Die Champagne der Winzer

Dieser Artikel stammt aus dem WeinPlaces-Archiv und wurde ursprünglich am 2. Juni 2016 veröffentlicht.

 

Die Winzervereinigung Terres et Vins wird mittlerweile geradezu überrannt von Fans "der neuen Champagne". Die Champagne gehört bis heute zu den großen Mythen der Weinwelt. Sie ist in so vielerlei Hinsicht besonders und anders als die anderen Weinbaugebiete und deren Erzeugnisse, dass es kein Wunder ist, dass das nördlichste Weinbaugebiet Frankreichs sich einen solchen Nimbus erarbeiten konnte. Neben den etablierten Marken wie Dom Pérignon, großen Häusern wie Moët-Chandon, Taittinger oder Genossenschaften wie Niçolas Feuillatte, die den Stil des edlen, begehrenswerten Luxusproduktes pflegen, gibt es mittlerweile eine immer stärker werdende Gruppe unabhängiger Winzer, die mit ihrer Arbeit einen anderen, einen zweiten Weg der Champagne wählen.

 

Dieser zweite Weg nahm seinen Anfang in Avize an den Côtes des Blancs in den Kellern von Corinne und Anselm Selosse. Sie beschlossen 1980, ihre eigenen Champagner abzufüllen und zu verkaufen – Champagner, die einen ganz anderen Stil verfolgten als die der großen Häuser. Dort wird bis heute vor allem Wert auf Konstanz gelegt. Diese wird dadurch erreicht, dass man einen bestimmten Haus-Stil schafft, der so komponiert ist, dass man aus den unterschiedlichsten Einzellagen, den drei wichtigen Rebsorten Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier sowie verschiedenen Jahrgängen ein Produkt kreiert, das verlässlich Jahr für Jahr gleich schmecken soll. Lediglich im Spitzenbereich der sogenannten Prestige-Cuvées und Jahrgangschampagner darf die Besonderheit der unterschiedlichen Jahrgänge schmeckbar sein. Die Kunst der Komposition oder Assemblage, wie sie in der Champagne genannt wird, macht den Kellermeistern der etablierten Häuser keiner so schnell nach. 

Selosse aber war und ist ein Freund des Burgunders. Und Burgunder wird in kleinen Eichenholzfässern ausgebaut, von denen ein größerer Teil auch neu sein darf. Burgunder stammt aus bestimmten Jahrgängen, wird sortenrein ausgebaut und die Spitzenprodukte stammen aus bestimmten Premier Cru und Grand Cru Lagen. All diese Attribute, die für normale Weine völlig normal sind, waren bis vor wenigen Jahren in der Champagne die Ausnahme. Solche Ausnahmen sind bis heute die seltenen und horrend teuren Champagner aus der Einzellagen Clos des Goisses von Philipponnat oder Clos de Mesnil und Clos d’Ambonnay von Krug. 

Wer im April in die Champagne fährt, kann zwar einerseits die berühmten Kreidekeller der großen Häuser besuchen und dort die feinsten Kompositionen verkosten, er kann aber auch dem zweiten Weg folgen, der bei Selosse begonnen hat, mittlerweile jedoch durch die gesamte Champagne führt. Die Aufbruchstimmung gerade unter jungen Winzern ist groß. Im April hat sich die sogenannte Champagne Week etabliert, in der sich die unabhängigen Winzer in eigenen Salons zusammentun und ihren Champagner einem immer größer werdenden Publikum aus der ganzen Welt präsentieren. 20 Salons habe ich in diesem Jahr gezählt. 2012 waren es vielleicht fünf. Spätestens im dichten Gedränge des Salons Terre et Vins wird einem klar, welche Bedeutung dieser neue Weg der Champagne mittlerweile hat. Er ist eine Alternative, gerade auch für jene Restaurants, die sich selbst als Alternativen verstehen. Diese Art des Champagners ist nicht zuletzt auch mit der Popularität der nordischen Küche eines Noma oder Geranium immer stärker in den Vordergrund gerückt. Das hat viele Gründe. Einer der wesentlichen ist sicher die Authentizität der Produkte, die neue Geschichten erzählen könnten. Es wären Geschichten von Winzern, die selbst auf ihrer Scholle stehen und schon im Weinberg wesentlich die Qualität des späteren Weins beeinflussen. Es wären Geschichten von Orten und Weinbergen, die plötzlich an Bedeutung gewinnen würden.

Man trinkt eben nicht mehr einfach nur Champagner, sondern man trinkt einen reinsortigen Champagner aus einem bestimmten Jahrgang und aus einer kleinen Parzelle, die man, wenn man vor Ort ist, besuchen kann. Die Veränderungen, kann man noch an vielen anderen Punkten festmachen. So kommt es immer häufiger vor, dass man neben Chardonnays oder Pinot Noirs reinsortige Pinot Meuniers erhält. Das war vor Winzern wie z.B. Jérôme Prévost, der bei Anselm Selosse in die Lehre gegangen war, kaum denkbar. Die dritte Traubensorte der Champagne war immer eine, die der Assemblage mit ihrer Frucht gedient hat und bei den etablierten Erzeugern sonst gar nicht wahrgenommen wurde. Prévosts Weinberge aber bestehen zu fast 100 % aus Pinot Meunier und er wusste um die Qualität dieser Traubensorte und hat sie bekannt gemacht. 

Neben dem Meunier rücken auch die alten Champagner-Sorten wie Petit Meslier und Arbanne sowie auch der lange geschmähte Pinot Blanc wieder stärker in den Fokus. Was sich mit den Winzern jedoch ganz nachhaltig verändert hat – und das kann man gar nicht hoch genug schätzen–, ist die Bedeutung des Weinbergs. Dieser wurde viel zu lange und oft bis heute nur stiefmütterlich behandelt. Bei den Winzern ist das meist anders. Sie erzeugen vor allem solche Champagner, die Brut Nature ausgebaut sind. Im Gegensatz zum üblichen Brut, der bis zu zwölf Gramm Süße pro Liter enthält, verzichten die Winzer darauf, weil ihnen das Pure meist wichtiger ist – was durchweg auch besser zur Küche des schon erwähnten Noma und ähnlicher Restaurants passt.

Das funktioniert in der kühlen Champagne jedoch nur dann wirklich gut, wenn man sehr gutes Lesegut hat, das man dort nur mit hohem Aufwand bekommt. So steht der zweite Weg der Champagne, wie ihn Selosse oder Prévost, Raphaël et Vincent Bérèche, Benôit Tarlant, Emmanuel Lassaigne oder noch jüngere Winzer wie Olivier Horiot, Thomas Perseval, Etienne Calsac oder Jean-Marc Sélèque (Sélèque) gehen, nicht nur für einen völlig anderen Champagne-Stil, sondern auch für einen veränderten Umgang mit der Natur.

originalverkorkt

originalverkorkt

Christoph Raffelt ist ein ausgesprochen fleißiger Blogger, Kritiker, Podcaster, Prediger und Dozent in Sachen Wein. Da er auch gerne Gast ist haben wir ihn einfach eingeladen auch für uns zu schreiben.

Zum Portrait

Artikel anderer WeinPeople

Sebastian Bordthäuser
Sebastian Bordthäuser  -  01.10.2018
Die Furcht vor dem eigenen Geschmack
Küchenchaotin
Captain Cork
Captain Cork  -  03.09.2018
Griechischer Wein
Sebastian Bordthäuser
Sebastian Bordthäuser  -  31.07.2018
Wir geben uns mit Plagiaten zufrieden – Selbst Schuld!