110 Jahre Weingeschichte des Bürgerspitals

Andächtig, still und leise beginnt die historische Weinverkostung, die bis ins Jahr 1904 zurückreicht. Voller Hochachtung verkostet der illustre Teilnehmerkreis die vinophilen Zeitzeugen der Bürgerspital-Geschichte. Ein wertvolles, aber auch leider vergängliches Erlebnis, was im Nachhinein noch achtungsvolle Gänsehaut erzeugt. 

Das Bürgerspital wird 700. Feiern Sie mit!

lautet die unmissverständliche Ansage auf der Homepage des Bürgerspitals anlässlich seines veritablen Jubiläums. Im Jahr 1316 hinterließ ein reicher Patrizier ein Anwesen, welches bis heute ein traditioneller Standort zur Aufnahme pflegebedürftiger Menschen ist und begründete damit eine Stiftung, die seit dem 16. Jahrhundert „Bürgerspital“ genannt wird. Die Fortführung des alten Stiftungszweckes für die anvertrauten Senioren finden heute in speziellen Pflegeinrichtungen und Wohnstiften des Bürgerspitals statt. Auch die Zukunft des Weinguts beginnt mit der Stiftung des noblen Würzburger Bürgerpaares im Jahr 1316. Johannes und Mergardis von Steren bauen vor den Toren der alten Stadt ein Spital zur Pflege der kranken Gläubigen und zur Versorgung der hungernden Armen. Im Jahr 1321 kommen zu den vielen Zustiftungen die ersten Weinberge hinzu. Seit nunmehr 700 Jahren wird dieses Gesamtkonzept kontinuierlich weiterentwickelt. Als leitende Stiftsdirektorin ist Annette Noffz für den Gesamtbetrieb zuständig, während Robert Haller sich für das Weingut verantwortlich zeichnet.

 

Ausgewählte Trouvaillen aus der Schatzkammer des Bürgerspitals

Rund 300 Weine haben Robert Haller und Weinfachberater Hermann Mengler, Bezirk Unterfranken, mit den Kellermeistern in den letzten Monaten verkostet. Bei dieser Degustation handelt es sich um ein elementares Ritual, welches in der Regel alle 20 bis 25 Jahre stattfindet. Die Weine werden auf Intensität, Potential und Zukunft bewertet und individuell beschrieben. Eine konzentrierte Leistung, unersetzlich für den Überblick und wegweisend für nachfolgende Generationen. Nur so sind zukünftige Kellermeister in der Lage, die wichtigen Faktoren eines jeden Jahrgangs nachzuvollziehen. Im Anschluss werden die angebrochenen Bocksbeutel mit dem gleichen Wein des Jahrgangs aufgefüllt und neu verkorkt. Einzelflaschen füllt man mit Glaskugeln, um eine ungewollte Oxidation zu vermeiden. Für die historische Probe anlässlich der 700-Hundert-Jahrfeier wurden letztendlich 16 Weine ausgewählt. Darunter nicht nur große Jahrgänge oder edelsüße Weine, sondern auch schlanke, fränkisch-trockene, athletische Vertreter mit brillantem Entwicklungspotential. So war die Reihenfolge der Weine nicht wie gewohnt nach Jahrgängen, sondern nach Intensität, wahrnehmbarer Süße, sensorischem Alter und vor allem nach Spannung angelegt.

Robert Haller

2007 war der faktisch erste Jahrgang für den neuen Weingutsdirektor. Er wechselte im August, war aber bereits ab April einmal die Woche in den Weinbergen zu finden. „Plötzlich 100 Hektar Weinberge vor der Brust zu haben, ohne die Lagen oder gar Reben richtig zu kennen“, bezeichnet er heute als echte Herausforderung. „Trotzdem war die Umstellung recht schnell zu spüren, die Silvaner präsentierten sich trockener, schlanker, nicht mehr so breit und behäbig. Bei den Spitzenweinen wurden die Umstellungen der Wingerte in punkto Bodenbearbeitung und Reberziehung allerdings erst ab 2010 und 2011 so richtig spürbar.“ Zu Beginn fand Robert Haller zwar alte Anlagen vor: „aber es hat gut zwei bis drei Jahre gedauert, bis wir diese Anlagen in Form gebracht hatten. Der Boden ist mit Humus angereichert, darf aber insgesamt nicht für allzu viel Wüchsigkeit sorgen, hier ist die notwendige Balance gefragt. Je nach Witterung entblättern wir heute die Traubenzone und halbieren sogar die Trauben.“ 

10 Jahre Erfahrung

„Beim Riesling war alles anders,“ schwärmt Robert Haller: „im Stein Hagemann stehen ganz alte Anlagen, hier wachsen kleine, immens konzentrierte Träubchen, die für komplexe und vielschichtige Rieslinge sorgen.“ Bei der historischen Probe zeigte dann auch die Lage Randersackerer Teufelskeller ihre Riesling-Kompatibilität. Seine Großen Gewächse bezeichnet Robert Haller heute als echte Terroirweine. „Früher waren es eher Selektionen aus den besten Parzellen, also trockene Auslesen“. Das heutige GG hat mit den Lagenweinen vor 10 Jahren nicht mehr viel zu tun. Dafür sorgt zu einem nicht unwesentlichen Teil der steinige und mineralische Muschelkalk, auf dem sowohl die Silvaner als auch die Rieslinge wachsen. Sein Herz schlägt für Silvaner, aber Robert Haller kann auch Riesling!

110 Jahre zurück: eine vinophile Zeitreise

Sie wollen es genauer wissen? Wen die einzelnen Weine und ihre individuelle Bewertung interessieren, kann hier diese historische Degustation des Würzburger Bürgerspitals im Detail nachlesen.

 

Dank den Organisatoren!

Der Dank gebührt Weingutsdirektor Robert Haller, Weinbau-Fachberater des Bezirks Unterfranken, Hermann Mengler, Stiftsdirektorin Annette Noffz und allen Mitarbeitern des Bürgerspitals.

Teilnehmer der Historischen Probe des Bürgerspitals:

Dr. Georg Bayerle, Journalist und Redakteur, Bayerischer Rundfunk
Dr. Daniel Deckers, Journalist, Politische Redaktion, FAZ
Albert de Jong, Journalist, Holland
Markus del Monego MW, Cave Co. Essen
Till Ehrlich, Journalist, Berlin
Gerhard Eichelmann, Journalist, Herausgeber „Eichelmann Weinführer“
Sarah Jane Evans MW, London
Christina Fischer, Autorin und Sommelière
Ralf Frenzel, Tre Torri Verlag Wiesbaden
Paul Fürst, Winzer VDP.Franken, Vorsitzender VDP.Franken
Ralph Galvagni, Edeka Weinhandel
Robert Haller, Weingutsdirektor Bürgerspital
Thomas Hammerich, Verkaufsleiter Bürgerspital
Peter Henk, Gault Millau Wein
Marcus Hofschuster, Journalist, Wein Plus
Kazuo Hoshino, Tokio, Weinhandel
Hugh Johnson, Journalist, Grand Seigneur des Weines
Robert Macgregor, Bürgerspital
Hermann Mengler, Leitung Fachberatung Kellerwirtschaft und Kellertechnik, Bezirk Unterfranken
David Messineo, Einkauf und Vertrieb, Korn Weinhandel
Annette Noffz, Leitende Stiftungsdirektorin Bürgerspital
Joel B. Payne, Herausgeber Gault Millau Wein
David Peppercorn MW, London
Gerald Pütter, Gastronomie German-Anglo’s Club, Hamburg
Stephan Reinhardt, Journalist, Wine Advocate
Ulrich Sautter, Falstaff, Chefredaktion Wein
Michael Schmidt, Deutschlandredakteur Purple Pages, Jancis Robinson
Axel Schmidt, Sommelier Bürgerspital
Christian Schuchardt, Oberbürgermeister Würzburg
Artur Steinmann, Präsident des Fränkischen Weinbauverbandes
Herbert Stiglmaier, Journalist, Bayerischer Rundfunk
Serena Sutcliffe MW, London

Christina Fischer

Christina Fischer

Christina Fischer

Die Sommeliere und Buchautorin Christina Fischer lebt und arbeitet in Köln. Ihre vielseitigen Aktivitäten bündelt sie in ihrer Kölner GENUSS Werkstatt.

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