Vagabond Wines: Unkomplizierte Tastings in Englands Hauptstadt

Wein, den hat Stephen Finch vor allem privat getrunken, als er als Unternehmensberater tätig war. Sonst hatte er damit wenig zu tun. Das sollte sich schnell ändern, denn heute ist Wein sein Geschäft: Als er 2003 von New York City nach London zog, fand er die Stadt innovativ, lebendig, sprudelnd. Was nicht so innovativ und erst recht nicht lebendig war, war die Weinszene. „Klar, konnte man in der ein oder anderen Lokalität einen Wein  trinken – mitunter auch einen guten – aber der britische Markt war überschwemmt von Industrieweinen“, erzählt er in Englands Hauptstadt, wo er heute noch lebt und mittlerweile auch erfolgreicher Unternehmer ist. „Man ging halt in den Supermarkt und kaufte irgendein Massenprodukt ohne Finesse oder das gewisse Etwas.“ Ein Fakt, der ihm nicht nur sauer aufstieß, sondern den er zu ändern gedachte. „Gute interessante Weine sollten auch für die zugänglich sein, die gern leckeren Wein trinken, aber nicht viel darüber wissen und deswegen vielleicht gar nicht einfach entscheiden können, welchen sie wählen. Also bleibt der Endkonsument bei dem Produkt, das er kennt. Und das ist eben oft langweilig.  Das wollte ich ändern.“ Das war der Ansatz.

 

Die Realisierung war die erste Filiale von Vagabond Wines in London-Fulham, die 2010 eröffnete. 100 unterschiedliche Weine gab es dort zu tasten. 
Das Konzept von Vagabond Wines ist innovativ und anders und ermöglicht Kunden – oder Gästen wie man sie hier eher nennt – eine andere Herangehensweise an das Produkt Wein. „Wer kein Experte ist, schreckt oft zurück vor der Kommunikation mit einem Sommelier oder dem, der ein Tasting leitet. Traut sich nicht Fragen zu stellen oder seinen Eindruck des Weins zu äußern, aus Angst Fehler zu machen“, erklärt Finch. „Deswegen wollten wir es anders machen. Modern und unkompliziert.“ Das ist gelungen: In den mittlerweile fünf Anlaufstellen von Vagabond Wines ist für den Ablauf des Tastings kein Sommelier nötig. Hier wird selbst gewählt, probiert, gelesen.

Das ganze Konzept basiert auf einem Self-Service-System: Die Flaschen sind hinter Glasscheiben angeschlossen an eigens dafür vorgesehene Zapfhähne. Zu jeder Flasche gibt es ein Kärtchen mit ausführlicher Info zum Wein, der Herkunft, dem Geschmack und dem Preis, außerdem besteht die Möglichkeit den Wein gleich flaschenweise für Zuhause zu kaufen. Der Probierende wählt die Größe seines Schluckes /Tastingschluck, 0,1l oder 0,2l) und führt eine zuvor gekaufte Checkkarte in das Gerät ein. Das Glas wird gefüllt, der Gast tastet und entscheidet, ob ihm der Wein mundet. Die Weine sind unterschiedlichen Regalen zugeordnet, an denen mit Kreide groß informiert wird, um was für eine Art Wein es sich hier handelt. Das können Anbaugebiete aber auch Geschmacksrichtungen sein. „Natürlich sind auf der Fläche auch Mitarbeiter unterwegs, die sich mit unseren Weinen auskennen, Fragen beantworten können, die aufkommen, oder anderweitig Hilfestellung geben können“, verrät Finch. Tasten ist hier einfach und spaßig und das kommt an. Die Hauptkunden der Vagabond Wine Stores, die eine Kombination aus Weinshop und Weinbar darstellen, sind durchschnittlich Personen der Altersklasse 28 bis 49. Anfangs wurde tatsächlich nur Wein verkauft, heute bieten alle Lokale auch Essen an. „Es wurde dann schon mal ziemlich schnell sehr lustig, weil viel getastet wurde und es nichts zu essen gab“, erinnert Finch sich an die Anfänge seiner Läden zurück. „Weintrinker sind Genussmenschen und möchten das Rundumpaket. Also gibt es bei uns immer auch einen leckeren Happen, den man ordern kann.“ Die Stammgäste sind prozentual gesehen etwas mehr weiblich, worüber Finch sich freut: „Das ist nicht immer die Regel bei Lokalen oder Shops im Weinkontext, auf jeden Fall in UK nicht.“

Zwei Einkäufer, Colin und Mark, kümmern sich um die Bandbreite an Wein, die in den Vagabond Filialen geboten wird. Es fällt auf, dass hier nicht nur die großen Standardproduzenten wie Frankreich und Italien getastet werden können, sondern auch viele kleinere Anbauländer zum Beispiel aus den osteuropäischen Ländern. 250 bis 300 unterschiedliche Weine werden zur Verkostung und zum Verkauf angeboten – in der neusten, sehr großen Filiale, die zentral in London Victoria liegt, gibt es außerdem eine kleine Abteilung in der man ausschließlich Sake tasten kann. Wenn man durch die Gänge streift, lachen einen Klassiker ebenso an, wie einem unbekannte Traubensäfte. Gebietsraritäten wie der Rote Veltiner Klassik 2016 vom Weingut Leth überzeugt mit Noten von Mirabelle und Apfel und einem runden, saftigen Spiel von Säure und Süße, ein Regal weiter probiert man einen nicht ganz so aufregenden aber soliden Pizzini Nebbiolo King Valley von 2013. Ein bisschen Kirsch, ein wenig rote Früchte und irgendwie lederartig. So kann man munter weiter probieren – in jede erdenkliche Richtung. Finchs Favorit? „Ich bin da gar nicht einer Sorte treu. Ich liebe südafrikanische Weine, auch, weil es ein Südafrikaner war, den wir als erstes direkt importiert haben für Vagabond Wines.“

Der günstigste Probierschluck liegt aktuell bei einem britischen Pfund, der teuerste bei 4,70 £. Die Läden sind geschmackvoll gestaltet, die Decken verkleidet mit alten oder auch eigens gestalteten Weinkisten aus Holz, alles sieht hip und modern aus und lenkt dennoch nicht vom Zentrum ab: Den etlichen, feinsäuberlich aufgereihten Flaschen in den vielen Regalen. Hier kommt der Kunde schnell und unkompliziert mit Wein in Berührung, muss sich nicht schämen, weil vielleicht augenscheinlich Wissen zum Thema fehlt oder andere schlichtweg mehr wissen. Ein Ansatz den sich viele Gastronomen abgucken oder von dem sie sich zumindest inspirieren lassen. „Das freut mich sehr. Oftmals wird man betriebsblind und vergisst, dass Wein unkompliziert sein sollte und auch einfach Spaß macht – egal ob man blind eine Rebsorte erkennen kann oder eben nicht.“

Nun warten Finch und sein Team mit einem neuen Projekt auf: Der sechste Store von Vagabond Wines ist gleichzeitig auch Produktionsstätte, dort werden noch ab diesem Herbst eigene Weine produziert, die Trauben dafür stammen aus England.

 

Text: Maren Aline Merken

Fotos: Marvin Schoenberg

Maren Merken

Maren Merken

Als Journalistin und Reisende ist Maren Merken stets auf der Suche nach neuen Foodtrends, nach interessanten Wein- und Gastrokonzepten und Neuigkeiten aus der Genusswelt.

Zum Portrait

Artikel anderer WeinPeople

Sebastian Bordthäuser
Sebastian Bordthäuser  -  12.10.2017
Der BCB 2017 - Partnerland Frankreich
Sebastian Bordthäuser
Sebastian Bordthäuser  -  05.10.2017
Die Loire im Jahrgang 2016
Sebastian Bordthäuser
Sebastian Bordthäuser  -  28.09.2017
Wines of Portugal Campus II.
Christina Fischer
Christina Fischer  -  15.09.2017
Let’s taste Südafrika