Steinreich und naturgewaltig

Das Priorat ist ein Gebiet, wie es ursprünglicher und authentischer nicht sein könnte. Die Landschaft übt einen geheimnisvollen, geradezu anziehenden Reiz aus. Obwohl das Gebiet gerademal 140 Kilometer südwestlich von Barcelona liegt, kennen es die wenigsten Weinfreaks. Hier entstehen auf steinigen Schieferböden gaumenfüllende Monumente, die Jahrzehntelang halten. 

Wenn man von der Autostrada N 420 in Richtung Poreirra abbiegt, wähnt man sich bereits im Herzen des Priorats. Ein Trugschluss, denn die folgenden zwölf Kilometer erweisen sich als extrem kurvenreich und erfordern eine weitere halbe Stunde Autofahrt. Hier geht es langsam zu. Die steinig-graue Schieferlandschaft mit ihrer ungezähmten Vegetation und den teilweise verfallenen, sanft in die Landschaft eingebetteten Dörfchen entschleunigt auf natürliche Weise und versetzt ihre Besucher gewissermaßen in eine andere Welt. Mich erinnert dieser etwas marode aber überaus faszinierende Charme eher an lange vergangene Zeiten als an die hektische Gegenwart. 

Mittlerweile sind Garnacha und Cariñena die autochthonen Stars

Die meisten „Prioratinos“ bestehen aus einer Cuvée von Garnacha und Cariñena mit mehr oder weniger ausgeprägten Anteilen an Cabernet Sauvignon, Merlot oder Syrah. Neben dem heißen Klima sind die Böden des Priorats der größte Einflussfaktor auf die Qualität der Weine. Der Untergrund der steilen Hanglagen und verwinkelten Terrassen ist vulkanischen Ursprungs. Der Boden aus kleinblättrigem Schiefer und Quarz wird Llicorella genannt. Er verleiht den oftmals üppigen Weinen einen anregenden intensiv-mineralischen, fast graphitartigen Charakter, der die Opulenz der Prioratweine sensorisch nivelliert und eher die lebhaften Komponenten unterstützt. Entsprechend ist in den letzten Jahren eine Tendenz zu reinsortig ausgebauten Cariñena Weinen entstanden. Wie keine andere Rebsorte ist Cariñena in der Lage, das steinige extrem heiße Umfeld mit klirrender Lebhaftigkeit und gradliniger Präzision zu übersetzen.

Beispielhaft: Cariñena reinsortig ausgebaut 

  • 2013 Centenary Carignan 1902, Mas Doix, Poboleda
  • 2013 Ferrer Bobet Seleccío Especial Vinyes Velles (Porrera), Falset
  • 2008 El Pastelero de la Maria i en Valentin, Cims de Porrera
  • 2014 Dits del Terra, Terroir al Limit, Torroja
  • 2014 Manyetes, Clos Mogador, Gratallops
  • 2013 Clos Alzina (Torroja), Costers del Priorat, Bellmunt 
  • 2015 Tros de Clos, Clos de Portal, El Molar

Goldgräberstimmung versus Realität

In gerademal 25 Jahren ist die Zahl der weinerzeugenden Betriebe von Null auf 100 Betriebe gestiegen. Meine Frage, ob geldgierige Investoren eine Gefahr für das Naturdenkmal Priorat darstellen, welches sich gerade um einen Listenplatz des Unesco Weltkulturerbes bemüht, verneint Jose Mas Barberà, Oenologe des Weinguts Costers del Priorat, kopfschüttelnd. „Nach ein paar Jahren merken diese Leute, dass man hier nur mit harter Arbeit und entsprechender Geduld gute Weine erzeugen kann. Um die Weinqualität kontinuierlich zu steigern, muss das erwirtschaftete Geld sofort reinvestiert werden.“ Rund 850 Euro kostet eine Flasche des aktuellen Jahrgangs l’Ermita des Starwinzers Alvaro Palacios. Bis auf wenige Ausnahmen erreichen alle anderen Betriebe allerdings gerademal einen Durchschnittspreis von 20 Euro. Wobei die Herkunft bei der Preisfindung eine entscheidende Rolle spielt. Je weiter in den Bergen, desto intensiver die Arbeit, desto höher der Preis. Hier liegt dann der durchschnittliche Ertrag dann oftmals nur noch unter 10 Hektolitern pro Hektar. 


Die Highlights der Espai Priorat 2017

In dem restaurierten Kirchenschiff der Escaladei findet seit 2011 alle zwei Jahre die Espai Priorat statt. 45 Weingüter präsentieren ihre Weine Mitte Mai einem internationalen Publikum. Aus der ganzen Welt reisen Sommeliers, Händler und Journalisten an, um sich drei Tage den Weinen und entsprechenden Strömungen des Gebietes zu widmen. Arrivierte Betriebe präsentieren ihre Weine neben klassischen Kellereien und vielversprechenden Newcomern. Hier trifft man Daphne Glorien und René Barbier persönlich und kann sogar mit Alvaro Palacios einige Worte wechseln. 

Einsame Spitze

  • 2013 Garnatxa de Cims de Porrera
  • 2014 Ferrer Bobet Vinyes Velles, Porrera 
  • 2014 Clos Mogador, Gratallops
  • 2008 Clos Mogador, Gratallops
  • 2013 Doix, Mas Doix, Poboleda 

Balancierte Mitte

  • 2014 Clos Cypres, Bellmunt, Costers del Priorat
  • 2014 Clos Alzina, Torroja, Costers del Priorat
  • 2012 Clos Figueres, Clos Figueras Gratallops
  • 2015 Vi de Vila Gratallops, Alvaro Palacios
  • 2015 Torroja Vi de Vila, Terroir al Límit, Torroja
  • 2012 Clos Fontá, Mas d’en Gil, Bellmunt

Süffiger Einstiegsstoff

  • 2014 Formiga de Vellut, Clos Galena, El Molar

Meine persönliche Entdeckung war neben den reinsortig ausgebauten Cariñena Weinen die fortwährende Entwicklung René Barbiers, der heute von seinen Söhnen René Junior und Christian unterstützt wird, sowie Costers del Priorat, ein Gemeinschaftsprojekt einer Gruppe weinverrückter Investoren. Für die Weinberge und den Ausbau im Keller ist Oenologe José Mas Barberà verantwortlich. Ein äußerst feinfühliger Zeitgenosse, der nicht nur über internationale Erfahrung verfügt, sondern auch das WSET (Diploma Wines and Spirits) absolviert hat. Er berichtet engagiert über seine beiden Lagen „Clos Cypres“ in Bellmunt und „Clos Alzina“ in Torroja. Beides sind reinsortige Cariñena und wachsen auf Schiefer. Die Weine werden gleich ausgebaut, zeigen dennoch ganz klar ihre unterschiedliche Herkunft. 

Ein weiteres Projekt, was es zu beobachten gilt: Franck Massard, ein ehemaliger Sommelier hat im letzten Jahr sein gesamtes Geld in ein extrem steiles, rebbestocktes „Amphitheater“ oberhalb von Torroja gesteckt. Man hat das Gefühl, dass er jeden Rebstock und die Pflanzenvielfalt seines Hangs persönlich kennt. Der vielen Arbeit, die tagtäglich auf ihn wartet, ist er sich durchaus bewusst. Hier spielt Risiko neben Diversität die Hauptrolle! Wir müssen deshalb einfach noch etwas Geduld aufbringen, bis die Resultate dieses Steilhangs gefüllt sind.

Weitere Informationen über das Priorat und seine Protagonisten

Werkstatt-Blog

 

Bezugsquellen:

Clos Mogador      Bezugsquelle 

Mas d'en Gil         Bezugsquelle 

Terroir al Limit      Bezugsquelle    

Clos de Portal      Bezugsquelle      

Mas Doix              Bezugsquelle      

Cims de Porrera   Bezugsquelle      

Clos Figueres       Bezugsquelle 

Alvaro Palacios     Bezugsquelle

 

Bildrechte: Christina Fischer

Christina Fischer

Christina Fischer

Die Sommeliere und Buchautorin Christina Fischer lebt und arbeitet in Köln. Ihre vielseitigen Aktivitäten bündelt sie in ihrer Kölner GENUSS Werkstatt.

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