Ach, Sie sind der Sommelier?

Die Gastronomie ist nach wie vor eine männerdominierte Branche. Insbesondere in gehobenen und leitenden Positionen in den Betrieben ist der Frauenanteil nach wie vor dürftig – und viele Gäste denken an eine Aushilfskraft, wenn eine Frau vor ihnen steht. Mit neuen Networking-Events soll sich dieses ändern. 


Was fällt Ihnen zum Jahr 1984 ein? Olympische Spiele in Los Angeles, das (fiktive) Jahr, in dem George Orwells berühmter Dystopie-Roman angesiedelt ist. Aber würden Sie glauben, dass es auch das Jahr war, in dem ein wichtiger deutscher Gastronomie-Branchenverband zum ersten Mal Frauen überhaupt zuließ? Tatsächlich dürfen erst seit 1984 Frauen Mitglieder der „Deutschen Barkeeper-Union“ (DBU) werden. Und auch, wenn es heute immer mehr weibliche Bartender gibt: Das Berufsbild ist nach wie vor männlich geprägt. Eine Frau schüttelt die Drinks hinter dem Tresen? Der Chef muss krank oder verhindert sein! Cordula Langer, Barchefin der „Bryk Bar“ in Berlin, weiß davon ein Lied zu singen: „Was will die uns denn bitte erzählen?“ sei eine häufige verbale oder nonverbale Reaktion. „Fängt man dann an, die Spirituosen zu erklären, etwas zu empfehlen, dann macht es Klick: 'Oh, die kann ja doch was.'“ Frauen arbeiten im Service, Männer hinter dem Tresen – dieses Bild hängt nach wie vor in vielen Köpfen fest. Cordula Langer hat 2014 den Mix-Wettbewerb „Barmaid Olympics“ nach dem Vorbild der US-Competition „Speed Rack“ ins Leben gerufen, bei dem ausschließlich weibliche Bartender um den besten Drink wetteifern – und sich informell austauschen.



Maria Rehermann, Femwine„Sie kennen sich ja wirklich mit Weinen aus!“ 


In einem eng angrenzenden Berufsbild, dem des Sommeliers, der am Tisch des Gastes oder im Weinhandel Empfehlungen ausspricht, herrscht ebenfalls noch einiger Nachholbedarf. So gibt es zwar schon seit über 25 Jahren das starke Branchenetzwerk „Vinissima“, in dem rund 500 Frauen sich in elf regionalen Gruppen für „weibliche“ Brancheninteressen stark machen. Unter anderem werden alljährlich Förderpreise an die beste Absolventin einer deutschen Wein- und Sommelierschule verliehen. 
Doch im täglichen Business zeigt sich, wie im Barbereich: Obschon Frauen in diesem Beruf keine Seltenheit mehr sind, ist der Wandel immer noch nicht so richtig zum Gast durchgedrungen. Weiß Maria Rehermann nur zu gut: Die Weinsommelière schlägt ihren Gästen Abend für Abend im renommierten Hauptstadt-Restaurants „reinstoff“ (zwei Michelin-Sterne, 350,32 Punkte in der Gerolsteiner Restaurant-Bestenliste 2016) speisenbegleitende Weine vor. Das Schildchen auf dem Anzug, das neben ihrem Namen auch ihre Funktion kommuniziert, stecke sie sich eigentlich nur ungern an. Aber wie eine Stationsärztin im Krankenhaus sich mit dem Anstecker für den Patienten vom Pflegepersonal abgrenzt, hilft es auch ihr zu zeigen, dass sie kein Commis ist. „Ach, Sie sind der Sommelier? Die Frage höre ich fast täglich.“ Lege sie dann erst einmal los mit ihrem profunden Wein-Wissen, dann folge schnell ein „Sie kennen sich ja wirklich damit aus!“ Und das tut sie wahrlich nicht allein unter Männern, wie wir an diesem Abend im kleinen Kreuzberger Restaurant „platz doch!“ feststellen: Zehn Kolleginnen sind zu Gast beim zweiten Event von „Femwine“, einem informellen Networking-Zirkel von und für Frauen, den Rehermann für weibliche Sommeliers in der Gastronomie und im Weinhandel gegründet hat. Die anwesenden Frauen arbeiten in namhaften Restaurants und bekannten Weinhandlungen Berlins und Umgebung, eine Teilnehmerin ist sogar aus Düsseldorf angereist. Der männliche Schreiberling darf heute Abend freundlicherweise dabei sein und lauschen. „Es wird Zeit, dass Frauen zusammen kommen in diesem noch männerdominierten Beruf“, erklärt Rehermann, die 2016 ihre IHK-Ausbildung  abgeschlossen hat. „Das Ziel ist es, ein tolles Netzwerk aufbauen und Frauen im weintechnischen Bereich nach vorne zu bringen.“



Gemeinsam erreicht Frau mehr als alleine 



Nach vorne bringen, das bedeutet vor allem: Sich besser zu vernetzen und die berüchtigten „gläsernen Decken“ zu durchstoßen, die dafür sorgen, dass Hierarchie-Pyramiden zur Spitze hin immer männlicher werden. Ein Ziel, das auch das „Frauennetzwerk Foodservice“ hat, ein Zusammenschluss von Managerinnen und Unternehmerinnen in der Lebensmittelbranche und der Gastronomie. Annette Mützel, Frauennetzwerk Foodservice Frauen kämpfen oft zu sehr allein, hat deren Gründerin Annette Mützel, die selbst jahrzehntelang Führungspositionen in der Food-Branche bekleidet hat, festgestellt: „Viele Frauen denken zunächst, sie schaffen das allein. Irgendwann erkennen sie dann die Notwendigkeit eines Netzwerks. Dafür wollen wir ein Bewusstsein schaffen: Solidarisieren wir uns.“ Maria Rehermann sieht es ähnlich: „Frauen haben ein bisschen die Eigenart, mehr gegen- als miteinander zu arbeiten. Ich bin überzeugt: Wenn man das beiseite lässt, dann erreicht man viel mehr.“ Zumal in der Gastronomie viele Stellen nicht über Bewerbungen vergeben werden, sondern man(n) sie sich gegenseitig zuschiebt. Da müsse man besser mitmischen, findet die „Femwine“-Gründerin: „Wir haben super qualifizierte Frauen. Es ist wichtig, dass wir uns untereinander besser kennen und informieren können, wer gerade Mitarbeiter sucht und wo man sich bewerben kann.“ 

 

Eine andere Art der Weinempfehlung


Neben den „Offline-Treffen“, die nun mehrmals im Jahr stattfinden sollen, hat man auch eine geschlossene Facebook-Gruppe gegründet, die mittlerweile schon rund 40 Mitglieder hat. Nach und nach, so Rehermann, wolle man nun gemeinsam erarbeiten, worüber man – neben Job-Optionen – miteinander spricht. Sie selbst hat natürlich schon einige Ideen für die nächsten Treffen: Winzerinnen einladen, irgendwann gemeinsam einen Wein machen. Aber vielleicht auch über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sprechen. „Weinsommelier ist ein tougher Job. Als Frau steht man hier irgendwann vor der Entscheidung: Kind oder Karriere?“ Vielleicht kann das Netzwerk ja auch Wege finden, wie sich beides gemeinsam handhaben lässt. In jedem Falle wünschenswert wäre ein „Gender Mainstreaming“ für das Berufsbild des Sommeliers. Denn die weibliche Art Weine zu empfehlen ist anders, von ihr können sich die männlichen Kollegen einiges abgucken. Rehermann: „Frauen beschreiben Wein emotionaler, nicht so faktisch. Wie groß der Weinberg ist oder aus welcher speziellen Lage der Wein kommt, das kann man nachlesen. Aber den Gast interessiert in dem Augenblick eventuell doch viel mehr, warum ich diesen Wein ausgesucht habe und was meine Botschaft dahinter ist.“ 

„Femwine“ – der Name für das Projekt ist gut gewählt. Von diesem neuen Netzwerk von Frauen für Frauen werden wir hoffentlich noch einiges hören. 



Bildrechte: Jan-Peter Wulf; Frauennetzwerk Foodservice

Jan-Peter Wulf

Jan-Peter Wulf

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Jan-Peter Wulf ist leidenschaftlicher Gastro-Journalist und Blogger. Er lebt in Berlin und berichtet künftig auf WeinPlaces über alles, was sich in der Szene gerade an Neuem, Spannendem und Leckerem tut.

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