Colheita Port Jahrgang 1900

In seinem Portwein-Buch beschreibt Axel Probst den Jahrgang 1900 als einen großen, klassischen Jahrgang, der Portweine hervorgebracht hat, die noch heute frisch und jugendlich wirken. „1900 ist ein Jahrgang, in dem phantastische Vintage Ports abgefüllt wurden aber auch hervorragende Colheithas heranreiften. Sehr teuer, aber jeden Cent wert!“

Portwein-Basics
Grundsätzlich unterteilt man in der Portwein-Herstellung roter Trauben in flaschengelagerte Ruby-Ports und fassgereifte Tawny-Ports. Das können Sie sich einfach merken, denn zu Beginn sind alle Portweine tief dunkelrot, den zukünftigen Weg bestimmen dann die Qualität der Trauben und die entsprechende Weiterverarbeitung.

Ruby Ports
Die Königsklasse der roten, gerbstoffgeprägten und flaschengelagerten Ruby-Ports ist der „Vintage Port“, er wird bereits nach zwei bis drei Jahren Fasslagerung abgefüllt und reift dann in der Flasche weiter. Die ebenfalls jahrgangsreinen „Late Bottled Vintage Ports“ werden nach vier bis sechs Jahren Fasslagerung gefüllt, während die einfacheren „Standard Ruby Ports“ ihren Weg zum Verbraucher sehr viel schneller finden.

Tawny Ports
Das Wort Tawny steht für beigefarbig, was an die Farbe von Zwiebelschalen erinnert. Damit ist die hellere Färbung dieses Portwein-Typs gemeint. Im Laufe der Fassreife in 550-Liter Pipas verlieren die Tawnys ihre dunkle Farbe, bekommen einen seidigen, bernsteinfarbigen Glanz, die ehemals dunkelrote Farbe bleicht aus. Je nach Qualität werden sie als Verschnitte von mehreren Jahrgängen als Reserve Tawny, mit 10, 20, 30 oder über 40 Jahre Fassreife gefüllt, wobei das Alter immer ein Mindest-Durchschnittsalter der verwendeten Partien darstellt. Im Gegensatz zu den dunklen, gerbstoffgeprägten und eher rotweinähnlichen Rubys, sind die Tawnys von einer reiferen Charakteristik geprägt, brillieren mit köstlichen Aromen von Trockenfrüchten, getrockneten Aprikosen, weißer Schokolade, Nuss-Nougat, Karamell und einer zungenumwickelnden Lebhaftigkeit.

Colheita [KOLLYÄIHTA]
Colheitas sind fassgereifte Jahrgangs-Tawnys. Nach den Statuten des Portweininstituts dürfen Colheitas erst nach sieben Jahren Lagerung verkauft werden. Tatsächlich kommen sie aber wesentlich später in Umlauf. Die wichtigste Differenzierung sind die Trauben, bei der Herstellung von Colheita stammen sie alle aus einem einzigen Jahrgang, was bei Tawny Ports eher unüblich ist. Damit zeigen die Grundweine eine typische Jahrgangs-Charakteristik, die entgegengesetzt der klassischen Tawny-Typen nicht innerhalb der Jahrgänge geblendet werden darf.

Genau das ist aber der Grund, warum Colheitas in der Branche sehr beliebt sind, sie zeigen das wahre, ungeschminkte Gesicht ihres Jahrgangs. Interessanterweise sind Colheitas gut ein Drittel günstiger am Markt zu bekommen als ihre gleichaltrigen Tawny-Kollegen. Über die ältesten noch im Fass liegenden Colheitas verfügt das Portweinhaus Krohn in Vila Nova de Gaia aber auch in Niepoorts Lagerhäusern schlummern noch uralte Trouvaillen. Im Gegensatz zu Vintage Ports werden die Colheitas erst nach Jahr- oder Jahrzehnte langer Fasslagerung gefüllt. Das Abfülldatum wird in der Regel auf dem jeweiligen Etikett vermerkt, es kann durchaus mehrere Füllungen geben. Ein unerlässlicher Tipp von Axel Probst lautet allerdings: „Achten Sie auf Original-Füllungen der jeweiligen Portweinhäuser, leider sind fremdgefüllte „Buyer’s own brand“ Füllungen immer häufiger im Markt zu finden.“

Anlässlich der Veröffentlichung seines Portweinbuchs hatte Axel Probst an einem unfreundlichen, kalten Winterabend zu einer einzigartigen Blind-Probe geladen. Neben 1990 Jahrgangs-Prestige-Champagnern wurden Spitzen-Rieslinge G-Max von Keller und Morstein von Wittmann, sowie ein 1997 Cabernet Sauvignon von Tuck Beckstoffer aus Rutherford, der geniale 100-Punkte Wein 1986 Château Lafite sowie ein weiterer Top-Vertreter der neuen Weinwelt, 1986 Napa Valley Dunn Cabernet Sauvignon, serviert. Anschließend folgten zwei Jahrgänge des legendären Portugiesen Barca Velha 1965 und 1978, sowie ein feingliedrig gereifter 1970 Fonseca Vintage Port.



Das Highlight des Abends waren zweifellos die vier Colheita Ports des Jahrgangs 1900. Eine Bewertung nach Punkten ist angesichts ihres Alters vielleicht nicht ganz fair und somit nur eine Momentaufnahme. Nach so vielen Jahren präsentieren sich die Weine mit einer veränderten Sensorik, die Weine scheinen trockener, der Zucker zieht sich sensorisch zurück, während Alkohol und auch die Phenole vermehrt zu spüren sind. Die vier überaus rüstigen Colheita Grand Seigneurs haben unsere Herzen zutiefst berührt und brillierten mit ihrer enormen Lagerfähigkeit. 116 Jahre sind ein echtes Statement!

1900 Barros Colheita
Duftet nach Dörrobst, getrockneten Pflaumen und sanft nach Zigarrenkiste. Die Colheita präsentiert sich sanft, balanciert mit lebhafter Säure und anregenden Aprikosennoten. Mittlere Intensität und angenehme Vielschichtigkeit. Leider wird der Nachhall ein wenig von alkoholische Schärfe und phenolisch wirkenden Zedernholz-Noten dominiert. Laut Axel Probst ist der Wein wahrscheinlich in den 1960er oder 1970er Jahren gefüllt worden.
89/100

1900 Constantino Colheita
Sehr konzentrierter, sanft karamelliger, aber sehr ausdrucksvoller Duft. Feste, tiefgründige und facettenreiche Aromatik, getrocknete Aprikosennoten, balanciertes Zedernholz, anregende Säure, sowie anmutige Vielschichtigkeit und angenehme Konzentration. Auch hier ist der Alkoholgehalt in der Länge spürbar, ebenso zarte phenolischen Noten sowie eine packende Adstringens. Außerordentlich komplex und selbst nach 116 Jahren noch quicklebendig, präzise und überaus animierend.
93/100

1990 Niepoort Colheita
Zunächst balsamische Noten, die mit etwas Luftzufuhr verfliegen. Kaum zu glauben, aber dieser betagte Zeitgenosse benötigt zusätzlichen Sauerstoff, um sein wahres Potential zu entfalten. Zungenumwickelnder Schmelz, üppige Saftigkeit und ein tiefgründiger Körper. Eine anmutige Colheita, die im Nachhall mit Alkohol und spürbarem Zedernholzaromen ausgestattet ist. Am Gaumen bleibt schokoladiger Charme, der sich angenehm opulent mit zarter Fruchtsüße am Gaumen ausbreitet. Gefüllt wurde diese Niepoort Colheita 1972.
91/100

1900 Krohn Reserva Colheitha
Angenehm weich und karamellig gleitet die Colheita über die Zunge und entfaltet seine Tiefgründigkeit mit würzigen, geradezu kraftvollen Nuancen. Vielschichtig, konzentriert und in seiner Üppigkeit balanciert. In der Länge folgt eine gehörige Portion Süße, die für sanften Ausgleich und eine harmonische Länge sorgt.
92/100

Teilnehmer der 1900er Colheitha-Probe:
Axel Probst www.worldofport.de
Caro Maurer MW www.caromaurer.de  
Sebastian Bordhäuser, Sommelier
Christopher Paff www.worldofport.de
Ralf Kaiser www.weinkaiser.de
Nils Bachmaier www.bayer-gastronomie.de
Heinz-Jürgen Kaup www.bayer-gastronomie.de 
Christina Fischer, Autorin und Sommelière www.genuss-werkstatt.net

Weitere Informationen und Seminartermine für Fachleute
Wer möchte, kann sich das gerade erschienene Buch von Axel Probst zulegen. Es ist das erste Buch in deutscher Sprache, welches ebenso umfassend wie verständlich über die Materie informiert. PORTWEIN - DAS BUCH

Weiterhinn können Sie sich auf der homepage von Axel Probst www.worldofport.de über Seminartermine informieren und sich der kommenden ProWein für Seminare einschreiben. ProWein-Seminare: 19.03.-21.03.2017.

Christina Fischer

Christina Fischer

Christina Fischer

Die Sommeliere und Buchautorin Christina Fischer lebt und arbeitet in Köln. Ihre vielseitigen Aktivitäten bündelt sie in ihrer Kölner GENUSS Werkstatt.

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