Vinho Verde - Vom Sommerwein zum Terroirwein

Wenn ich an meine frühesten Weinerfahrungen zurückdenke, dann fallen mir immer die Bocksbeutelflaschen in unserem Keller ein. Diese markanten Flaschen stammten zu einem Teil aus Franken, zum anderen Teil aus Portugal. Das war in den 1980er Jahren, und der deutsche Weinbau hatte seinen Tiefpunkt erreicht. Trotzdem gab es natürlich auch zu der Zeit Erzeuger, die gute Weine machten, und mein Vater fand sie in Franken. Er trank gerne »fränkisch trocken«. Damals brachte sich einer seiner Kollegen, der sich während seiner Urlaube überwiegend in Portugal aufhielt, von dort auch Weine mit. Bis auf Portweine und den überall erhältlichen süßen Mateus Rosé, der ebenfalls im Bocksbeutel angeboten wurde, gab es hier auf dem Markt so gut wie keine portugiesischen Weine. Der Kollege hatte seine Begeisterung für Vinho Verde entdeckt und konnte irgendwann einen Weinhändler dazu überreden, die durchsichtigen Flaschen von Casal Garcia zu importieren. Seit dieser Zeit gab es auch bei uns zu Hause immer ein paar Flaschen davon – vor allem während der Sommerzeit; denn dieser Wein, den man heute fast in jedem Supermarkt findet, ist als frischer, leichter und leicht moussierender Wein ein ideales Sommergetränk. Hier und da hole ich mir davon noch mal eine Flasche, auch wenn sie mittlerweile eine Bordeauxform hat. Für unter fünf Euro ist dieser Vinho Verde bis heute ein verlässliches Getränk.

Mehr als die moussierende Sommerbrise

Doch wenn sich der Vinho Verde seit jener Zeit nicht weiterentwickelt hätte, wäre er keinen Artikel wert. Tatsächlich aber hat es im Minho, dem nördlichsten Anbaugebiet Portugals, im Laufe des letzten Jahrzehnts eine Qualitätsrevolution gegeben. Und genau diese Veränderung verdient Beachtung. Wie die meisten anderen portugiesischen Weine ist auch der Vinho Verde eigentlich ein Cuvée mehrerer autochthoner Rebsorten. Davon hat Portugal mehr als 400, und viele von ihnen wurden früher zusammen im Weinberg angebaut und geerntet. Auch wenn diese Gemischten Sätze irgendwann aus der Mode kamen und die Rebsorten getrennt angebaut, geerntet und vergoren wurden, so fanden sie in den Cuvées doch wieder zusammen. Beim Vinho Verde sind es sechs weiße Rebsorten, ferner vier, die für den roten Vinho Verde, und zwei, die für Vinho Verde Rosé verwendet werden. Moment – roter und roséfarbener Vinho Verde? Ja, der Grüne Wein, wie er übersetzt heißt, wird traditionell auch rot und seit längerer Zeit auch roséfarben ausgebaut. Der Name Vinho Verde bezieht sich nämlich weniger auf die helle Farbe mit den tatsächlich oft grünen Reflexen, sondern eher auf die Herkunft des Weines; denn die Region Minho ist die mit Abstand grünste und regenreichste Region Portugals. 

Vinho Verde vom Douro bis zur spanischen Grenze

Von der rechten Seite des Douro aus zieht sich die Region bis zum namensgebenden Minho, dem Grenzfluss zu Spanien. Auf einer Fläche von rund 7.000 km2 finden sich neun Sub-Appellationen mit rund 21.000 Hektar Wein, die sich rund 19.000 Weinbauern teilen. So kommt also jeder Weinbergsbesitzer im Durchschnitt auf etwas mehr als einen Hektar. Bei solch kleinen Besitzungen, die fast immer nur einen Teil des Einkommens ausmachen, verhält es sich ähnlich wie in der Champagne oder in Südtirol. Die Weinbauern verkaufen ihre Erträge an einen der 600 Abfüller oder sind in Kooperativen engagiert. Nur wenige Familienbetriebe verfügen über einen so großen Besitz, dass sie eigenen Wein produzieren, doch einige dieser Betriebe haben sich einen hervorragenden Namen gemacht. 

Die wichtigsten weißen Rebsorten

Die Reben des Minho wurden bis weit ins letzte Jahrhundert auf teils abenteuerliche Weise angepflanzt. Sie waren in den Gärten der Besitzer Teil einer Mischkultur. Da die anderen Kulturpflanzen am Boden Platz benötigten, hängte man die Weinreben über die Äste von Bäumen oder über hohe Pergolen rund um die Felder. Geerntet wurde dann mit langen Leitern. Heute werden die meisten Reben in Drahtrahmenerziehung gesetzt, und die Weinberge unterscheiden sich kaum noch von einem typischen deutschen Riesling-Weinberg. Der Riesling, wo wir gerade bei dieser Sorte sind, war der Namensgeber für die Edelste der Vinho-Verde-Sorten. Ihr Name ist Alvarinho, und ebenso wie in den nicht weit entfernten spanischen Rias Baixas, wo die Sorte Albariño genannt wird, wird sie zunehmend reinsortig ausgebaut. Die »Weiße vom Rhein« lautet der Name übersetzt, und man ging lange davon aus, dass sie mit dem Riesling verwandt sei. Dies ist aber widerlegt, und doch können Frucht, Säurestruktur und Komplexität schon mal an die Rheinrebe erinnern. 

Neben dem Alvarinho ist der Loureiro die zweite bekannte Sorte des Minho. Der Loureiro ist etwas fülliger als der Alvarinho, dabei aber etwas floraler, und er erinnert im Duft oft an Lorbeer. Während der Alvarinho an der spanischen Grenze in der Appellation Monção e Melgaço und der Loureiro in der Küstenregion von Lima, Cávado und Ave angebaut werden, fühlen sich Avesso und Arinto an den Ufern des Douro am wohlsten. Diese beiden Sorten haben mich bei meinem letzten Besuch im Minho am meisten überrascht mit ihrer Frische, dem Druck am Gaumen und der Klarheit in der Aromatik. Neben diesen vier findet man auch reinsortige Azal- und Trajadura-Weine. 

Vinho-Verde-Avantgarde in Monção e Melgaço

Wenn man heute über Vinho Verde und vor allem über Alvarinho spricht, dann fallen zuerst zwei Namen, die für die ganze Vielfalt der Sorte stehen: Soalheiro und Anselmo Mendes. Nur unweit voneinander entfernt in Monção e Melgaço, haben sie die Qualität des Vinho Verde in ehemals ungeahnte Höhen geschraubt. Und da es einige ihrer Weine schon relativ lange gibt, kann man sehr gut verfolgen, wie alterungsfähig die Alvarinhos sind. Dazu trägt sicher der Granit bei, der Grundlage in dem gesamten Gebiet ist. 

João Antonio Cerdeira hat bereits im Jahr 1974 die ersten Alvarinho-Reben in Melgaço angepflanzt und ab 1982 mit der Quinta de Soalheiro ganz auf diese Rebsorte gesetzt. Heute, unter der Ägide seines Sohnes António Luíz, hat sich das Angebot erweitert. Man findet auch Loureiro und selbst die rote Vinhão im Programm. Doch Alvarinho bleibt hier Primus inter Pares mit einer ganzen Palette an Interpretationen vom Schaumwein über Klassiker vom Granit bis hin zu restsüßen Weinen und solchen ohne weitere Zusätze. António Luíz unternimmt gerne Grenzgänge in der Erforschung dieser Rebsorte und baut sie auch im Kastanienholz oder in der Amphore aus. Und seine Weine sind immer gekonnt gemacht. 

Anselmo Mendes steht ihm da nicht nach. Er hat ebenfalls in den 1980ern damit begonnen, den Vinho Verde neu zu erfinden, und dies auf etwas breiterer Front. Auch wenn sein Hauptaugenmerk gleichfalls auf dem Alvarinho liegt, findet man bei Mendes auch die klassische Vinho-Verde-Cuvée oder auch reinsortigen Avesso und Loureiro. Besonders beeindrucken die im Holz ausgebauten Weine wie der Muros de Melgaço. Dieser Wein ist eine Institution in Portugal, war er doch der erste im Holz ausgebaute Vinho Verde. Dieser Wein hält sich locker ein Jahrzehnt im Keller und behält doch immer den feinen Säurenerv der Rebsorte.

Hinwendung zur biologischen und biodynamischen Arbeitsweise

Die Vielzahl an Weinbergsbesitzern und der häufig benötigte Zukauf machen die biologische Zertifizierung oft schwer. Zwei empfehlenswerte Weingüter, die über genügend Eigenbesitz verfügen, haben dies jedoch geschafft. Die Quinta de Covela am Douro liegt an einem Weinberg, der einem Amphitheater gleicht und über den hinweg man zum berühmten Portwein-Fluss blicken kann. Seit 2007 wird biodynamisch nach Ecocert-Richtlinien gearbeitet. Bei Covela bekommt man den klarsten und sortentypischsten Arinto und Avesso, der aktuell auf dem Markt ist. Etwas weiter Richtung spanische Grenze in der Region Lima hat der ehemalige Waldorf-Lehrer und Gestalter Vasco Croft 2004 das Anwesen seiner Großmutter übernommen, liebevoll restauriert und so einen der schönsten Weinorte Portugals entstehen lassen. Das biodynamisch arbeitende Weingut Aphros und der Naturwein-Ableger Phaunus beschäftigen sich vor allem mit der für Lima typischen Sorte Loureiro, und das in allen Spielarten vom Pet Nat und Schaumwein bis zum Amphorenwein.

Die ganze Vielfalt passt zu einem mehrgängigen Menü

Auch wenn der weiße Vinho Verde bei den Einheimischen besonders gerne zum Bacalao, dem luftgetrockneten Kabeljau, verzehrt wird, decken die heutigen Vinhos Verdes die ganze Palette eines Menüs ab und sind auf Grund ihrer Säurestruktur ideale Essensbegleiter. Selbst wenn bei einigen Weinen das Holz mit ins Spiel kommt, bleibt doch immer die lebendige Frische vorhanden. Das leicht Moussierende, mit dem der Vinho Verde gerne verbunden wird, findet man nur noch in den Supermarkt-Abfüllungen oder beim roten Vinho Verde, der hier leider nur selten zu finden ist. Der rote Vinhão – eine Traube, die nicht nur roten Gerbstoff in der Schale hat, sondern auch tiefrotes Fruchtfleisch – ist ein perfekter Sommerrotwein, der oft über ein leichtes Mousseux verfügt und sehr saftig, würzig und doch mit ordentlichem Tannin daherkommt. 

Vinho Verde ist nicht nur als Anbaugebiet eine Reise wert. Die Vielfalt der Weine kann mittlerweile auch hier entdeckt werden, und die Experimentierfreudigkeit im Anbaugebiet ist begeisternd. Vor allem mit etwas Schalenkontakt wird der Alvarinho so richtig interessant, und auch den moderaten Holzeinsatz integriert er hervorragend. Doch die Stärke liegt nicht unbedingt in einer burgundischen Finesse und Komplexität, sondern vor allem da, wo im mittleren Segment eine gute und frische, von Meeresfrüchten betonte Küche begleitet werden soll. 


Empfehlungen

Edição Nacional Arinto

Edição Nacional Avesso

Sehr sortentypische, glasklare Arinto und Avesso.

Alvarinho Docil 9%

Alvarinho Granit

Espumante Brut


Wenn man so will, ist Soalheiro der Erfinder des sortenreinen portugiesischen Alvarinho. Es gibt ihn auf höchstem Niveau in vielen Varianten. Klassisch und terroirbetont der Granit, restsüß und in Zusammenarbeit mit Dirk van de Niepoort entstanden der Docil und als Schaumweinvariante der Espumante sind drei besonders gelungene Varianten.





Muros Antigos Loureiro, Avesso und Alvarinho

Muros Melgaço Alvarinho

Contancto Alvarinho

Neben Soalheiro der zweite hervorragende Produzent am Minho. Begeisternd die drei rebsortenreinen Weine der Serie Muros Antigos, eine Institution der im Holz ausgebaute Muros und ausgesprochen spannend der Contacto, der etwas länger auf der Maische gestanden hat.





Aphros Wine

Aphros Loureiro

Phaunus Pet Nat Bruto

Die Serie Aphros und Phaunus entsteht bei Biodynamiker Vasco Croft und zeigt besonders schöne die Vielfalt des Loureiro. 

Arca Nova Vinhão Primoris Vinho Verde

Einer der schönsten roten Vinho Verde mit viel Würze, tiefer Frucht und prägnanter Säure. Ein Sommerrotwein par excellence.

Vinho Verde Branco Avesso

Die Quinta gehört zu den großen und zuverlässigen Erzeugern von Vinho Verde. Der Avesso ist die Lieblingssorte des Weinmachers und das schmeckt man hier auch.

Bezugsquelle 

 

Bildrechte: Christoph Raffelt; Soalheiro

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Christoph Raffelt ist ein ausgesprochen fleißiger Blogger, Kritiker, Podcaster, Prediger und Dozent in Sachen Wein. Da er auch gerne Gast ist haben wir ihn einfach eingeladen auch für uns zu schreiben.

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