Treffpunkt Boden- und Weindiversität #3

Rund 130 Sommeliers, Gastronomen, Händler Weinakademiker, Winzer und Journalisten treffen sich im DLR Oppenheim, um bei einer zweitägigen Fachtagung die unterschiedlichen Aspekte einer möglichst klaren Terroir-Definition zu ergründen.

Wein-Weiterbildung pur!

Los geht es mit dem Boden, er prägt maßgeblich die sensorischen Eigenschaften und die Qualität des Weines, der auf ihm gewachsen ist. Aber welche Rolle spielt der Winzer in dem Prozess, den Boden sensorisch im Weinglas erfahrbar, transparent zu gestalten? Welchen Einfluss nehmen weinbauliche Maßnahmen, der Klimawandel und kellerwirtschaftliche Aspekte bei der sensorischen Ausprägung des Terroir?

Zur dritten Vortrags- und Exkursionsveranstaltung dieser Art, die sich intensiv diesem Thema widmet, lädt das DLR Rheinhessen-Nahe-Hunsrück gemeinsam mit Rheinhessenwein e.V. nach Oppenheim ein. Wissenschaftler und Journalisten aus Bordeaux, Geisenheim, Neustadt, Würzburg, der Schweiz und des Landesamtes für Geologie und Bergbau Rheinland-Pfalz versuchen die Zusammenhänge von Boden- und Weindiversität näher zu beleuchten. Moderiert wurde die Veranstaltung ebenso kurzweilig wie informativ von Prof. Dr. Ulrich Fischer, DLR Rheinpfalz, Neustadt.

Definition Terroir 

Prof. Dr. Ulrich Fischer definiert Terroir recht verständlich: „Wissenschaftlich betrachtet ist Terroir die in einem Wein erfassbare sensorische Dimension der Wechselwirkung zwischen Rebe, Beschaffenheit von Gestein und Boden, Klima und Relief. Indirekt nimmt der Mensch Einfluss durch Kulturmaßnahmen im Weinberg und seine Arbeit im Keller.“ Ein weiterer wichtiger Aspekt ist jedoch die Weinkultur der jeweiligen Länder, die eng mit den Menschen verflochten ist. Letztendlich trifft der Homo sapiens fast alle Entscheidungen, sowohl im Weinberg bis hin zu allen kellertechnischen Einflüssen. Aus Sicht der Franzosen gehört der Mensch deshalb mit all seinem Tun explizit dazu. Aus deutscher Sicht ist der Faktor „Mensch“ die einzig wissenschaftlich nicht erfassbare Komponente des sogenannten Terroirs. 

Flüssige Beweise und heiße Diskussionen

Untermauert wurden die vorgetragenen Aussagen durch flüssige Beweise in Form exemplarischer Weine, von denen jeder auf seine Weise sensorisch nachvollziehbar für sein ureigenes Terroir steht. Hier ist eine Übersicht der Verkostungslisten

Mit der Auswahl der Weine waren Diskussionen vorprogrammiert, weil nun auch noch die menschliche Gefühlswelt auf wissenschaftliche Fakten prallte.

Exkursion im Roten Hang: kein Schiefer, sondern roter Tonstein 

Während der anschließenden Exkursion im Roten Hang erklärte Dr. Ernst Spies vom Geologischen Landesamt in Mainz sehr eindrucksvoll den Unterschied zwischen „Schiefer“ und „rotem Tonstein“. Während Schiefer sprichwörtlich steinhart ist und nur sehr langsam verwittert, zersetzt sich der rote Tonstein sehr viel schneller. Das Ausgangsgestein des Roten Hangs setzt sich aus rotem Tonstein, kalkhaltige Ton- und Feinsandablagerungen in der Wüstenlandschaft des oberen Rotliegend, zusammen. Es entstand vor ca. 280 Millionen Jahren, während Schiefer aus dem Erdzeitalter des Devon stammt und nicht nur älter, sondern auch härter ist. Hinzu kommt, dass es sich bei Schiefer um ein ausgesprochen festes, eher saures Gestein und bei rotem Tonschiefer um einen verwitterten, kalkhaltigen Untergrund handelt. Dr. Ernst Spies demonstrierte das sehr eindrucksvoll mit einem Tropfen fünfprozentiger Salzsäurelösung, die nicht auf Schiefer aber auf Kalk reagierte. 

Einhelliges Fazit

Am Ende waren sich jedoch alle Teilnehmer einig, dass diese zwei Tage vielleicht nicht das Ende der Diskussion herbeigeführt haben, jedoch eine eindrucksvolle Erweiterung des persönlichen Horizonts auslösten. Wiederholung vorprogrammiert. In zwei Jahren steigt die 4. Boden- und Weindiversität!

Weitere Links zu diesem Thema

Weinwissen per Stipendium – Wichtige Information für Sommeliers und weinorientierte Servicemitarbeiter in der Gastronomie

Literatur und Quellen:

Weinbergsböden, Dr. Ernst Spies

Weinbergsböden in Rheinland-Pfalz | Steine.Böden.Terroir

Dr. J. Backes, Dr. P. Böhm, H.Gröber, J.Jung, Dr. E.-D. Spies, Herausgeber: Ministerium für Wirtschaft, Energie und Landesplanung Rheinland-Pfalz

Gute Gründe für Rheinhessenwein | Steine.Böden.Terroir 

Broschüre von Dr. Ernst-Dieter Spies (LGB), Heinrich Schlamp (DLR), Christina Fischer

 

Wenn der Wein die Schulbank drückt… 

WeinWissen per Stipendium

Eine bemerkenswerte Idee, die erfolgreich Fahrt aufnimmt. Weil es in Deutschland für gastronomischen Nachwuchs viel zu wenig geförderte Weiterbildungs-Möglichkeiten gibt, hat Christina Fischer eine zukunftsträchtige Vision entwickelt.

Mit ihren WeinWissen Stipendien vernetzt Christina Fischer jetzt bewusst Firmen und junge Weinmitarbeiter. „So können beispielsweise Veranstaltungen, die einen hohen Weiterbildungswert vorweisen, zielführend und zukunftsorientiert von den unterschiedlichsten Betrieben genutzt werden.“ Als positive Beispiele nennt die Sommelière das Engagement des Gerolsteiner Brunnen, der im Rahmen der WeinPlaces regelmäßig den Sommelier-Nachwuchs mit solchen Stipendien unterstützt und gleichzeitig zu mehr Wissen motiviert. Aber auch die Busche Verlagsgesellschaft, die Deutsche Wein- und Sommelierschule, Moselwein e.V., der VDP (Verband der deutschen Prädikatsweingüter), Zwiesel Kristallglas und Rheinhessenwein e.V. engagieren sich bereits in Sachen vinophiler Weiterbildung.

„Ich würde mich freuen, wenn möglichst viele in der Branche diese Chance erkennen und sich zukünftig noch mehr für die Qualifikation ihrer Mitarbeiter einsetzen. So kommt noch mehr positiver Schwung in die Weiterbildung junger Weinfachleute“, fasst Christina Fischer überzeugend zusammen.

Bildrechte: Christina Fischer, Stefan Raddeck, Weingut Raddeck, Nierenstein

Christina Fischer

Christina Fischer

Die Sommeliere und Buchautorin Christina Fischer lebt und arbeitet in Köln. Ihre vielseitigen Aktivitäten bündelt sie in ihrer Kölner GENUSS Werkstatt.

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