht, aus den Trauben auch einen Wein zu keltern und den Namen der Rebsorte auf das Etikett zu schreiben. Wine Mosaic vermittelte den Kontakt zu den wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen, die anhand der DNA des eingereichten Materials alle Zweifel ausräumen konnten. „Mit dieser Sicherheit in der Hand habe ich zusätzliche Rebflächen damit bestockt und Obeidy auch als Stillwein unter diesem Namen in mein Sortiment aufnehmen können“, freut sich der libanesische Winzer.

Aber es muss sich eben auch der wirtschaftliche Erfolg einstellen, damit der Anbau lohnt. Wine Mosaic bietet daher Winzern wie Touma eine Beteiligung an ihrem Messestand an, damit sie sich zu überschaubaren Kosten dem Publikum präsentieren können. Und natürlich legt der Stand einen Fokus auf seltene Rebsorten, die die Besucher hier gezielt verkosten können. Die Nachfrage nach seinem hundertprozentigen Obeidy sei inzwischen groß, zeigt sich Touma zufrieden, und viele andere libanesische Winzer hätten mittlerweile nachgezogen.

Geschichte als Verkostungsargument

Wie aber verhält es sich in der Gastronomie mit Rebsorten, von denen viele Gäste noch nie etwas gehört haben? Ein Selbstläufer ist das sicherlich nicht, sondern „aktiver Verkauf“ sei bei diesem Thema vonnöten, erklärt Steve Breitzke vom Wiener Weinbistro „Mast“. Viele Österreicher seien etwa gegenüber ungarischen Weinen eher skeptisch, „das kommt noch vom Kalten Krieg“, erzählt der Sommelier und Miteigentümer. Wenn man zu der Rebsorte aber eine Geschichte erzählen könne, reiße das die meisten Gäste mit – und das gelänge etwa mit der ungarischen Rebsorte Furmint bestens.

Anastasios Liolidis vom griechisch geprägten Kölner Restaurant „Limani“ knüpft beim Erzählen gerne beim Namen der Rebsorte an, wenn dieser eine Bedeutung hat. „Xinomavro etwa bedeutet die schwarze Saure“, erklärt er, „und das gibt dem Gast ja schon einen guten Eindruck, in welche Richtung der Wein geht.“ Missionarisch geht der Restaurantleiter und Sommelier aber nicht vor, um die zahlreichen griechischen Rebsorten der Weinkarte den Gästen näherzubringen. Aber er lässt sie häufiger mal einen „Pendant-Wein“ probieren, also eine von der Stilistik ähnliche griechische Rebsorte: etwa Moschofilero statt Riesling oder Malagouzia statt Grauburgunder. Die Neugier, aber auch das Weinwissen nehme bei den Gästen immer mehr zu, lautet seine Erfahrung; und damit auch das Interesse gegenüber Rebsorten und Weinen, die man nicht überall bekommt.

Weinkarten mit Konzept ist die neue Devise

Mathieu Müller, Sommelier und Mitgeschäftsführer des Kölner Restaurants „Tanica“, geht das Thema etwas radikaler an. Dort wechselt die Weinkarte alle zwei Monate komplett und wird unter ein Thema gestellt. Derzeit lautet dieses Österreich. „Das nächste Zweimonatsthema werden aber genau solche wenig bekannten Rebsorten sein. Und dann gibt es konsequenterweise auch keinen Cabernet Sauvignon, keinen Merlot und keinen Syrah“, verrät er bereits. Die Zeichen scheinen also auf Stabilisierung des Anteils der selteneren Rebsorten zu stehen – oder vielleicht sogar schon auf Wachstum. (siehe auch "Wie sag ich´s meinem Gast: Sommeliers empfehlen Weine"

Bezugsquellen: 

Obeidy

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Xinomavro, Malagouzia und weitere griechische Sorten

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Gerald Franz

Gerald Franz

Feuilletonistisches Schreiben. Wein. Erst das eine, dann das andere. Und dann beides zusammen, passt doch perfekt! Auf WeinPlaces gibt es von Gerald ab sofort mehr von dieser Kombination!

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