Der Rheingau im Aufbruch

Es mag wie eine leicht abgedroschene Binsenweisheit klingen, doch gerade die Winzer im Rheingau mussten sie in den letzten Jahren immer wieder vernehmen: Von Tradition kann man sich nichts kaufen. Das hat man rheinaufwärts mittlerweile begriffen, doch es hat ein wenig gedauert, bis man die Aufbruchsstimmung im Rheingau umsetzen und dies auch zeigen konnte. Doch spätestens seit die Großen Gewächse der Jahrgänge 2012 und 2013 über die Gaumen der Kritiker geflossen sind, ist klar, dass sich im traditionsreichen Rheingau einiges verändert hat.

Rheingau CabinetVon allen deutschen Weinbaugebieten war der Rheinabschnitt zwischen Hochheim und Kaub immer der aristokratischste. Während an der Mosel, an Saar, Ruwer oder in Rheinhessen vor allem Kleinbetriebe den Weinbau prägten und allenfalls die Pfälzer Betriebe mit den drei großen B – also Reichsrat von Buhl, Dr. Bürklin-Wolf und Dr. von Bassermann-Jordan – dem Glanz des Rheingaus etwas entgegenzusetzen hatten, haben Weingüter wie Schloss Vollrads, Schloss Johannisberg, Robert Weil, die Freiherren Langwerth von Simmern, die Staatsweingüter des Klosters Eberbach, der Prinz von Hessen oder das Weingut derer von Mumm immer etwas mehr Glanz verbreitet. Doch dieser Glanz bröckelte schon in der großen Krise des Deutschen Weins in den 1970ern und 1980ern. Familien wie die von von Greiffenclau (Schloss Vollrads) konnten ihre Weingüter nicht halten. Andere wie die Weils mussten sich ausländische Investoren suchen, um als einsame Rufer in der Wüste ihre Idee von Qualität aufrechterhalten zu können. Und während in den letzten 15 Jahren der Motor der Erneuerung vor allem in Gebieten wie Rheinhessen und der Pfalz immer schneller Fahrt aufnahm, schien der Rheingau wie aus der Zeit gefallen zu sein. Rheingau, so meinten viele wohl, sollte immer ein Qualitätsbegriff sein, der über allem stehen würde. Schließlich entstanden hier der Cabinet und die Spätlese – und mit der Carta und dem Ersten Gewächs frühe Klassifikationsversuche.

Rheingau RieslingDoch nichts hält ewig, wenn man es nicht erneuert. Das hat mittlerweile eine ganze Reihe der 750 Weingüter, die von Mainz an den Rhein aufwärts 3.100 Hektar Rebfläche bearbeiten, verstanden. Zu harsch war die Kritik der letzten Jahre und zu stark waren vielleicht auch die Absatzverluste. Dem angekratzten Image hat sich seit einiger Zeit eine Gruppe von Winzern entgegengestellt, die mit Qualität und Austausch, aber auch mit Öffentlichkeitsarbeit darauf aufmerksam macht, wie viel sich im Tal verändert hat. Genau dieser Zusammenschluss war notwendig. Es hat ihn beispielsweise in Rheinhessen schon 2002 gegeben. Dort war der Ruf noch stärker ruiniert, als er es im Rheingau je war. Die Liebfrauenmilch, jene aufgezuckerte billige Plörre, die immer noch als Wein bezeichnet werden darf, wurde in die ganze Welt exportiert, Fassware und Menge standen vor Qualität und Klasse, und die neue Generation von Winzern, bestens ausgebildet und offen für Umwälzungen, brauchte eine Plattform. Diese Plattform, man nannte sie dort Message in a bottle, sollte nicht nur nach außen wirken, sondern vor allem und zunächst nach innen. Denn was andere Weinbauländer längst als normales Gebaren etabliert hatten, war hier in Deutschland noch untypisch: der Austausch der Winzer untereinander, die Kritik an der eigenen Arbeit offen anzunehmen und sie als Ansporn zu verstehen sowie der Abgleich gemeinsamer Werte und Ziele. Die Idee, dass der direkte Nachbar im Weinberg nicht in erster Linie Konkurrent, sondern Partner auf einem gemeinsamen Weg sein kann, musste erst reifen. Nun hat sich vor drei Jahren im Rheingau eine Reihe von etablierten Winzern und Nachwuchstalenten zusammengefunden, um genau dies zu tun. Basis ist die gemeinsame Liebe zum Wein – vor allem zum Riesling, der hier 78 % der Ertragsfläche ausmacht. Es ist gleichzeitig die Plattform, um sowohl auf die Kritik von außen einzugehen wie auch auf die Polemik, die den Rheingauer Winzern immer häufiger entgegengeschleudert wurde.

ZuChristian Witte diesen Mitstreitern gehört beispielsweise ein Winzer wie Wilhelm Weil, der das international wohl bekannteste deutsche Weingut führt. Zwar stammt Weil selbst aus einer dieser aristokratischen Weinbaudynastien, doch im Gegensatz zu vielen anderen hat er immer gewusst, dass neben dem Rhein auch die Denke im eigenen Kopf immer im Fluss bleiben muss. Weil ist der unermüdliche Mahner und Impulsgeber und gleichsam der Zenmeister des Rheingaus, dessen Prestigewein, der trockene Riesling aus dem Gräfenberg, wie kein anderer für die Qualität des Rheingaus steht. Zu der Gruppe gehört auch der polyglotte und intellektuelle Winzer August Kesseler, der seit Jahrzehnten Eleganz und Raffinement zu Riesling- und Pinot-Gesamtkunstwerken zusammenbringt, und ebenso ein Christian Witte (s. Bild), der mit der Leitung des Schlosses Johannisberg den wohl größten Überbau an Tradition zu verwalten und trotzdem den Blick für die notwendige Modernisierung nie verloren hat. Die Weine der genannten Winzer zeigen, dass es auch vor dem Aufbruch Rheingauer Weingüter gab, deren Weine durch die Jahrzehnte hinweg zu den Qualitätsvorreitern des deutschen Rieslings gehörten.

Rheingau Weinkeller  Rheingau Weinkeller

Winzer wie Fred Prinz, Josi Leitz, Johann Eser, Peter Jakob Kühn oder Gunter Künstler stehen heute für den Mittelbau zwischen den großen Namen der altehrwürdigen Schlösser und der Generation der neuen Garde, die die wirkliche Erneuerung voranbringen. Sie sind unermüdliche Arbeiter und Qualitätsfanatiker. Winzer wie Leitz haben hart an der Reputation des deutschen Weins im Ausland gearbeitet, Winzer wie Peter Jakob Kühn brachten die Biodynamie in den Rheingau.

Achim von OetingerEs sind genau solche Winzer, die der Rheingau braucht. Sie bilden das Fundament für Tüftler wie Cecilia Jost, Alexander Jung, Achim von Oetinger (s. Bild), Ralf und Bernd Schönleber oder das kongeniale Duo Christian Ress und Dirk Würtz. Wenn man ihre Weine heute probiert, wird schnell klar, dass Aufbruch keine Floskel ist. Hier wird der Wein natürlich nicht neu erfunden, aber er wird erweitert. Man schmeckt immer den Rheingau in diesen Weinen. Doch schnell wird klar, dass der Rheingau mehr Facetten hat, als wir gedacht haben. Und genau deshalb haben die beiden Letztgenannten, Christian Ress und Dirk Würtz, vor einigen Wochen in die wineBANK des Weinguts Balthasar Ress in Hattenheim eingeladen, um diesen Aufbruch mit einem Fest zu feiern.

WeinBankDie wineBANK ist ein Weinkeller, in dem man auch als Privatperson ein Weinfach mieten kann. Gleichzeitig kann man den Keller unterhalb des Weinguts nutzen, um die eigenen Weine mit Freunden jederzeit zu verkosten. Es ist ein sinnlicher Ort und deshalb gut geeignet, um mehreren Weinnasen die Möglichkeit zu geben, all die Großen Gewächse der letzten beiden Jahre noch einmal zu probieren, alte Weine zu genießen und tatsächlich einmal den Rheingau und seine Weine zu feiern. Und genau das haben wir im Januar gemacht – nicht zuletzt, um das Positive dieses Aufbruchs weiterzutragen und zu sagen: Ja, es lohnt sich, Rheingauer Weine wieder neu zu entdecken.

Wilhelm WeilUnd nicht zuletzt habe ich Wilhelm Weil (s. Bild) an diesem Abend in der wineBANK tanzen gesehen. Das sagt viel über die Stimmung im Rheingau aus. Und schon dafür hat es sich gelohnt, dort gewesen zu sein.

 

 

 

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Christoph Raffelt

Christoph Raffelt ist ein ausgesprochen fleißiger Blogger, Kritiker, Podcaster, Prediger und Dozent in Sachen Wein. Da er auch gerne Gast ist haben wir ihn einfach eingeladen auch für uns zu schreiben.

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