Deutscher Rotwein rockt!

Dieser Artikel stammt aus dem WeinPlaces-Archiv und wurde ursprünglich am 7. Dezember 2015 veröffentlicht.

Während der deutsche Konsument immer noch nach Roten aus Italien oder Spanien verlangt ist im Ausland längst klar: Deutscher Rotwein rockt.

Deutscher Rotwein ist bei Lichte betrachtet ein Novum. Also, richtiger Rotwein, nicht das, was bis in die 80er Jahre angebaut wurde: Portugieser, Dornfelder, Trollinger. Oder halbtrockener Spätburgunder. Der ernsthaft betriebene Rotweinanbau besteht erst seit gut 25 Jahren, und dies auch nicht als Massenbewegung, sonderneher schleichend, von ein paar Visionären vorangetrieben.

Deutschland ist kein Rotweinland. Jetzt mag wieder das Geschrei losgehen, aber schauen wir doch mal, wie uns zum Beispiel das Ausland wahrnimmt: Als Weißweinland.

Natürlich gibt es hervorragende Rotweine aus Deutschland, aber das sind eben Raritäten, Pralinen, die kandierte Kirsche auf der Sahnerosette am Rückstück der Herrentorte. Das ist auch einer der Gründe, warum deutscher Rotwein so oft nach deutschem Rotwein schmeckt: Es gab keine Tradition für den qualitativen Ausbau. Keinen Plan, wie man das macht. Der Ausbau im kleinen Holz war bis dato völlig neu. Das Burgund als Vorbild ist noch relativ jung, die Tradition des Fassausbaus dort jedoch Jahrhunderte alt.

Es besteht hier keine Historie was qualitativen Ausbau anging, lassen wir den Assmannshäuser Höllenberg mal außer acht. Neben keiner Erfahrung mit Barriques waren darüber hinaus die guten Lagen entweder sinnfrei mit Portugieser oder Trollinger bestockt, oder eben mit Weißwein. Und so kommen wir zu des Pudels Kern: Deutscher Rotwein funktioniert nicht über Lagen. Natürlich braucht er gute Böden, aber die Lagen, die sind für den Weißen. Und die Böden, da sind sind sich alle einig, sollten möglichst kalkhaltig sein, das mag der Burgunder.

Doch was ist mit Schiefer? Die Ahr ist neben dem Höllenberg das wahrscheinlich typischste Gebiet für Spätburgunder. Kein Kalk ist also auch eine Lösung, international scheint es zwar untypisch, doch auch diese spezielle Charakteristik ist ebenfalls deutscher Spätburgunder. 

Das, was heute als großer deutscher Rotwein gilt, kommt oft von unbedeutenden Lagen aus merkwürdigen Gebieten. Was ist schon das Breisgau, auch Heckenland genannt? Wer kannte vor 20 Jahren den Wildenstein? Köpfle? Köppel? Rhini? Kalmit? Fehlanzeige.

Die Mitglieder des deutschen Barrique Forums haben in diesem Bereich Pionierarbeit geleistet und gehören heute zum Who is Who des deutschen Spätburgunders. Sie haben den Weg für die junge Generation geebnet: Holger Koch, Johannes Jülg, Hans-Peter Ziereisen, Hendrik Möbitz, Benedikt Baltes und die Rings Brüder, um nur einige zu nennen, die mit transparenten, feinen Weinen brillieren.

Deutscher Rotwein braucht also neben guten Böden gute Winzer, und dazu eine klare Vision. Und die orientiert sich seit langen natürlich am heiligen Gral des Pinots, dem Burgund. Es ist Leitmotiv, wenn es darum geht, dem Spätburgunder den Zucker auszutreiben, und die Farbe. Man hat begriffen, das nicht der fetteste Wein, sondern der Feinste Wein der Beste ist. Und den darf man nicht mit Neuholz zu Tode prügeln, sondern muss vorsichtig arbeiten. Denn bei aller Vorbildfunktion: Es ist deutscher Spätburgunder. Und das wird er auch bleiben, weil es wenig Sinn macht, diesen auf Teufel komm raus französisch schmecken lassen zu wollen. Das tut er nämlich nicht, und das darf er auch nicht. Denn er wächst nicht im Burgund, sondern eben hier, und ein Plagiat braucht kein Mensch, außer man mag sich selber feiern. Und so wundert es kaum, dass einige der besten Spätburgunder aus Regionen kommen, denen nicht eine Äonen-lange Tradition wie Zucker an den Fässern klebt und wo keine alten Zöpfe abgeschnitten werden müssen. Und genau das sind die Weine, die man in den Restaurants in New York, Oslo, Tokio oder Stockholm findet. Feine, zarte Weine, die qualitativ in der oberen Liga spielen, ohne ihre Herkunft zu verschleiern. Was ja schwer wäre, denn man muss diese ja schließlich listen auf der Weinkarte. Und welcher Sommelier würde  einen Württemberger auf die Karte nehmen, der nach Chambolle zu schmecken versucht? Richtig, keiner. 

Deutsche Spätburgunder sind in den Restaurants Deutschlands und auch weltweit Vertreter ihrer Herkunft eben weil sie danach schmecken, was sie sind: deutsche Spätburgunder. Ohne Medaillen, ohne „der-hat-dann-und-dann-in-London-im-blind-Tasting-mal-gegen-den-großen-Burgunder-angestunken“. Das ist zwar nett um den Marktwert abzuchecken, aber letztlich zählt die Wahl des guten Fachhandels oder der Sommeliers in den Restaurants der Welt. Sie zahlen den Preis, sie geben den Einsatz wenn es darum geht zu zeigen: Deutscher Rotwein rockt!

 

 

Sebastian Bordthäuser

Sebastian Bordthäuser

Der studierte Germanist betrat die Sommelierszene als Quereinsteiger. 2012 kürte Falstaff ihn zum Sommelier des Jahres. Er schreibt für Effilee, die Welt am Sonntag, Feinschmecker, BEEF und Vinum.

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