Rheinhessen erfindet sich neu

Dieser Artikel stammt aus dem WeinPlaces-Archiv und wurde ursprünglich am 1. Oktober 2015 veröffentlicht. 

Die Orte heißen Bechtheim, Gundheim, Mettenheim oder Siefersheim. Fährt man tagsüber durch die Straßen, wirken die Dörfer fast abweisend. Die großen Häuser aus Sandstein wirken trutzig, die Hoftore sind meist geschlossen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie es im Weinbau Rheinhessens noch vor wenigen Jahrzehnten ausgesehen hat. Die Ernte wurde durch diese Hoftore gefahren und in den Kellern verarbeitet. Nie hat jemand erfahren, was die Winzer dort gemacht haben. Der Ausbau war nicht für die Öffentlichkeit bestimmt und meist wurde der Ertrag eh als Fasswein weiterverkauft.

Raffelt Rheinhessen  Raffelt Rheinhessen

In den 1990er Jahren war vom einst guten Ruf des großen Weinbaulandes Rheinhessen nicht viel übrig. Gehörten Erzeugnisse aus dem Niersteiner Ölberg oder dem Wormser Liebfrauenstück im 19. Jahrhundert zu den teuersten Gewächsen Europas, war hundert Jahre später kaum etwas davon übrig. Und das Liebfrauenstück… da hat man in der Wormser Handelskammer im Jahr 1910 den weitreichenden Entschluss gefasst, den Namen „Liebfrauenmilch“ von seiner ursprünglichen Verortung im Wormser Weinberg loszulösen und ihn stattdessen als Begriff für Rheinwein im Allgemeinen zu verwenden. Dies hatte in den nächsten Jahrzehnten verheerende Folgen für die Reputation des rheinhessischen, ja des gesamtdeutschen Weines. Denn aus einer angesehenen und teuren Lage wurde im Laufe der Zeit das Synonym für süße Massenware, deren Traubenmaterial irgendwann auch aus den Regionen Nahe, Pfalz und Rheingau stammen konnte.  Vor allem in den angelsächsischen Ländern standen die Liebfrauenmilch-Marken Madonna, Blue Nun und Black Tower stellvertretend für deutschen Wein. Eine der Hauptrebsorten für diese Weine war dann auch längst nicht mehr der Riesling, sondern viel mehr Müller-Thurgau, eine Sorte, die hohen Ertrag verspricht und ab den 1960er Jahren populär wurde und bis heute Rheinhessens meistangebaute Rebsorte darstellt. Das rote Pendant dazu ist der Dornfelder, welcher nach dem Riesling an Platz drei der Skala steht. Das deutet darauf hin, dass das mit 26.000 Hektar und 6.000 Winzern größte deutsche Anbaugebiet immer noch mehr auf Masse denn auf Klasse setzt.

Scharlachberg Riesling  Scharlachberg Riesling

Dem gegenüber steht heute jedoch wieder ein Rheinhessen, das man bis in die 1990er Jahre fast vergeblich gesucht hat. Es ist das Rheinhessen mit Aufbruchstimmung, das Rheinhessen mit jungen Winzern, die vieles anders machen als die Elterngeneration und die sich trauen, einen eigenen Weg zu gehen. Es ist das Rheinhessen, das heute mit den Erzeugnissen von Klauspeter Keller, Philipp Wittmann, Hans-Oliver Spanier oder Daniel Wagner (s. Bild)Raffelt Rheinhessen Daniel Wagner wieder einige der größten Weine und vor allem einige der größten trockenen Rieslinge der Weinwelt hervorbringt. Diese, aber auch Winzer wie Alexander Gysler, Stefan Sander, Stefan Winter oder Christian und Jochen Dreissigacker sind so etwas wie die Gründergeneration eines neuen Rheinhessens. Sie haben in den ausgehenden 1990er Jahren die Initiative ergriffen, Veränderungen zu schaffen. Dazu war etwas nötig, was es vorher im Land der verschlossenen Hoftore selten gab: Kommunikation. Wenn ich heute mit den genannten Winzern spreche, dann ist wohl vor allem entscheidend, dass diese Winzergeneration damals begonnen hat, Erfahrungen im Ausland zu sammeln. Sie haben oftmals während ihrer Ausbildung auf Weingütern in Neuseeland, Australien, Südafrika oder den USA angeheuert und sie haben dort nicht nur gelernt, wie man mit moderner Kellertechnik Wein erzeugt, sie haben dort Vorbilder dafür gefunden, wie man sich als Winzer austauscht. In Neuseeland beispielsweise ist es völlig normal, dass sich Winzer mit ähnlichen Interessen zusammensetzen um sich zu besprechen. Den benachbarten Winzer als direkten Konkurrenten anzusehen, wie es bei uns der Fall war, ist den Winzern dort fremd.  Mit der Gründung der Gruppe „Message in a bottle“ haben die damals noch ganz jungen rheinhessischen Winzer im Jahr 2002 den Grundstein gelegt für einen Paradigmenwechsel. Dieser wirkt sich auf alle nachfolgenden Winzer, welche sich heute in Rheinhessen trauen, selbst Wein zu vermarkten, aus. Plötzlich war die schon erwähnte Aufbruchstimmung da. Der Austausch über Anbau- und Ausbaumethoden führte zu einem anderen Qualitätsdenken und der Austausch über Marketingkonzepte zu einem professionelleren Auftreten im Markt.

So ist Rheinhessen zum Vorreiter des Wandels in der deutschen Weinlandschaft geworden. Längst sind Keller, Wittmann und Konsorten andere Winzer gefolgt. Menschen wie Katharina Wechsler entscheiden sich, aus der Medienwelt Berlins zurück ins heimische Weingut zu wechseln und das Potential der hervorragenden Lagen zu nutzen. Ein Kai Schätzel kehrt vom Business-Studium aus Hamburg zurück nach Nierstein und entschließt sich, das Generationen alte Weingut der Familie nach vorne zu bringen. Katja und Jens Bäder, Matthias und Christian Runkel, Gesine Roll oder Jens Windisch – um nur eiRheinhessen Weingut Mannnige Wenige zu nennen – rücken bis dato unbekannte Lagen in den Fokus und zeigen das Potential Rheinhessens auch abseits von Morstein, Scharlachberg oder Hipping. Plötzlich gibt es exzellente Weine aus Mommenheim, Monzernheim oder dem Uffhofener La Roche. Läuft man durch die Veranstaltungen der „Generation Riesling“, einer Gruppe von Nachwuchswinzern unter 25 Jahren, die vom Deutschen Weininstitut gefördert wird, dann trifft man auf immer bemerkenswertere Weine von unkonventionellen jungen Winzern. Ein Beispiel: Isabel und Tim Strauch-Weißbach produzieren mit der Sektmanufaktur Strauch ausschließlich Sekte. Andreas Mann hat in diesem Jahr seinen ersten Jahrgang im elterlichen Weingut & Kräuterhof auf die Flasche gezogen und dabei nicht nur seinen eigenen, spannenden  Stil positioniert. Er hat die Flaschen dazu auch noch mit eigenwillig schönen Etiketten ausgestattet. Während Müller-Thurgau endlich auf dem Rückzug ist, entdecken viele der jungen Winzer ihre Liebe für rheinhessische Sorten wie Silvaner und Scheurebe. Man findet Frühburgunder, Malbec und Syrah. Rheinhessen durchlebt einen beeindruckenden Wandel, der das Renommee des Anbaugebietes und des deutschen Weins insgesamt und gerade auch international genauso nach steigen lässt, wie die Liebfrauenmilch es damals geschafft hat, das Renommee verblassen zu lassen. Es ist schön, diesem Wandel zum Positiven beiwohnen zu können. Letztlich zählt ja vor allem, was man im Glas hat und da findet man in Rheinhessen vom Gutswein bis zum G-Max, dem aktuell teuersten trocken Riesling Deutschlands, jede Menge guten Stoff.

 

 

originalverkorkt

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Christoph Raffelt ist ein ausgesprochen fleißiger Blogger, Kritiker, Podcaster, Prediger und Dozent in Sachen Wein. Da er auch gerne Gast ist haben wir ihn einfach eingeladen auch für uns zu schreiben.

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