Aufbruch an der Nahe - Schlossgut Diel

Eines meiner Mitbringsel von der Mainzer VDP-Weinbörse war eine Einladung an die Nahe. Armin Diel hatte zur Einweihung der neuen Kelterhalle des Schlossguts Diel auf Burg Layen geladen und alle waren gekommen. Landrat, Abgeordnete, Kollegen, Presse, einfach alle. Armin Diel, selbst ausgezeichneter Redner, hatte sich mit Festredner Michael Prinz zu Salm-Salm, ebenfalls Nahe-Winzer und früher langjähriger Präsident des VDP-Bundesverbands, einen äußerst unterhaltsamen rhetorischen Sparringspartner ausgewählt. 

Weinbau an der Nahe hat 2.000 Jahre Tradition, offiziell eigenständiges Weinbaugebiet hingegen ist die Nahe erst seit der Komplettüberarbeitung des deutschen Weingesetzes im Jahr 1971. Obwohl 1901 und damit nur vier Jahre nach der bekannteren Mosel-Lagenkarte auch eine Klassifikationskarte der Weinbergslagen entlang der Nahe erstellt wurde, die das hohe Potential der Region aufzeigte, dauerte es noch mehrere Jahrzehnte, bis Nahewein regelmäßig auf den Weinkarten der deutschen Spitzengastronomie vertreten war. Langezeit wurden Naheweine sogar als Rheinweine gehandelt. 

Mittlerweile hat Nahewein weltweit eine ausgezeichnete Reputation. Mit 4.172 ha (Stand 2012) stellt die Naheregion zwar nur genau 4% der Weinbergsfläche Deutschlands, auf dieser Fläche sind aber überproportional viele Spitzenbetriebe aktiv. Im aktuellen Gault Millau Weinguide stellt die Nahe mit Dönnhoff und Emrich-Schönleber zwei von bundesweit elf Betrieben mit der höchsten Gesamtnote von fünf Trauben. Dieses Spitzenduo wird wahrscheinlich schon bald nicht mehr allein im deutschen Weinolymp sein, denn mit Schäfer-Fröhlich, Schlossgut Diel, Dr. Crusius, Gut Hermannsberg und von Racknitz drängt eine ganze Gruppe äußerst ambitionierter Nahe- Betriebe nach. 

Das Schlossgut Diel wird erst seit 2010 im Weinguide bewertet. Zuvor war Seniorchef Armin Diel seit 1992 parallel Chefredakteur des jährlich erscheinenden Weinführers und verzichtete auf eine Einstufung des eigenen Betriebs. Inhaber des Schlossgut Diel auf Burg Layen ist Armin Diel seit 1987. Die Burg Layen wurde im 11. Jahrhundert erbaut und kam im Jahr 1802 in den Besitz der Familie Diel. Seit 1993 ist er Vorsitzender des VDP Regionalverbands Nahe-Ahr und seit 2007 Vizepräsident des Bundesverbandes der Prädikatsweingüter. Diel ist auch heute noch als Weinjournalist tätig, schreibt derzeit vor allem für das Weinmagazin FINE, allerdings in der Regel über Weingüter außerhalb Deutschlands. 

Die Spitzenlagen des Schlossguts Diel liegen im Trollbachtal wie auf einer Perlenkette entlang der Autobahn A61 aufgereiht. Obwohl die vier Weinbergslagen Schlossberg, Pittermännchen, Goldloch und Burgberg so dicht beieinander liegen, entstehen hier trotz gleicher Behandlung in Weinberg und Keller höchst unterschiedliche Weine. Grund dafür sind die unter der Oberfläche gelegenen Gesteinsschichten. Während durch Jahrhunderte lange Bearbeitung und Erosion die oberen 20-30 cm der Weinbergsböden weitgehend durchgemischt sind, gibt es bei den darunter liegenden Gesteinsmetern, in die das Wurzelwerk der Reben weit hineinreicht, große Unterschiede. Das Weinanbaugebiet Nahe hat deutschlandweit die größte Vielfalt an Bodenvarianten vorzuweisen. Mehr als 180 unterschiedliche Zusammensetzungen werden vermutet und derzeit erforscht. Während die Lagen Schlossberg und Pittermännchen überwiegend von Lehm und verwittertem Schiefer geprägt sind, findet sich im Goldloch ein Urgesteinsboden mit vielen Kieselsteinen und im Burgberg ein durch Eisenoxid rot gefärbter Lehmboden mit hohem Anteil Taunusquarzit. Die Qualität dieser Weinberge wurde früh erkannt, denn schon in der eingangs erwähnten preußischen Lagenkarte von 1901 wurden Pittermännchen, Goldloch und Burgberg in die höchste Kategorie eingestuft. 

Die operative Leitung des Weinguts hat Armin Diel in den letzten Jahren mehr und mehr an seine Tochter Caroline Diel übergeben. Als sie 2006 ins Schlossgut zurückkam, hatte sie ihr Weinbaustudium in Geisenheim abgeschlossen, Praktika beim who-is-who der Weinwelt absolviert und Arbeitsstationen in Österreich, Südafrika und Neuseeland absolviert. Nur einmal die Praktikumsstationen: Château Pichon Comtesse de Lalande (Bordeaux), Robert Weil (Rheingau), Toni Jost (Mittelhein), Dr. Deinhard (Pfalz), Rebholz (Pfalz), Ruinart (Champagne) und Domaine de la Romanée-Conti (Burgund). 

In Keller und Weinbergen arbeitet die talentierte Önologin (und so ganz nebenher inzwischen dreifache Mutter) seither mit dem langjährigen Betriebsleiter und Kellermeister Christoph J. Friedrich zusammen. Während dieser Zeit sind die Weine feiner geworden, die Unterschiede der trockenen Einzellagen-Rieslinge werden immer deutlicher herausgearbeitet und bei den Burgundersorten ist der Holzeinsatz reduziert und verfeinert worden. Die Weine wirken im Vergleich zu früher etwas weniger auf intensive Aromen beim ersten Schluck ausgelegt, dafür mehr auf guten Trinkfluss und langes Reifepotential. Es gab keinen plötzlichen Bruch des Weinstils sondern einen langsamen Wandel und stetige Weiterentwicklung, so dass die bisherigen Kunden problemlos mitgenommen werden konnten. Ein Großteil der Weine wird heute mit wilden Hefen spontan vergoren. Auch im Weinberg wandelt sich der Betrieb. Auf 60% der Rebfläche betreibt das Schlossgut inzwischen ökologischen Weinbau und auch auf den weiteren Flächen wird so wenig wie möglich mit der chemischen Keule gearbeitet. 

Mit der größten Investition in der Weingutsgeschichte soll nun der Sprung ganz an die Spitze ermöglicht werden. Die neu errichtete, hochmoderne und komplett klimatisierte Kelterhalle wird künftig vor allem die schonende Verarbeitung der Trauben im Herbst deutlich erleichtern. Der alte Schlosskeller ist zwar auch sehenswert, weil ihn (und die darin gelagerten Tanks) der Berliner Künstler Johannes Helle seit 1987 regelmäßig bemalt aber die Arbeitsbedingungen in den alten Gewölben waren nicht mehr zeitgemäß für einen solchen Spitzenbetrieb. 

Mit seinem Weinangebot ist das Schlossgut Diel so breit aufgestellt, wie nur wenige Betriebe dieser Größe (26 ha). Von klassischen Ort- und Markenweinen im Einstiegssegment über diverse Burgunderweine mit dem weißen Cuvée Victor und dem Spätburgunder Caroline an der Spitze, fruchtigen und fast moseltypischen Kabinett- und Spätlese-Rieslingen aus Pittermännchen und Goldloch, edelsüßen Raritäten wie Auslesen und Eisweinen, bis hin zu den trocken und oft sehr würzigen Großen Gewächsen. Schon einen Stammplatz in der nationalen Spitze haben die Winzersekte der Diels. Die nach Caroline Diels Mutter Monika benannte Cuvée Mo ist ebenso frisch wie cremig und wurde schon mehrfach zurecht als bester Sekt Deutschlands ausgezeichnet.