Die Generation der Ahr-Schlawiner

Vino steht für Wein, was Ahr bedeutet, ist klar, aber was meint das Schl im Namen Schlahrvino? Es steht für Schlawiner und dafür, wie sich eine Gruppe engagierter Jungwinzer selbst definiert: als fröhliche, unbeschwerte Menschen, die sich um die Konventionen der Älteren wenig scheren und so reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist – Schlawiner eben. Diese Schlawiner findet man im Anbaugebiet Ahr, das mit knapp 550 Hektar zu den kleineren Anbaugebieten in Deutschland gehört. Mit dieser Hektarzahl machen die Weinberge entlang der Ahr nicht einmal ein Prozent der deutschen Gesamtweinernte aus. Und doch hat das Tal einen besonders guten Ruf, vor allem wegen der Früh- und besonders der Spätburgunder. Diese Reputation gibt es allerdings erst seit den 1980er Jahren. Damals hat sich eine Gruppe von Winzern, meist Quereinsteiger wie der Sport- und Mathematiklehrer Werner Näkel, daran gemacht, den Spätburgunder neu zu definieren; denn den Ahr-Burgunder der damaligen Zeit darf man sich als helles Tröpfchen mit wenig Farbe, wenig Alkohol, noch weniger Tannin, doch dafür mit einer gehörigen Menge an Restsüße vorstellen. Den Horden von Touristen, die ins Ahrtal genauso einfielen wie an der unweit entfernten Mosel, gefiel dieser Weinstil. Doch Näkel und seine Mitstreiter hatten ihn satt. So machten sie im Laufe von anderthalb Jahrzehnten aus den Berghängen an der Ahr das wichtigste zusammenhängende Anbaugebiet für Pinot Noir in Deutschland. Typischer Pinot Noir war das, was die Winzer machen wollten – Spätburgunder nach französischem Vorbild.

 

Heute sind Namen wie Nelles, Meyer-Näkel, Adeneuer, Deutzerhof oder Stodden längst weit über die engere Umgebung hinaus bekannt und haben sogar in Großbritannien und Übersee einen sehr guten Ruf. Zwischenzeitlich konnte man jedoch den Eindruck gewinnen, dass sich der Burgunderstil im Tal nicht weiterentwickelte. Es war der Stil einer Gründergeneration, der hier vorherrschte – ein Stil, der gefunden war und beibehalten wurde. Und diese Gründergeneration macht gerade Platz für eine neue. Manchmal passiert das unter traurigen Umständen, wie etwa im Weingut Jean Stodden, wo Alexander vor wenigen Jahren nach dem viel zu frühen Tod seines Vaters den Betrieb schneller übernehmen musste, als geplant war. Bei Werner Näkel dagegen bringen sich die Töchter Meike und Dörte schon seit einigen Jahren ein und schaffen einen fließenden Übergang, der sich wohltuend auf die Stilistik der Weine auswirkt. Wo ein wenig zu viel Extraktion und Holzeinsatz herrschte, wird es wieder heller und klarer. Ähnlich sieht es bei J.J. Adeneuer aus, wo der frisch gebackene Geisenheim-Absolvent Tim Adeneuer zunehmend seine eigenen Ideen umsetzt, und ebenso bei Philipp Nelles vom Weingut Nelles, der mit seiner Kreation 1 Ahr zeigt, wo es für ihn hingehen soll.

Am deutlichsten sieht man die Zukunft vielleicht bei zwei Neugründungen im Ahrtal. Die eine hat 2011 stattgefunden, als Marc Josten und Stefan Klein in Remagen, wo die Ahr in den Rhein fließt, ihr Garagenweingut mit damals 1,8 Hektar gegründet haben. Die Ortswahl war natürlich kein Zufall; denn Josten & Klein bewegen sich nicht nur an der Ahr, sondern auch am Mittelrhein. Das ist besonders zu begrüßen; denn die bebauten Flächen am Mittelrhein sind seit langer Zeit rückläufig und das Traditions-Gebiet hat ein Imageproblem, dem mit Weinen wie jenen von Marc Josten und Stefan Klein nachhaltig entgegengewirkt werden kann. Josten & Kleins Mayschosser Spätburgunder Ahr 2012 war für mich seinerzeit der erste Wein der neuen Generation, vor dem ich meinen Hut gezogen habe. Die Würze, die Frische und die Klarheit in der Furcht haben mir sehr gefallen.

Während Josten & Klein bei Gault & Millau die Entdeckung des Jahres 2013 waren, bekam Julia Bertram den Titel ganz aktuell 2017. Der Titel kam schnell, hat sie doch 2016 gerade erst einmal den zweiten Jahrgang präsentiert. Doch die Entscheider des Gault & Millau lagen goldrichtig. Man merkt Julias Weinen von direkt an, dass sie ihr Handwerk – so heißt auch einer ihrer Weine – versteht. Julia Bertram, deutsche Weinkönigin des Jahres 2012, kommt von der Ahr, versteht die Ahr und schafft etwas Neues. Sie verkörpert die Schlawiner vielleicht am deutlichsten, verbindet das Lustige mit dem Spontanen, das rheinische Fröhliche und das Unkonventionelle mit einer erstaunlichen Klarheit und einem großen Selbstbewusstsein, was den Weg ihrer Weine betrifft. So viel Feinheit und Eleganz, Mineralität und Leichtfüßigkeit bei gleichzeitig innewohnender Komplexität hat man an der Ahr nur selten gefunden. Natürlich, die guten Winzer an der Ahr sind alle Terroir-Winzer. Etwas anderes kann man in den Steillagen des Tals eigentlich gar nicht sein. Doch bei Julia Bertram kommt noch eine Dimension hinzu. Sie entsteht, wenn Unbeschwertheit und die Reduktion auf das absolut Wesentliche zusammentreffen.

Man kann das alles sehr gut probieren, wenn man mit Marc Josten und Julia Bertram, mit Tim Adeneuer und all den anderen Schlahrvino-Winzern gemeinsam über den Rhein schippert oder sie beim Sommerfest besucht. Dann wird deutlich, dass man sich um die Zukunft der Weinregion Ahr keine Sorgen machen muss.


Einige Weine zum Probieren:
Julia Bertram, Spätburgunder Handwerk 2015
Der Pinot Handwerk zeigt exemplarisch, worum es Julia Bertram bei ihrem Burgunder-Stil geht. Der Wein ist hell und klar mit straffer Säure und einer begeisternden Feinheit im Tannin. Der Gutswein hat schon eine erstaunliche Tiefe, zeigt rauchige und steinige Noten, sowohl dunkle Frucht als auch helle Noten, die an Agrumen erinnern und gleichzeitig sehr viel Trinkfluss. Es gibt ihn bei Furore für € 12.90

Josten & Klein, Spätburgunder Mayschoss 2011
Es gibt ihn noch, den Mayschosser Ortswein aus dem ersten Jahrgang von Josten & Klein. Er hat jetzt die richtige Trinkreife. Er zeigt sich dunkler in der Frucht und kerniger im Tannin als der Ortswein von Julia Bertram. Dabei hat er ebenfalls eine angenehm präsente Säure und bietet ebenfalls viel Trinkvergnügen. Es gibt ihn bei Wein Forster für € 16.00

Philipp Nelles, 1 Ahr 2014
Ein kraftvoller und fruchtbetonter, archetypischer Ahrwein vom Schieferboden. Das Holz ist dezent eigesetzt, die Frucht reif und saftig, der Extrakt zeigt leichte Süße. Der 1 Ahr soll ein Markenwein der Ahr werden – auf hohem Niveau. Bei Vicampo für € 24.50

Bildrechte: Jost & Klein; Christoph Raffelt; Andreas Durst

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Christoph Raffelt

Christoph Raffelt ist ein ausgesprochen fleißiger Blogger, Kritiker, Podcaster, Prediger und Dozent in Sachen Wein. Da er auch gerne Gast ist haben wir ihn einfach eingeladen auch für uns zu schreiben.

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