Die Furcht vor dem eigenen Geschmack

Dieser Artikel stammt aus dem WeinPlaces-Archiv und wurde ursprünglich am 11. Oktober 2016 veröffentlicht.

Viele Kollegen kennen diese Situation: Man kommt auf eine Party, die Gastgeber haben Sekt und Wein besorgt, den sie für ihre Gäste als angemessen betrachten. Man wird begrüßt und natürlich sofort gefragt, ihre Wahl in seiner Funktion als Sommelier zu bestätigen: „Das ist doch ein Guter, oder? Und für das Geld…“ Ungeachtet welch schlimme oder eben auch gute Wahl es sein mag, es spiegelt ein großes Problem, dass sich durch das Land zieht: Die Unsicherheit, was den eigenen Geschmack angeht.

Es wird um Legitimation gebeten, um Absegnung, als ginge es um richtig oder falsch. Dabei gibt es kein richtig oder falsch im Geschmack. Es gibt moralische Bewertungen, die den persönlichen Genuss einschränken können, aber richtig und falsch?
„Schmecken muss es mir, das ist die Hauptsache!“ Gerne wird dieser Allgemeinplatz bei jeder sich bietenden kulinarischen Gelegenheit heraus posaunt. Sobald es jedoch um Wein geht sieht man oft in hohle Augen.

Sehr viele Menschen die einfach gerne ein Glas Wein trinken möchten scheinen immer noch das Gefühl zu haben, sie stünden vor Gericht oder müssten irgendetwas dazu sagen. Und statt zu rufen: „Noch ein Glas bitte!“ herrscht enormer Druck etwas Schlaues zum Produkt der hohen kulinarischen Weihe sagen zu müssen. Dabei ist es ganz einfach: Man genießt und schweigt. Dann gibt es auch kein dünnes Eis.

„Ich trinke unglaublich gerne Wein, habe aber keine Ahnung davon.“ Auch diesen Satz hört man immer wieder und es stellt sich die Frage, was denn mit den Leuten los ist. Niemand geht mit so einer Einstellung zum Metzger:„Ich esse unglaublich gerne Wurst, habe aber keine blasse Ahnung davon.“ Nur bei Wein scheint dieser immense Prüfungsdruck zu liegen.

Auf die Frage, was die Leute denn gerne trinken kommt zu 99,9% die Antwort: „trocken.“ Es ist schick trocken zu trinken, dabei scheint die Bedeutung von „trocken“ in seiner Definition nicht wirklich klar zu sein. Ein Wein mit mehr als 9 Gramm Restzucker gilt nach deutschem Weingesetz nicht mehr als trocken. Das ist zugegebener Maßen für den Laien, der einfach ein Glas Wein trinken möchte sehr abstrakt.
Dabei schmeckt den meisten Menschen die sonst wenig Berührungspunkte damit haben in den meisten Fällen Wein mit etwas Restzucker. Über die Hälfte des in Deutschland angebauten und verkauften Weines ist nämlich nicht trocken. Auch der Sekt nicht, auf dem trocken steht. Serviert man einen wirklich trockenen Wein, wird er oft als sauer empfunden.
Das alles ist auch überhaupt nicht schlimm, aber woher kommt diese Furcht, diese Unsicherheit, was den eigenen Geschmack angeht? Wen interessiert es, ob ich gar nicht zu den Trocken-Trinkern gehöre?

Geschmack ist per se subjektiv und ein großes Minenfeld, denn schließlich ist er eben streitbar. „Schmeckt mir“ sagt daher weniger über einen Wein als über seinen Trinker aus. Die Angst dann als Depp dazustehen mag Grund sein für dieses rätselhafte Verhalten. Aber vor wem? Vor einem Getränk? Und es kommt noch merkwürdiger. „Ich trinke eigentlich keinen Riesling, aber dieser schmeckt mir.“ Ein weiterer Allgemeinplatz, den jeder schonmal gehört hat. Reicht es nicht zu sagen: „Der schmeckt mir!“ Vielleicht sogar ausgezeichnet? Ob trocken oder Pappsüß, etwas mehr Courage tut Not, schließlich ist es nur ein Schoppen. Oder zwei. Und deshalb: Kelche hoch und nachgefüllt! Cheers!

Sebastian Bordthäuser

Sebastian Bordthäuser

sebastian.bordthaeuser

Der studierte Germanist betrat die Sommelierszene als Quereinsteiger. 2012 kürte Falstaff ihn zum Sommelier des Jahres. Er schreibt für Effilee, die Welt am Sonntag, Feinschmecker, BEEF und Vinum.

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