Der Mittelrhein – Bopparder Hamm und mehr

In den letzten Jahren, in denen ich in der Nähe von Bonn gelebt habe, lagen die nördlichsten Weinberge am Rhein nur hundert Meter Luftlinie von meiner Wohnung entfernt. Sie gehörten zum Weinbaugebiet Mittelrhein und das ist nach der hessischen Bergstraße das zweitkleinste in Deutschland. Kleine Anbaugebiete werden leicht übersehen. Das ist Grund genug, den Mittelrhein in Erinnerung zu rufen. 

 

Auch wenn die Weinbergsfläche nicht einmal 700 Hektar umfasst, muss man doch 120 Kilometer fahren, bis man das ganze Gebiet von Bingen bis nach Bonn durchfahren hat. Historisch gesehen gehört das Mittelrheintal zu den ältesten Weinbaugebieten in Deutschland. Während der Römerzeit wurden die Südlagen zwischen Koblenz und Neuwied bepflanzt, später auch rund um Bacharach. Dieser Ort hat sich im Mittelalter zu einem der wichtigsten Umschlagplätze für den Wein entwickelt und wurde später von Bingen abgelöst. Da der Mittelrhein im Mittelalter die wichtigste Verkehrsstraße des Heiligen Römischen Reiches war, ist es kein Wunder, dass das Tal gespickt ist mit Burgen und Schlössern, die heute das Weltkulturerbe Oberes Mittelrheintal bilden. 

  

Der bekannteste aller geographischen Namen dürfte wohl die Loreley sein, und dort liegt auch die Philipps-Mühle, wo Thomas und Martin Philipps seit einigen Jahren Steillagen rekultivieren, während ihr Vater in der Mühle weiterhin als Müller arbeitet. Die beiden Winzer gehören zur Gruppe der Gipfelstürmer, in der sich außerdem Felix Pieper aus Königswinter und Sebastian Schneider aus Bad Hönningen engagieren. Schneiders Weinberge erstrecken sich fast über die gesamte Strecke vom Binger Mäuseturm bis ins Siebengebirge. Diese Winzer wollen dem zwar langsam, aber stetigen Verfall der vielen historischen Steillagen Einhalt gebieten, der sich daraus ergibt, dass Mittelrhein-Weine keine allzu hohen Preise aufrufen, und das, obwohl es hier ausgezeichnete und bekannte Lagen wie den Bopparder Hamm oder den Bacharacher Hahn gibt. Die von diversen Schiefer-Formationen geprägten Lagen des Bopparder Hamm finden ihren Ausdruck am klarsten in den Weinen von Matthias Müller und Florian Weingart aus Spay, wobei Weingart bis heute fast ausschließlich auf Direktvermarktung setzt. Die Weine, die vom Liter-Riesling bis zur Trockenbeerenauslese über ein geniales Preis-Genuss-Verhältnis verfügen, sind oft schon nach den drei Präsentationstagen im Juni ausverkauft. Solange ich in Bonn lebte, war dieses Weingut in Spay immer ein fester Anlaufpunkt. Eine von Weingarts besten Lagen befand sich im Oberdiebacher Fürstenberg. Leider hat er die Lage verkauft, da sie ihm vom heimatlichen Spay zu weit entfernt lag. Doch gibt es noch weitere Winzer, die das elegant Schmelzige und die wunderbare Mineralik der Tonschiefer-Lagen in ihre Weine bringen. Es sind Dr. Randolf Kauer, der übrigens auch Bioweinbau in Geisenheim unterrichtet, sowie Lars Dalgaard und Christin Jordan, deren Nebenberuf »Winzer« für sie immer wichtiger wird. Dalgaard & Jordan haben ihre Lagen im Rheingau und im Mittelrheintal genauso wie das Weingut Toni Jost, neben Matthias Müller aus Spay das einzige Weingut, das Mitglied im renommierten Verband der Prädikatswinzer (VDP) ist. Ebenfalls in zwei Weinbaugebieten, jedoch einige Kilometer rheinabwärts, pendeln Marc Josten und Torsten Klein zwischen den Rotweinlagen an der Ahr und den Weißweinlagen in Leutesdorf bei Brohl. Im ältesten Weindorf am Mittelrhein entstehen bei Josten & Klein neben dem allgegenwärtigen Riesling markante Sauvignon Blancs und Grauburgunder.

Auch wenn es schwierig ist, in einem kleinen Anbaugebiet, in dem die großen Zugpferde fehlen, Weinbau für die Zukunft zu betreiben, zeigen doch zunehmend mehr Winzer, dass es möglich ist, die traditionsreiche Weinkultur des Tals zu bewahren und auszubauen. Es lohnt sich, diese Weine und das Gebiet neu zu entdecken.

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Christoph Raffelt

Christoph Raffelt ist ein ausgesprochen fleißiger Blogger, Kritiker, Podcaster, Prediger und Dozent in Sachen Wein. Da er auch gerne Gast ist haben wir ihn einfach eingeladen auch für uns zu schreiben.

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