Weinbau-Mavericks in Amerikas Nordwesten

Der Pazifische Nordwesten der USA ist bestimmt durch seine Geschichten. Zum einen gibt es die Erzählungen über mutige Pioniere, die die Region erst in den letzten Jahrzehnten für den Weinbau erschlossen haben. Zum anderen ist aber auch die Entstehung dieser spektakulären Landschaft eine Geschichte, die es zu erzählen lohnt. Aber fangen wir am Anfang an.

Im engsten Sinne schließt der Pazifische Nordwesten der USA die zwei Bundesstaaten Washington State und Oregon ein. Hier befinden wir uns direkt an der Grenze zu Kanada, mit dem Pazifik im Westen und weiten Ebenen im Osten. Durch die Region zieht sich die Gebirgskette der Cascade Mountains, die auch den Weinbau hier bestimmt. Wie ein Schutzwall trotzen die Cascades den vom Pazifik kommenden Regenwolken. So ist der Bereich westlich der Berge, in dem die Städte Portland und Seattle liegen, feucht und grün. Auf der anderen Seite der Cascades sieht es aber ganz anders aus.
In manchen Anbaugebieten im Inland regnet es nur 150 mm im Jahr, was sie per Definition zu Wüsten macht. Hinzu kommt, dass der größte Teil des Niederschlags im Winter fällt. Ohne Bewässerung wäre in weiten Teilen von Washington State keine Landwirtschaft möglich, und das sieht man auch, wenn man durch die Anbaugebiete fährt. Dort wo keine Sprinkler installiert sind, gibt es nur braunes Gestrüpp. In Oregon findet man hingegen noch mehrere Weinberge, die ohne Bewässerung bewirtschaftet werden.

Aber auch in Oregon machen sich immer mehr Winzer darüber Gedanken, ob Weinbau ohne Bewässerung in zehn Jahren noch möglich ist. Zugriff auf Wasser gibt es aber in weiten Teilen des Pazifischen Nordwesten zur Genüge. Der mächtige Columbia River bringt Wasser in die Region und die Winzer zapfen den Fluss an, um Ihre Reben am Leben zu erhalten. Zum Glück schiebt der Columbia River 322 Millionen Liter pro Minute durch das Tal. Um zu bewässern, braucht man zwar Lizenzen, die schwer zu bekommen sind, wenn man dann aber eine Lizenz hat, ist der Vorrat trotz Klimawandels gesichert. Trotzdem ist Wasser ein wichtiges Thema im Pazifischen Nordwesten, denn auch die Entstehung der Landschaft war vom Wasser bestimmt.

Hier, am westlichen Ende der Weltkarte, passierte vor vielen Jahrtausenden Unvorstellbares. Am Ende der letzten Eiszeit sammelte sich im Norden Amerikas Schmelzwasser in Seen an, bis die Eisdämme, die sie umschlossen, brachen. Dieser Vorgang wiederholte sich mehrmals und so rollte 50 bis 100 Mal eine apokalyptische Flutwelle mit unvorstellbarer Kraft durch das Columbia Valley und bedeckte die Landschaft mit 

einer tiefen Wasserdecke. Innerhalb kürzester Zeit wurde alles, was im Weg der fast 100 Meter hohen Flutwelle war, weggespült. Was übrig blieb, waren Verwüstung, riesige Gesteinsbrocken und Dreck … und dann kam der Wind!

Wind fegte über das Land, wirbelte den Boden auf und verteilte die leichten Böden in der Region. Diese Bodenart nennt man äolisch, nach dem griechischen Windgott Aeolus, da sie fast ausschließlich von Wind durch den Pazifischen Nordwesten getragen wurde. Darum setzt sich heute der Boden größtenteils aus Löss zusammen, der sich gut für den Weinbau in den trockenen und heißeren Lagen eignet, weil er eine gute Wasserspeicherkapazität hat und nicht so schnell aufheizt. Denn neben der Trockenheit ist die Hitze ein wichtiges Thema, das die Winzer hier umtreibt.

Gerade in den heißeren Regionen Washington States steigen die Temperaturen in beachtliche Höhen. Zwar liegen die Weinberge auf demselben Breitengrad wie das Bordeaux, doch das Klima ist ganz anders. Von der Trockenheit abgesehen, hat die Region auch wärmere Temperaturen während der Reifezeit. Dennoch dominieren in Washington State dieselben roten Rebsorten Cabernet Sauvignon und Merlot. So ist es wichtig, dass Erzeuger darauf achten, dass die Weine in Balance bleiben und nicht zu alkoholischen Blockbustern ohne Seele werden. Immer häufiger wird auch Syrah angebaut, eine Rebsorte, die großes Potenzial zeigt und gerade von innovativen Erzeugern wie Grammercy Cellars auf neue Höhen gehoben wird.

Interessanterweise ist Washington State auch für seine Rieslinge bekannt. Es fällt schwer sich vorzustellen, wie Riesling und Cabernet Sauvignon in der gleichen Region gedeihen, aber Washington State ist groß. Daher findet man Riesling besonders in den kühleren Anbaugebieten wie den Regionen Yakima Valley AVA (American Viticultural Area) und Ancient Lakes AVA. Erstaunlich ist für die meisten Deutschen wohl auch, dass das in Washington State gelegene Chateau St Michelle das Weingut mit der größten Rieslinganbaufläche der Welt ist. Darauf ist auch Ernie Loosen aufmerksam geworden, der seit 1999 in Kooperation mit St Michelle den Riesling Eroica herstellt. Es gibt zwar auch in Washington State spannende Rieslinge, aber nicht viele, die an die Größe von europäischen Rieslingen herankommen. Oftmals dominieren Petrolnoten in der Nase und es fehlt an Frische am Gaumen.

Mehr Frische findet man hingegen in den Weinen Oregons. Das widerspricht der eigenen Intuition, denn hier befinden wir uns ja südlich von Washington State. Weinbau wird aber vor allem an den westlichen Ausläufern der Cascades betrieben, wo das Klima milder ist. Hier gibt es mehr Regen und die Temperaturen sind durch die Einflüsse des Pazifiks moderater. Darum findet man in Oregon auch ganz andere Rebsorten und Weinstile. Pinot Noir ist der König von Oregon und macht fast zwei Drittel der Anbaufläche aus. Dann kommen Pinot Gris, Chardonnay und ein wenig Riesling. Auch die Betriebsstrukturen sind anders als in Washington State. Die Weingüter sind kleiner und oft im Besitz von Hippies, die in den Siebziger- und Achtzigerjahren aus Californien kamen.

Eine Person, die hier den Weinbau wie kein anderer geprägt hat, war David Lett von The Eyrie Vineyards. Er hatte die fixe Idee, dass man im damals gänzlich unbekannten Willamette Valley unbedingt Pinot Noir anpflanzen sollte. Das war zu Zeiten, als die meisten Experten behaupteten, dass Weinbau in der Region überhaupt nicht möglich ist. Doch David Lett gab nichts auf die Experten und nach einigen Jahren voller harter Arbeit und Entbehrungen wurde er belohnt. Der 1975er Pinot Noir South Block von Eyrie wurde im Jahr 1979 bei einer Verkostung des Gault Millau von französischen Spitzenweinen und Weinen aus der neuen Welt unter die Top 10 gewählt. Heute ist das Willamette (sprich: Will-Äh-Mett) die mit Abstand wichtigste Region in Oregon und Herkunft vieler großartiger Pinots. Darum hat sich auch die Domaine Drouhin aus dem Burgund dazu entschieden, hier ein Weingut zu gründen.

Der Pazifische Nordwesten ist bereits heute eine faszinierende Weinbauregion, die eine außergewöhnliche Geologie und besondere klimatische Bedingungen aufweist. Doch das Potenzial der Weinberge und die Fähigkeiten der Winzer sind noch lange nicht ausgereizt. Eine Reise durch die Anbaugebiete zeigt einem also keine jahrhundertealte Winzertradition auf. Stattdessen bekommt man im direkten Gespräch mit den Begründern der Weingüter in Oregon und Washington State einen Einblick in das, was noch kommen kann.

Washington State:

Charles Smith Kung Fu Girl Riesling 2015

Chateau Ste. Michelle & Dr. Loosen Riesling "Eroica" 2014

Col Solare Piero Antinori & Chateau St Michelle 2008  


Oregon:

Domaine Drouhin Oregon Pinot Noir 2014

Erath Estate Selection Pinot Noir 2014

Eyrie Vineyards Pinot Noir Willamette Valley 2012

 

Bildrechte: Konstantin Baum

meinelese

meinelese

Konstantin ist seit 2015 Master of Wine und betreibt den Online-Weinhandel meinelese. Für WeinPlaces schreibt er über besondere Weine, die er auf seinen Reisen rund um die Welt entdeckt hat.

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