Reise durch deutsche Weinregionen

Ist der Boden, auf dem die Reben wachsen, schmeckbar? Was macht das sprichwörtliche Terroir aus? So lautet die Fragestellung anlässlich eines Terroir-Seminars des DWI‘s in der Schweiz. Rund 80 Zuhörer werden in der nächsten Woche dieses spannende Thema in der Züricher Kongresshalle angehen. Gezeigt und erklärt werden die wichtigsten Gesteinsformationen, sowie der flüssige Beweis in Form eines exemplarischen Weines, der auf dem jeweiligen Boden gewachsen ist.

Der Boden ist die Grundlage
Er bedeckt das Gestein. Teilweise ist er nur einige Zentimeter tief, manchmal jedoch einige Meter dick. Der Boden setzt sich aus verwittertem Gestein, chemischen, mineralischen sowie organischen Bestandteilen zusammen. Er dient der Rebe als Verankerung, hält ihre Wurzeln, sorgt für Ernährung und Wasserzufuhr. Auch auf das für Rebenwachstum und für Traubenreife so bedeutende Mikroklima nimmt der Boden Einfluss. Dunkler Schiefer speichert beispielsweise tagsüber die Wärme und gibt sie nachts wieder ab. Letztendlich ist der Boden jedoch nur ein Teil des komplexen Herkunfts-Gefüges. Tatsächlich ist es immer ein Zusammentreffen unterschiedlicher Komponenten und Einflüsse, die die Terroirprägung letztendlich ausmachen.


Wissenschaftlich betrachtet, ist Terroir…
…die in einem Wein erfassbare sensorische Dimension der Wechselwirkung zwischen Rebe, Beschaffenheit von Gestein und Boden, Klima und Relief. Indirekt nimmt der Mensch Einfluss durch Kulturmaßnahmen im Weinberg und seine Arbeit im Keller.

Faktisch und kulturell betrachtet, ist Terroir…
… ein Zusammentreffen folgender – je nach Herkunft – jeweils unterschiedlich einflussreichen Faktoren:
    •    Unterschiedlicher Klimazonen (kontinental, atlantisch oder maritim)
    •    Wind- und Luftbewegungen
    •    Unterschied der Tag- und Nachttemperaturen
    •    Verteilung der Niederschläge auf das Jahr
    •    Oberflächengestalt der Landschaft (Relief)
    •    Hangneigung
    •    Meereshöhe
    •    Sonnenausrichtung (Exposition)
    •    Anzahl der Sonnenstunden
    •    Mikroklima
    •    Gesteinsart
    •    Boden (Tiefgründigkeit, Durchlüftung, Durchwurzelbarkeit, Nährstoffhaushalt)
    •    PH-Wert
    •    Mineralische Zusammensetzung des Bodens
    •    Rebsorte
    •    Alter der Reben

…nicht zu vergessen die jeweilige Weinkultur, verbunden mit den Menschen, die letztendlich fast alle Entscheidungen, sowohl im Weinberg bis hin zu den weiteren kellertechnischen Einflüssen treffen.

Die wichtigsten Gesteinsstrukturen im Überblick:

Löss (Quartär)
Das Ausgangsgestein setzt sich aus Windablagerungen von kalkhaltigem Staub der Eiszeiten zusammen und ist vor gut 1,8 bis 0,01 Millionen Jahren entstanden. Löss in allen Anbaugebieten vertreten, dominiert in Rheinhessen, Baden, Württemberg und in der Pfalz. Es handelt sich um einen fruchtbaren, tiefgründigen, leichten Lehmboden mit sehr guter Wasserspeicherfähigkeit. Lössböden sind nährstoffreich und punkten mit hohem Wuchspotential. In der Regel entstehen hier früh trinkbare Weine mit angenehm fruchtüppiger Anmutung. In der Länge findet sich oft eine typische zitrusgeprägte Fruchtaromatik.

Beispielhafter Riesling vom Löss:
2015 Riesling Lössterrassen, Weingut Sander, Bechtheim, Rheinhessen www.sanderweine.de


Mergel (Tertiär)
Bei Mergel handelt es sich um Meeresablagerungen. Meist sehr kalkreiche Sedimente, unverfestigte Tonsedimente mit sandigen Einschaltungen. Mergel findet man vornehmlich im Rheingau, Rheinhessen, Franken, Baden, Obermosel und Württemberg. Es handelt sich um tiefgründige, kalkreiche und schwere Böden. Verglichen mit kargen Kalkstein-Böden sind Kalkmergel-Böden wesentlich reichhaltiger mit Wasser und Nährstoffen versorgt, was bei Riesling zu angenehm mundfüllenden, aromatischen Mango- und Aprikosenaromen führen kann. Die Weine präsentieren sich in der Regel saftig, kraftvoll, eine Spur opulent, nachhaltig, mit lebhafter Intensität, Entwicklungspotential und langsamer Reifeentwicklung.

Beispielhafter Riesling vom Mergel:
2015 Schlossberg Riesling, Thörle, Saulheim, Rheinhessen
www.thoerle-wein.de

Kalkstein (Tertiär/Trias)
Bei Kalkstein handelt es sich Meeresablagerungen. Reine Kalkstein-Formationen gibt es nicht so viele, man findet sie an der Obermosel, in Rheinhessen, in der Pfalz und Franken. Es handelt sich um gering entwickelte, flach- bis mittelgründige, sehr kalkhaltige Böden aus Kalkstein. Auf Kalkstein gewachsene Weine besitzen Entwicklungspotential, sind in der Jugend verschlossen, zeigen mit Reife aromatische Pfirsich- und Zitrusnoten, präsentieren sich facettenreich, komplex, dicht und spannungsgeladen mit einem lebhaften, sehr prägnanten Nachhall.

Beispielhafter Riesling vom Kalkstein:
2015 Steinbuckel Riesling VDP.GROSSE LAGE GG, Knipser, Laumersheim, Pfalz, www.weingut-knipser.de

Buntsandstein (Trias)
Fluss- und Windablagerungen des Buntsandstein, die vor gut 250 Millionen Jahren entstanden sind und die größte Verbreitung in Franken und in der Pfalz finden. Es handelt sich um einen Verwitterungsboden mit verschiedenfarbigem, meist rotem Buntsandstein sandiger Beschaffenheit. In der Regel brillieren diese Weine immer mit einer unbekümmerten Leichtigkeit und Eleganz. Sie sind früh trinkreif, präsentieren sich ausgeprägt fruchtig mit köstlichen Pfirsich- und Aprikosenaromen und moderater Tiefgründigkeit.

Beispielhafter Riesling vom Buntsandstein:
2013 Hohenmorgen Riesling VDP.GROSSE LAGE GG, Dr. von Bassermann-Jordan, Deidesheim, Pfalz
www.bassermann-jordan.de

Roter Tonstein (Rotliegend)
Das Ausgangsgestein setzt sich aus rotem Tonstein (Kalkhaltige Ton- und Feinsandablagerungen in der Wüstenlandschaft des oberen Rotliegend) zusammen und entstand vor ca. 280 Millionen Jahren. Die größte Verbreitung findet man in Rheinhessen, in der Pfalz und an der Nahe. Es handelt sich um einen kargen, steinigen Boden mit Eisenoxideinlagerungen. Weine von Rotem Tonstein weisen eine ganz eigene Charakteristik auf. Obwohl der rote Tonstein dem Schiefer von der Gesteinsstruktur ähnlich ist und manche Winzer sich bei ihren Weinen vom Roten Tonstein auf Schiefer beziehen, hat dieser Untergrund geologisch nichts mit Schiefer zu tun. Roter Tonstein und Schiefer sind in zwei unterschiedlichen Erdzeitaltern entstanden. In der Jugend präsentieren sich die Weine oftmals sehr verschlossen und zeigen bereits in einem sehr frühen Stadium ihre typisch kräutrigen, würzigen Noten, sowie eine rauchige Mineralität. Riesling von diesem Boden besticht mit Apfel-, Pfirisch und Aprikosenaromen, lebhafter Art, anregender Säure und entsprechendem Entwicklungspotential.

Beispielhafter Riesling vom Roten Tonstein:
2015 Rothenberg Riesling VDP.GROSSE LAGE GG, Gunderloch, Nackenheim, Rheinhessen
www.gunderloch.de

Quarzporphyr / Rhyolith (Rotliegend)
Rhyolith (Quarzporphyr) ist ein helles, vulkanisches Gestein des Rotliegend, welches vor 290 Millionen Jahren entstanden ist. Es gibt nur wenige Gebiete in Deutschland, wo dieser besondere Untergrund zu finden ist, beispielsweise rund um das rheinhessische Siefersheim, an der Nahe im Bereich Bad Kreuznach und Bad Münster am Stein. Riesling vom Quarzpophyr sind in Blindproben gut an ihrer rauchigen, steinigen, fast salzigen Anmutung zu erkennen. Mit köstlicher Spannung und ihrer vibrierender Säure tanzen sie geradezu über die Zunge.

Beispielhafter Riesling für Quarzpophyr:
2015 Siefersheim „Porphyr“ Riesling VDP.ORTSWEIN, Wagner-Stempel, Siefersheim
www.wagner-stempel.de

Schiefer (Devon)
Schieferböden aus dem Erdzeitalter Devon, welche vor ca. 420 – 360 Millionen Jahren entstanden sind. Es handelt sich um ein sehr karges Gestein geschichtete Struktur. Rieslinge vom Schiefer brillieren mit zarter Frucht, erfrischenden, mineralischen Aromen, einer steinig, rauchigen Art, anregender bis dominanter Säure, Aromen nach frischem grünem Apfel und weißem Pfirsich. An der Nordgrenze des Weinbaus ist die Intensität der Sonneneinstrahlung ein wesentlicher Faktor für die Qualität eines Rebstandortes. Tagsüber speichert der dunkle Schiefer die Wärme und gibt sie nachts entsprechend ab. Auf diese Weise erlangen Schiefer-Rieslinge ihre unverkennbare Spannung und das köstliche Spiel von Fruchtsüße und ziselierter Säure.

Beispielhafter Riesling vom Schiefer:
2015 Niederberg Helden Riesling VDP.GROSSE LAGE GG, Schloss Lieser, Lieser, Mosel,
www.weingut-schloss-lieser.de


Konkrete Weiterbildung zu diesem Thema:
15.5.2017
Riesling, Pinot Noir & Co. – Deutsche Winzer und ihre Weine
Stein, Wein & Terroir – Exklusiv für Fachbesucher
Mehr Informationen


26.6. und 27.6.2017
Boden- und Weindiversität #3
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Literatur und Quellen:
„Weinbergsböden“ von Dr. Ernst Spies

Weinbergsböden in Rheinland-Pfalz | Steine.Böden.Terror | Dr. J. Backes, Dr. P. Böhm, H.Gröber, J.Jung, Dr. E.-D. Spies, Herausgeber: Ministerium für Wirtschaft, Energie und Landesplanung Rheinland-Pfalz, www.mulewf.rlp.de

Gute Gründe für Rheinhessenwein | Steine.Böden.Terroir | Dr. Ernst-Dieter Spies (LGB), Heinrich Schlamp (DLR) und Christina Fischer

Bildrechte: Dr. Ernst Spies, Landesamt für Geologie und Bergbau Rheinland-Pfalz

Christina Fischer

Christina Fischer

Die Sommeliere und Buchautorin Christina Fischer lebt und arbeitet in Köln. Ihre vielseitigen Aktivitäten bündelt sie in ihrer Kölner GENUSS Werkstatt.

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