Oft unterschätzt, aber jede Reise wert: Das Beaujolais im Süden Frankreichs

Dieser Artikel stammt aus dem WeinPlaces-Archiv und wurde ursprünglich am 29. August 2016 veröffentlicht.

Zugegeben: Auch heute noch ruft das Beaujolais reflexartig als erste Assoziation das Wort „Nouveau“ hervor, was unter Weinliebhabern mindestens mit einem Naserümpfen bedacht, eher aber mit entgleisenden Gesichtszügen einhergeht. Das wird der Anbauregion im Süden Frankreichs aber nicht ganz gerecht.

Das Probieren neuer Weine, was ursprünglich ein Zeitvertreib englischer Dandys war, entwickelte sich in den fünfziger und sechziger Jahren zu einem Massenphänomen: Der neue Wein („Nouveau“), schon im Jahr seiner Herstellung verkauft, verfügbar Ende November, fand seinen Weg in die europäischen Wohnzimmer. Das Beaujolais verdiente sich also den Ruf, überwiegend Weine niedriger Qualität zu produzieren, denn schließlich musste zu Kunstkniffen gegriffen werden, um die langsame, klassische Kohlensäure-Maischung zu beschleunigen.

Auch heute noch exportieren die Winzer des Beaujolais große Mengen „Nouveau“. Man tut der Region jedoch Unrecht, würde man sie nur auf die clevere Marketingstrategie rund um den „Nouveau“ reduzieren. Dort finden sich viele gute Weine, viele Winzer mit guten Ideen und viel Tradition, die die gesamte kulinarische Vielfalt einer Region beinhaltet.

 

Das Beaujolais liegt im Süden Frankreichs, eine halbe Autostunde nördlich von Lyon, westlich der Saône. Die hügelige Landschaft erinnert etwas an das Allgäu, nur fehlen hier die saftigen grünen Wiesen und die Kühe, dafür gibt es Weinstöcke, so weit das Auge reicht. Die Landschaft ist in das typisch warme Licht Südfrankreichs getaucht und entfaltet die volle Schönheit früh am Morgen oder spät am Abend, wenn die Sonne tief steht, alles golden glänzt und die vielen Blätter der Rebstöcke das Licht reflektieren.

Die Gegend rund um Lyon ist bekannt für ihre einfache, oft deftige, in Teilen aber auch feine Küche. Viele international bekannte Spezialitäten kommen aus der Region, wie das Bresse-Huhn aus Bourg-en-Bresse, gerne als "Coq au Vin" oder als „Poularde demi-deuil“ mit Trüffel unter der Haut serviert.

Besonders bekannt ist Lyon für seine vielen Wurstspezialitäten: Die Lyoner, eine feine Fleischwurst, hat die Welt bereits vor vielen Jahren erobert. Im gemütlichen, fast schon urigen Café des Fédérations in der Altstadt Lyons serviert der Wirt deftige Andouillette à la lyonnaise, jene groben Würste mit unglaublich intensivem Geschmack, hergestellt aus Schweineinnereien und Kalbfleisch, meist von einem kräftigen, tiefroten Morgon begleitet. Wem das eine Spur zu kräftig ist, kann zur Rosette de Lyon greifen, einer salamiartigen Wurst, luftgetrocknet, rund und fein im Geschmack, meist mit Brot oder auf Linsen serviert.

Besonders empfehlenswert ist im „Café des Fédérations“ ein weiteres Traditionsgericht, Quenelles avec sauce nantua. Dabei handelt es sich um Hecht-Klößchen, mit einer Flusskrebs-Béchamel-Sauce und einem kühlen Weißwein serviert. Weißwein spielt im Beaujolais kaum eine Rolle, nur etwa 2 % der jährlichen Produktion entfällt auf zumeist Chardonnay (Empfehlenswert: der Chardonnay des Winzers Emmanuel Fellot aus Brouilly.)

Das Beaujolais selbst ist in zehn exklusive Weinbaugebiete unterteilt – die sogenannten Cru-Lagen („Cru“ bedeutet „Gewächs“). Diese sind zumeist nach den größten Gemeinden benannt und stellen die qualitative Spitze der Weinproduktion der Region dar. Meine Reise führte mich so unter anderem nach Chénas, Brouilly, Fleurie und Morgon – immer vorbei an den nicht enden wollenden Weinbergen. Die Rotweine werden aus der Rebsorte „Gamay" gekeltert, die im Beaujolais hervorragende Bedingungen vorfindet. Die recht granithaltigen Böden sowie die sonnenverwöhnte Landschaft sind förderlich für das Wachstum der Rebstöcke.

Während die Appellationen Brouilly und Fleurie für ihre leichten, fruchtigen Rotweine bekannt sind und eher kalt bei 12 °C bis 14 °C getrunken werden (Tolle Sommerweine!), sind die Weine aus dem Morgon intensiv, schwer, tanninreich und von intensiv roter Färbung. Geschmacklich erinnert ein Morgon an reife Früchte mit einem Hauch Aprikose oder Kirsche. Die Weine erfreuen sich großer Beliebtheit, weil sie nach einigen Jahren der Lagerung den für das Beaujolais fruchtigen Charakter bewahren, ansonsten aber stark an einen Burgunder erinnern.

Ich kombiniere den Morgon gerne zu Schmorgerichten, vor allem Kalbsbäckchen. Diese schmoren für drei bis vier Stunden in einem Sud aus Rinderfond, Morgon, Sojasauce, verschiedenem Gemüse und Pfeffer, bis sie eine extrem weiche Konsistenz erreicht haben. Der Sud bildet auf der Oberfläche der Kalbsbäckchen eine Kruste voller intensiver Aromen, die das Wesen des Morgon stark auf das Fleisch übertragen. Serviert mit Risotto, Pürees oder „Pommes dauphine“, einer weiteren weltbekannten Spezialität der Gegend, gehören Kalbsbäckchen mit Morgon-Sauce zu meinen kulinarischen Favoriten. Empfehlenswert finde ich den Morgon des „Château de Pizay“ aus dem Jahre 2012.

Morgon passt vortrefflich zu rotem Fleisch, Käse und dem Klassiker Coq au Vin. Dieser lässt sich in angenehmer Atmosphäre am besten auf dem Gipfel des „Col du trouges“ im gleichnamigen Restaurant genießen, natürlich mit dem passenden Wein im Glas.

HighFoodality®

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Der begeisterte Hobbykoch und Fotograph hat auf seinem Blog HighFoodality seine beiden Leidenschaften geschmackvoll vereint. Nichts kommt bei ihm auf den Tisch, das nicht vorher auch vor der Linse war.

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