Der Gemischte Satz

Weinbau verändert sich im Laufe der Zeit. Das ist eine Binsenweisheit. Wie stark er sich gewandelt hat, kann man anhand von Ausgrabungen rund um das Schwarze Meer sehen, wo der Wein über Jahrtausende hinweg in Amphoren vergoren wurde. In Georgien und Armenien hat sich diese Art des Ausbaus bis heute erhalten. Und weil das Ergebnis sehr interessant sein kann, versuchen sich auch mitteleuropäische, amerikanische oder sogar neuseeländische und australische Winzer an dieser Art der Weinbereitung. Auch wenn die Amphoren hier nicht das Thema sind, so kann man daran doch sehen, dass uralte Herstellungsweisen heute gerne wieder aufgenommen werden. Das liegt meiner Meinung nach daran, dass die Weinherstellung in ihrer Gesamtheit zwar nie so gute und saubere Weine hervorgebracht hat wie heute, dafür aber sehr stromlinienförmig geworden ist. Um dem entgegenzuwirken, greifen die einen zu den Amphoren, andere entscheiden sich schon im Weinberg für eine Alternative zum heutigen Weinbau. Sie greifen beim Anlegen ihrer Weinberge auf eine Methode zurück, die vom Mittelalter bis in die Neuzeit üblich war. Die Rede ist vom Gemischten Satz. 

Viele verschiedene Rebsorten in einem Weinberg

Flächen voller Riesling, Spätburgunder oder Dornfelder sind eine relativ neue Erscheinung. Sie hat viel mit dem Wandel der Agrarindustrie zu tun. Der moderne chemische Pflanzenschutz sorgt dafür, dass Monokulturen auch im Weinbau gegen Schädlinge und Pilze geschützt werden. Monokulturen sind allerdings viel anfälliger als Mischungen verschiedener Obst-, Gemüse- oder Getreidesorten. Weil man das schon seit der Antike weiß, hat man ohne Kenntnis chemischer Produkte die Agrarflächen so widerstandsfähig wie möglich gemacht. In manchen Gegenden, wie etwa im Norden von Portugal, war es beispielsweise üblich, die Reben an Bäumen wachsen zu lassen oder auf mehr als mannshohen Pergolen, unter denen dann Obst, Gemüse oder Getreide angebaut werden konnte. Um Weinbergen mehr Widerstandskraft zu verleihen, wurden diese nicht reinsortig bepflanzt, sondern variantenreich. 

Frentsch und Huntsch

Diese Art des Anbaus fand sich überall. In jeder Region aber haben sich bestimmte Gruppen von Rebsorten durchgesetzt, die besonders gerne zusammen angepflanzt wurden. Relikte davon kann man noch heute finden. Da aber die Reblaus im 19. Jahrhundert fast alle Weinberge Europas verwüstet hat, gibt es diese alten Weinberge nur noch sehr selten. Fündig wird man noch am portugiesischen Douro, aber auch in Franken. In beiden Gebieten sind diese Rebanlagen sogar noch wurzelecht zu finden. Bei den Weinbergen in Franken handelt es sich im Wesentlichen um fränkische Gemischte Sätze, früher vinum francium oder Frentsch genannt. Diese Gemischten Sätze umfassen vor allem jene Rebsorten, die schon ab dem ausgehenden Mittelalter als edel angesehen wurden und auch dem Adel vorgesetzt werden durften. Der vinum hunicum, der Huntsch oder Hunnische Satz, in dem man neben dem weißen Heunisch (Elternrebsorte des Rieslings) auch den Riesling selbst fand, war eher für das Volk gedacht. Da die Weinlese damals deutlich früher stattfand als heute, erachtete man den sauren Riesling lange als minderwertig. Zu den fränkischen Rebsorten gehört als wichtigste Rebsorte der Elbling, dazu kam der grüne, gelbe, rote und blaue Silvaner, der Gelbe oder Gewürztraminer, der Gutedel, Muskateller und weitere Rebsorten, die man heute kaum noch findet. Dazu gehören zum Beispiel der Vogelfränkisch, der Adelfränkisch, der Blaue Kölner, die Putzschere oder der Hartblau. 

Wenn der Elbling reif ist, wird geerntet

Der Elbling, den man heute fast nur noch an der Obermosel oder in Sachsen findet, war früher über ganz Deutschland verteilt. Da er in der Mitte der unterschiedlichen Rebsortenarten reif wird, war der Elbling immer die Leitrebsorte. Es galt also: Ist der Elbling reif, wird geerntet. Das Besondere beim Gemischten Satz ist, dass alle Rebsorten des gesamten Weinbergs gleichzeitig geerntet und gemeinsam vergoren werden. Es sind also Rebsorten dabei, die fast schon überreif sind, und andere, die noch nicht reif sind. So konnte man jahrgangsunabhängig immer einen reif schmeckenden Wein erzeugen. Das Faszinierende dabei ist, dass sich diese verschiedenen Reifestufen im Entstehungsprozess des Gemischten Satzes ausbalancieren. 

Vom Gestern ins Heute

Neben den historischen Anlagen gibt es immer mehr Winzer, die heute wieder neu Gemischte Sätze pflanzen. Sie sind einerseits fasziniert von der Vielfalt im Weinberg, andererseits vom Geschmack der Weine. Denn diese Weine lassen nach Meinung der Winzer das Terroir, also die Herkunft der Weine, ganz anders sprechen als rebsortenreine Weine. Fragt man den Großmeister des Gemischten Satzes, Marcel Deiss, dann bestätigt er das. Deiss, der vielleicht berühmteste aller elsässischen Winzer, hat sich dieser Anbauweise komplett verschrieben; denn für ihn war der Geschmack der einzelnen Rebsorte immer störend. Ähnlich geht es Gottfried Lamprecht in der Steiermark. Er wollte nicht den Sauvignon blanc, den Weißburgunder, den Chardonnay, sondern er wollte zunächst einmal das Terroir. Mit seinem vor einigen Jahren neu angelegten Gemischten Satz vom Buchertberg, in dem sich mehr als 20 Rebsorten finden, sucht auch er vor allem das Spezifische des Ortes einzufangen, den sense of place. Dass er damit Erfolg hat, zeigt die aktuelle Auszeichnung des Gault&Millau zum Ausnahmewinzer des Jahres 2018. Auch wenn man für seinen Gemischten Satz mit dem Kopf durch die Wand geht und die Menschen erst überzeugen muss, kann es sich auszahlen, das Alte zu bewahren; denn Gottfried Lamprecht geht es um mehr als das Terroir. Für ihn ist der Blick in den Buchertberg gleichzeitig ein Blick in die Vergangenheit wie die Zukunft des Weinbaus. Er sucht nicht nur alte, teils fast vergessene Rebsorten, von denen es vor der Reblauskatastrophe Tausende mehr gab als heute. Er frischt seinen Weinberg auch mit altem Genmaterial auf, das immer mehr verloren geht. Bei ihm stehen neben Weiß- und Grauburgunder der Morillon, dazu Riesling, Furmint, Gutedel, Rotgipfler, Zierfandler und Adelfränkisch sowie der Weiße, Rote und Blaue Heunisch, der Orléans, Juhfark, Hárslevelü und einige weitere Sorten, die er immer weiter dazupflanzt. 

Der heutige Gemischte Satz kommt aus Wien

In einem Artikel wie diesem wird die dauernd über vom Gemischten Satz gesprochen, doch auf einem deutschen Etikett wird man den Begriff nicht finden. Das liegt daran, da

ss die Winzer aus Wien vor einigen Jahren so clever waren und ihren Wiener Gemischten Satz haben schützen lassen. Beim Wiener Gemischten Satz handelt es sich um mindestens drei Rebsorten, die zusammen angebaut und vergoren werden, wobei keine Sorte zu mehr als 50 % vertreten sein darf. Es handelt sich in Wien um die typischen weißen Rebsorten der Region, die in diesen Weinen Verwendung finden und ein wirkliches Alleinstellungsmerkmal geworden sind. Oft sind es Chardonnay (Morillon), Weißburgunder und Gauburgunder, aber auch Riesling, Sauvignon blanc, Grüner Veltliner, Welsch-Riesling, Traminer oder Neuburger kommen darin vor.

Fazit

Die Gemischten Sätze können überaus faszinierende Weine sein. Wenn man sie probiert, dann wird einem bewusst, dass das Ganze manchmal weit mehr ist als die Summe seiner einzelnen Teile. Es gibt Winzer, die einmal das Experiment unternommen haben, die eine Hälfte der Trauben gemeinsam zu ernten und zu vergären, die andere Hälfte aber Sorte für Sorte dann zu ernten, wenn sie reif war. Dann wurde getrennt vergoren und ausgebaut, und erst danach wurden die einzelnen Rebsorten zu einer Cuvée zusammengefügt. Hier wie dort waren in etwa die gleichen Anteile der Rebsorten vertreten, doch das Ergebnis war eindeutig. Die Cuvée war kaum genießbar, und der Gemischte Satz war ein komplett harmonischer Wein. 

Empfehlungen:

Nico Scholtens, Alter fränkischer Satz vom historischen Weinberg

Am Zeller Schlossberg liegt die 1900 gepflanzte terrassierte Lage, aus der Nico Scholtens den wohl aktuell besten Mischsatz von wurzelechten Reben vinifiziert. Dort finden sich alle vier Silvaner-Spielarten, der Weiße Heunisch, Adelfränkisch und Vogelfränkisch, Trollinger, Portugieser, Spätburgunder, Elbling, Sankt Laurent, Gutedel, Blauer Kölner und noch einige noch nicht identifizierte Sorten. Scholtens bietet zwei Varianten dieses beeindruckenden Gewächses an.

Herrenhof Lamprecht Buchertberg und Schrammelberg

Gleich mehrere Gemischte Sätze hat Gottfried Lamprecht im Angebot. Neben dem erwähnten Buchertberg weiß gibt es diesen auch noch einmal, ausgebaut mit Maischestandzeit, als Buchertberg on the Skins sowie als roten Gemischten Satz. Außerdem hatte Gottfried das große Glück, einen historischen, mehr als 85 Jahre alten Weinberg im Mischsatz pachten zu können. Gerade einmal 300 Flaschen entstammen dem Schrammelberg im Jahr 2015.

Wieninger, Wiener Gemischter Satz, Bisamberg, Nussberg oder Rosengartel

Gleich mehrere Gemischte Sätze hat Fritz Wieninger im Angebot, der bekannteste Vertreter des Wiener Gemischten Satzes. Von jüngeren (Bisamberg) bis zu sehr alten Reben im Rosengartel zeigen diese Weine eine große Aromenintensität. Solch ein Wein liefert zum Tafelspitz die volle Harmonie. 

I Vigneri di Salvo Foti, Vinudilice 

Dieser Wein ist eine Ausnahmeerscheinung. Er stammt von bis zu 250 Jahre alten Reben, die auf knapp 1.500 Metern Höhe inmitten eines alten Steineichenwaldes am Etna stehen. Aus diesem Weinberg, der zu den ältesten und höchsten Europas gehört, keltert Salvo Foti einen der schönsten Rosés, die ich kenne. 

Fog Monster, Bedrock

Und noch so ein historisches Einzelstück. Dieser Weinberg in den Sierra Foothills wurde 1888 mit 14 verschiedenen Rebsorten, vornehmlich aber mit Zinfandel gepflanzt. Einen Teil dieses historischen Wingerts haben jetzt die Mullineux aus Südafrika übernommen und keltern dort einen sehr intensiven und ganz eigenständigen Wein.

Alheit, Hemelrand Vine Garden

Auch am Kap gab es früher Gemischte Sätze. Auf der Suche nach südafrikanischer Eigenständigkeit im Wein hat Chris Alheit vor Jahren Rousanne, Chenin blanc, Chardonnay und Verdelho zu einem Mischsatz gepflanzt und dafür hist

orisches Rebmaterial verwendet. Das Ergebnis ist umwerfend charmant.

shop.weinamlimit.de

Quinta do Vale Dona Maria, Curriculum Vitae 

Ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie komplex und intensiv rote Douro-Weine von historischen Mischsätzen sein können, liefert Christiano van Zeller mit dem CV. Der Weinberg ist mehr als 80 Jahre alt und umfasst 25 unterschiedliche Rebsorten.

gute-weine.de

Marcel Deiss, Altenberg de Bergheim Grand Cru 

Ja, unter den Grand Cru dieser Welt gibt es auch Gemischte Sätze. Im Altenberg stehen Riesling, Pinot gris, Muscat, Traminer und weitere Rebsorten und bilden zusammen einen der großen alterungswürdigen und spannungsgeladenen Weine des Elsass.

Benoît Lahaye, Le Jardin de la Grosse Pierre 2012 

Auch in der Champagne gab es Gemischte Sätze, doch sie sind verschwunden – bis auf einen. Im Besitz von Benoît Lahaye ist ein 1923 von seinem Großvater angelegter Weinberg. Dort befinden sich weit mehr Rebsorten, als heute in der Champagne zugelassen sind. Ein singuläres Erlebnis 

eines völlig eigenständigen Champagners.

finkenweine.de

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Christoph Raffelt

Christoph Raffelt ist ein ausgesprochen fleißiger Blogger, Kritiker, Podcaster, Prediger und Dozent in Sachen Wein. Da er auch gerne Gast ist haben wir ihn einfach eingeladen auch für uns zu schreiben.

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