Rosé – auf Cru-Niveau

Vom Primärfrucht-Getränk zum Terroir-Wein

Es war einmal ein Weingutsbesitzer im Bordelais, der verkaufte das Weingut seiner Familie und zog in die Provence, um dort einen Ort zu finden, wo er Rosé auf Cru-Niveau vinifizieren konnte. Seine Freunde und Geschäftspartner belächelten ihn mitleidig. Verrückt geworden sei er, raunten sie hinter vorgehaltener Hand. Doch irgendwann verlor sich ihr Lächeln. Irgendwann? Nein, man kann den Zeitpunkt sehr präzise benennen; denn es war der Moment, als Sacha Lichine seinen Bordelaiser Zweiflern das erste Glas Garrus unter die Nase hielt. 

Der Saint-Tropez-Stil

Diese Geschichte ist kein Märchen; denn tatsächlich ist Sacha Lichine, Sohn des bekannten, vor einigen Jahren verstorbenen Weingutsbesitzers und Autors Alexis Lichine, diesen Weg gegangen. Was die Geschichte vom Märchen unterscheidet, sind Lichines klare Vision und sein Durchblick im internationalen Weinhandel, in dem er groß geworden ist. Früh hat er geahnt, dass Rosé auf Cru-Niveau the next big thing sein könnte. Und da wollte er von Anfang an gerne dabei sein. Fündig geworden ist er unweit der Küstenstadt Frejus am Mittelmeer im traumhaft gelegenen Château d’Esclans. Das stand zum Verkauf, und da Lichine das Bordelaiser Cru-Weingut Prieuré-Lichine veräußert hatte, um genau eine solche Investition tätigen zu können, zögerte er nicht lange. Seine Weine Whispering Angel, Rock Angel, Les Clans und Garrus sind mittlerweile Kult-Weine. Lichine nennt diesen speziellen Stil Saint-Tropez-Rosé, er wird quer durch die Weinliteratur gefeiert, und seine Weine werden bis hoch in die 90er-Punkte bewertet.

Es sind Rosés, die »eines Tages in einem Atemzug mit La Tâche, Latour, Vieilles Vignes Françaises oder LeMontrachet genannt werden«, schreibt ein Kritiker. Das dürfte wohl leicht übertrieben sein, doch definitiv hat Lichine hier einen neuen Typus geschaffen, dessen beste Vertreter man durchaus als Premier Cru und Grand Cru der Provence bezeichnen könnte. Die beiden im Holz ausgebaut Cru Les Clans und Garrus sind sehr kräftige, ernsthafte und auf längere Lagerung ausgelegte Rosés, wie man sie vorher in der Provence selten gefunden hat. Lichines Engagement hat Nachahmer gefunden. Den Saint-Tropez-Stil findet man ebenso im Gemeinschaftsprojekt von Perrin, Jolie und Pitt, die vor einigen Jahren das Weingut Miraval gekauft haben. Und wenn man sich Stil und Aufmachung der Domaines Ott anschaut, dann sieht man, dass Lichine keineswegs allein ist. Ott, Miraval und d’Esclans stehen für einen gehobenen Rosé-Stil, bei dem übrigens neben den roten Sorten ein recht bedeutender Anteil an weißem Vermentino vorhanden ist, der genau in die Gastronomie passt, in der auch Dom Perignon glasweise verkauft wird. Es ist die Verbindung von Qualität mit gelungenem Marketing, die hier entscheidend ist.

Von der Provence ins Roussillon

Dass die Provence seit langer Zeit ein Hort besonders guter Rosés ist, dürfte derweil bekannt sein. Ein Weingut, das sich seit langer Zeit mit einem geradezu zeitlosen Stil hervortut, ist das Château Simone. Es liegt unweit von Aix-en-Provence und wird in sechster Generation von der Familie Rougier betrieben. Es gibt dort exakt drei Weine: rot, weiß und rosé. Allen drei Weinen wird dieselbe Aufmerksamkeit zuteil, und zwar sowohl im Keller als auch später beim Publikum. Der Rosé, dessen Anteile aus Syrah, Castets, Manosquin, Carignan, Muscat und weiteren Sorten neben Grenache, Mourvèdre und Cinsault im gemischten Satz im Weinberg stehen, ist ein Rosé-Monument – nicht weil er auch nur entfernt so mächtig wäre wie der Garrus, sondern weil er seit Jahrzehnten ein alterungswürdiger und immer hoch bewerteter Wein ist. 

Der Süden Frankreichs hat mittlerweile eine ganze Reihe höchst eigenständiger, großer Rosé-Weine hervorgebracht. Fährt man von der Provence Richtung Languedoc-Rousssillon, sollte man unbedingt bei Remy Pedreno in der Nähe von Nîmes vorbeifahren. Dort hat er im Ort Anglade, der schon vor langer Zeit wegen seiner Kalkböden berühmt war, eine Tradition wiederaufleben lassen. Seine Weine haben große Spannung und Frische und sind von beeindruckender Tiefe und Finesse. Ähnlich wie bei Simone steht auch hier der Rosé ganz eigenständig neben den roten und weißen Qualitäten. 

Auf der Suche nach Rosé-Meisterwerken kommt man um Calce im Roussillon nicht herum. Dieser Ort machtseit vielen Jahren von sich reden. Das Terroir mit den ständig wechselnden Bodenformationen scheint von so besonderer Art zu sein, dass hier Weine von großer Komplexität und Lebendigkeit entstehen. Gauby, Matassa und l’Horizon sind bekannte Namen. Etwas außerhalb findet man zudem Roc des Anges. Wer einmal die Rosés von Thomas Teibert (Domaine de l’Horizon) und Marjorie Gallet (Roc des Anges) probiert hat, wird nie mehr behaupten, dass Rosé letztlich doch immer nur ein Wein wie bessere Limonade sei. Im Gegensatz zu all den Unmengen kaltvergorener, primärfruchtiger Weinchen leben hier Stein und Terroir in Weinen, die trotz ihrer Tiefe und Ernsthaftigkeit mit ganzer Seele Rosés sind – auch wenn der 2014er Grenache von 60 Jahre alten Reben, den Teibert da vinifiziert hat, farblich kaum noch an Rosé erinnert. Ähnlich sieht es mit Les Vignes Métissées von der Domaine Roc des Anges aus. Der mehr als hundert Jahre alte gemischte Satz von 15 südlichen Rebsorten wird wie ein Weißwein verarbeitet und dann ins ältere burgundische Holzfass gelegt.  

Burgund und Rioja in der Spitze

Diese Weine können zwar jung getrunken werden, es wäre jedoch schade; denn über die Jahre hinweg werden diese Rosés immer größer. Das gilt auch für den Fleur de Pinot von Sylvain Pataille. Der Burgunder aus Marsannay ist einer der ganz großen Rosés und steht vielleicht in der Spitze neben der äußerst raren Gran Reserva Viña Tondonia von López de Heredia in der Rioja und dem Valentini Cerasuolo d’Abruzzo. Während der Fleur de Pinot auch aktuell zu erwerben ist, ist der Tondonia Rosé heute rarer (nicht teurer) als ein Brézé von Clos Rougeard oder Le Montrachet der Domaine de La Romanée Conti. Der letzte in den Verkauf gelangte Gran Reserva Rosé war ein 2002er. Irgendwann wird der 2007er als nächster Jahrgang erwartet. Das könnte Ende 2018 oder im Frühling 2019 sein, und das Fell des Bären, sprich, die winzig kleine Menge, dürfte längst verteilt sein. Zurück also zu den begehrenswerten Rosés dieser Tage. Sylvain Pataille baut den Fleur de Rosé aus rund 85 % Pinot Noir und 15 % Pinot Gris von 70 bis 80 Jahre alten Stämmen im Holz aus, von dem rund 40 % neu ist. Dieser Rosé stammt nicht nur aus einer exzellenten Lage, er ist auch ein hervorragender Burgunder: saftig, voluminös, komplex und schmelzig, dazu rassig und enorm frisch. 

Leise, fein und eindrücklich
Viel leiser daher kommt ein weiterer gemischter Satz. Der Wein ist in allem, was er hat, extrem, außer im Geschmack; denn da ist er fein, präzise und kräuterbetont. Der gemischte Satz steht auf halber Höhe des Etna auf rund 1.300 Metern in einem rund 200 (!) Jahre alten Weinberg, der nicht einmal einen Hektar umfasst und sich in einem Steineichenwald befindet. Bearbeitet wird er mit einem Esel, und gemacht wird der Wein namens Vinudilice von Salvo Foti, der Leitfigur des biodynamischen Weinbaus auf Sizilien. 

Natürlich, es muss nicht die ganze Zeit so extrem sein, doch die genannten Leuchttüme der Rosé-Kultur vermitteln eindrücklich, wie ernst man es mit dem Rosé meinen kann. Dass es preislich auch niederschwelliger geht, zeigt beispielsweise Antonio Madeira, dessen Rosé aus dem Dão ebenfalls aus einem gemischten Satz stammt. Die besondere Art der unterschiedlichen Rebsorten, die gemeinsam gepflanzt, gemeinsam geerntet und vergoren werden, scheint besonders gut zum Rosé zu passen. Es sind meist uralte Anlagen, in denen oft weiße, graue und rote Sorten miteinander gepflanzt wurden. Bei Madeira ist der Weinberg rund 50 Jahre alt und steht auf Granit. Der drückt dem 2016er Serra da Estrella Rosé eine fast wuchtige Mineralität in die satte Frucht, durch die sich ein markantes Tanningerüst zieht. Und genau das ist ja letztlich das Spannende an dieser Art der Rosés. Diese Terroir-Rosés – nennen wir sie mal so – bilden den Gegenpol zum maischevergorenen Weißwein. Orangewein und Terroir-Rosé sind Zwitterwesen zwischen Weiß- und Rotwein mit ihrer Frische und dem leichten Gerbstoff. Und weil sie das sind, sind sie enorm flexibel in der Kombination mit Speisen und daher ideale Weine für die Gastronomie. 


Und was gibt’s in Deutschland? 

So richtig populär geworden ist der Terroir-Rosé unter den deutschen Winzern nicht. Das meiste, was man findet, ist Wein, der gerne schnell und in großen Zügen getrunken werden darf und der deutlich mehr mit der Frucht als mit der Textur spielt. Doch zwei Beispiele, wie es auch anders geht, sollten genannt werden.

Der erste Wein ist ein weiß gekelterter Pinot Meunier. Doch auch wenn er sich Blanc de Noirs nennt, hat er mehr Farbe als der Rosé der Domaine de l’Horizon. Der Pinot Meunier Terrassen von Stephan Kraemer aus dem Taubertal ist ein ziemliches Unikum. Er schmeckt maischevergoren, hat sattes Tannin, wirkt knochentrocken, kalkig dabei und ungemein frisch, saftig und kompromisslos. Dazu passt, dass er nicht geschwefelt wurde und trotzdem absolut stabil wirkt. Dieses Spiel mit der geringen Intervention, dem maximal ausgereizten Gerbstoff und der großen Frische beherrscht auch das Collective Z. Die Truppe rund um den Medienagenten Christoph Ziegler macht zwar erst seit kurzer Zeit Wein, hat aber nicht nur Ahnung, sondern es auch faustdick hinter den Ohren. Der Sonne am nächsten heißt der Rosé, der aus der ansonsten eigentlich völlig verpönten Rebsorte Dornfelder stammt. Was für ein Glück: Christoph, Helmut, Alex, Marie, Simon und Elisabeth zeigen uns endlich, was man mit dieser Rebsorte anstellen kann, vorausgesetzt, man hat alte Dornfelderlagen auf Kalkstein und lässt lediglich den Saft ablaufen, vergärt ihn spontan, baut ihn in gebrauchter französischer Eiche aus und füllt ihn ohne Schwefelzugabe unfiltriert ab. Dann macht es richtig Spaß!

Natürlich gab es immer irgendwo gute oder sehr gute Rosés. Doch man musste sie für längere Zeit tatsächlich mit der Lupe suchen. Diese Zeiten sind zum Glück vorbei. Die erwähnten Rosés (und natürlich viele mehr) bestechen durch das, was meist als Mineralität bezeichnet wird und eine vibrierende Lebendigkeit ist, die eine Liaison eingeht mit einem straffen Gerbstoff. Diese Kombination weit abseits primärer Kaltvergärungsaromatik macht einen großen Teil der Attraktivität dieser Weine aus.  

Die Weine des Château d’Esclans gibt es bei CWD

Die Weine des Château Simone gibt es bei Sebastien Visentin

Die Weine von Roc d’Anglade und der Domaine de l’Horizon gibt es bei Joachim Christ und Hier 

Die Weine von Roc des Anges und I Vigneri di Salvo Foti gibt es bei Vinaturel und Hier 

Den Fleur de Rosé findet man Gute Weine Lobenberg bzw. für die Gastronomie unter www.weinprofi.de

Die Weine von Antonio Madeira gibt es bei Bernd Kreis

Die Weine von Stephan Kraemer gibt es in der K&U Weinhalle

Die Weine des Collective Z gibt es bei Geile Weine

originalverkorkt

originalverkorkt

Christoph Raffelt ist ein ausgesprochen fleißiger Blogger, Kritiker, Podcaster, Prediger und Dozent in Sachen Wein. Da er auch gerne Gast ist haben wir ihn einfach eingeladen auch für uns zu schreiben.

Zum Portrait

Artikel anderer WeinPeople