Das Taubertal – ein Anbaugebiet, das offiziell keines ist

Dieser Artikel stammt aus dem WeinPlaces-Archiv und wurde ursprünglich am 22. August 2016 veröffentlicht.

Unter den kleineren Anbaugebieten in Deutschland dürfte das Taubertal wohl das unbekannteste sein. Das liegt vor allem daran, dass es rein rechtlich gar kein eigenes Anbaugebiet ist. Es verteilt sich auf Baden, auf Württemberg und Franken. Schuld daran ist Napoleon, der das Tal 1809 an seine Verbündeten aufgeteilt hat. Dank Napoleon haben die Taubertaler daher heute ein massives Vermarktungsproblem; denn natürlich würden die Winzer dieses Tals viel stärker nach außen wirken, wenn sie unter einem eigenen Label antreten könnten. Das Taubertal hat immerhin rund 1.000 Hektar Weinbergsfläche, ist also größer als beispielsweise Mittelrhein oder Ahr. Was aber am stärksten für ein offizielles Anbaugebiet sprechen dürfte, ist der Boden, der sich von der Gemeinde Rot am See, unweit der Tauberquelle, bis ins 130 Kilometer entfernte Wertheim, wo die Tauber in den Main mündet, nur unwesentlich ändert. Es gibt an den Hängen der Tauber vor allem Muschelkalk, der hier und da von Quarz- und Feuerstein, Keuper und Buntsandstein durchsetzt ist. 

Um der ganzen Problematik Nachdruck zu verleihen, haben sich einige Gemeinden und Weingüter zum Arbeitskreis Taubertal zusammengeschlossen. Mit dabei ist Stephan Krämer, dessen Familie eher zufällig zum Weinbau gekommen ist. Eigentlich sind die Krämers Landwirte mit 75 Hektar Gunstlagen rund um Auernhofen, das auf halbem Weg zwischen Würzburg und Rothenburg ob der Tauber liegt. In den 1980er Jahren jedoch wurden im fränkischen Teil des Taubertals mit EU-Geldern Weinberge rekultiviert, die teils schon im 13. Jahrhundert genutzt worden waren, aber brach lagen. Doch es gab nicht genügend Interessenten für die Weinberge, sodass Stephans Vater unverhofft zu einem Hektar Steillage kam, die, wie der gesamte Betrieb, 1989 auf ökologischen Anbau umgestellt wurde. Stephan Krämer hat unter anderem bei den Wittmanns in Rheinhessen eine Winzerlehre absolviert und danach den Weinbau deutlich forciert. Heute findet man seine Weine, die konsequent sehr trocken ausgebaut werden, zum Beispiel hier.

Vom Ursprung her gar nicht so unähnlich ist die Geschichte von Christian Stahl. Auch er kommt aus Auernhofen, dem 150-Seelenort, wo es rundherum nur Ackerbau gibt. Und auch sein Vater hat in den 1980ern einen kleinen Weinberg im Tauberzeller Hasennestle erworben. Mittlerweile hat sich der Winzerhof Stahl stark vergrößert, nur noch ein kleiner Teil liegt im Taubertal. Doch in der Reihe der Weinlinien Federstahl, Damasznerstahl und Edelstahl gibt es immer noch einen Müller-Thurgau aus dem 400-Meter-Steilhang Hasennest.

Stephan Krämer besitzt neben seinem Weinberg im Hasennestle mittlerweile auch einige Hektar Weinberge flußaufwärts in Röttingen. Dort durchziehen weiße Quarz-Adern den Muschelkalk. Entsprechend schmecken die Müller-Thurgaus und Silvaner ganz anders als jene aus Tauberzell. Neben den Krämer-Lagen im Röttinger Feuerstein findet man auch die des Weinguts Hofmann. Auch wenn Jürgen Hofmann überwiegend die typischen weißen Rebsorten des Tals wie Müller-Thurgau, Silvaner, Riesling und Bacchus anbaut, so ist er doch am bekanntesten für zwei wirkliche Spezialitäten des Tals. Denn zum einen hat der Schwarzriesling das Klima und die Böden des Taubertals besonders gern, zum anderen findet man im Tal eine Rebsorte, die es sonst nirgendwo gibt, den Tauberschwarz. Der Schwarzriesling oder die Müllerrebe, eine Mutation vom Pinot Noir, hatte lange keinen besonders guten Ruf. Zwar gehört diese Sorte bis heute zu den am meisten angebauten in Deutschland (Platz fünf), doch landet sie häufig in irgendwelchen namenlosen Cuvées oder Sektgrundweinen. Vor allem für Schaumweine ist sie allerdings besonders geeignet. Unter dem Namen Pinot Meunier – übersetzt heißt es Müller-Pinot wegen der Blattunterseiten, die aussehen, als seien sie mit Mehl bestäubt – ist sie die drittwichtigste Rebsorte der Champagne. Und ähnlich wie in der Champagne erkennen auch in Deutschland immer mehr Winzer die Vorzüge dieses säurestarken Pinot-Kindes. 

Eine absolute Besonderheit ist der Tauberschwarz, der im 16. Jahrhundert das erste Mal erwähnt wurde, im Jahr 1959 aber als ausgestorben galt. Man fand allerdings in Ebertsbronn in einem Nebental der Tauber 400 intakte Rebstöcke. Heute erreicht die Anbaufläche immerhin etwa 15 Hektar. 

 

Den einzigen VDP-Betrieb des Taubertals findet man übrigens in Wertheim-Reicholzheim – kurz vor der Taubermündung. In der Lage First, die seit 1476 bewirtschaftet wird, hat sich Konrad Schlör einen sehr guten Namen für seine Großen Gewächse aus Weißburgunder und Spätburgunder sowie für Riesling und Schwarzriesling erarbeitet. Man merkt den Weinen zwar einerseits die knapp 1.400 Sonnenstunden an, mit denen der First verwöhnt wird, trotzdem haben Schlörs Weine immer eine kühle und geschliffene Aromatik.

Natürlich hat das Tal noch viel mehr Weingüter und Weinplätze zu bieten und ferner eine Reihe mittelalterlicher Dörfer und Städte, von denen Rothenburg die bekannteste sein dürfte. Um das Tal einmal genauer zu erkunden, lohnt es sich, über ein paar Tage hinweg die 204 Kilometer der Weinstraße Taubertal entlangzufahren. Spätestens dann dürfte man den Eindruck gewinnen, dass dieses Tal es verdient hat, den Status des 14. Anbaugebiets in Deutschland zu erhalten.

(Bilder der Region mit freundlicher Genehmigung durch Weinland Taubertal © TLT/Peter Frischmuth)

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Christoph Raffelt ist ein ausgesprochen fleißiger Blogger, Kritiker, Podcaster, Prediger und Dozent in Sachen Wein. Da er auch gerne Gast ist haben wir ihn einfach eingeladen auch für uns zu schreiben.

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