Die Hessische Bergstraße

Das kleinste deutsche Weinbaugebiet glänzt nicht unbedingt durch einen hohen Bekanntheitsgrad. Das mag ein Schicksal kleiner Weinbaugebiete sein. Und wenn ich den Namen Hessische Bergstraße irgendwann erwähne, kommt nicht selten die Frage: Hessische was? Heute können nur wenige dieses Gebiet verorten, obwohl schon die Römer die Hessische Bergstraße als Hauptverkehrsweg genutzt haben und sie via strata montana genannt haben. 

Die geringe Kenntnis mag auch daran liegen, dass ein anderer Name für die Region zwischen Rhein, Neckar und Main bekannter ist, nämlich der Odenwald, mit dem sich die Hessische Bergstraße großenteils deckt. Ein weiterer Grund für die weitgehende Unbekanntheit der Region, die den Kaiser Joseph II. einst zu dem Ausruf „Hier fängt Deutschland an, Italien zu werden“ veranlasste, dürfte die kleine Parzellierung der Anbauflächen sein. Auf den 427 Hektar gibt es 440 Betriebe bzw. Weinbauern. Viele von ihnen haben nicht einmal einen Hektar zur Verfügung und liefern ihre Trauben an eine der beiden Genossenschaften, an Vinum autmundis oder an die Bergsträßer Winzer. Nur wenige Betriebe dürften daher weiter entfernt lebenden Weinfreunden bekannt sein. Dazu gehören etwa die Hessischen Staatsweingüter, die man jedoch eher mit Weinen aus dem Rheingau in Verbindung bringt. Neben ihren Lagen rund um Eberbach verfügen die Staatsweingüter jedoch über weitere Domänen, und eine davon ist das 1904 vom Großherzog von Hessen-Darmstadt gegründete Weingut Domäne Bergstraße, das über 38 Hektar in Bensheim, Heppenheim und Schönberg verfügt. Daneben haben sich das Weingut Simon-Bürkle in Zwingenberg, die Freibergers in Heppenheim und das Weingut Seitz in Bensheim einen Namen gemacht.

Wie nun schafft man Aufmerksamkeit für eine so kleine Weinregion? Welche Besonderheiten weist sie auf? Es gibt eine Anzahl von Winzern, die neben dem notwendigen Qualitätsstreben noch etwas anderes in die Waagschale werfen können: Sie entdecken Schätze in ihrer Region, die man in anderen deutschen Weinregionen so kaum noch findet. Es sind alte Rebsorten, die über Jahrhunderte hinweg Teil der deutschen Weinkultur waren. Diese Rebsorten hat man so gut wie nie reinsortig ausgebaut. Der reinsortige Ausbau war früher nicht üblich, weil Monokulturen u. a. erheblich anfälliger sind als gemischte Bepflanzungen. Die Rebsorten standen also in Gemischten Sätzen. Mit den Veränderungen im Weinberg hin zum reinsortigen Ausbau sowie den groß angelegten Flurbereinigungen, bei denen Weinberge neu angelegt und neu gepflanzt wurden, starben einige dieser Rebsorten aus. Allerdings haben die großen Flurbereinigungen die Hessische Bergstraße teilweise verschont, und genau deshalb gibt es dort noch immer einen Schatz alter Rebsorten.

Einer der Protagonisten, die sich diesen Sorten verschrieben haben, ist Reinhard Antes aus Heppenheim. Dieser Winzer, der im Hauptberuf Reben veredelt, kümmert sich etwa um das Revival des Roten Rieslings. Der Rote Riesling, dessen Beerenhäute sich rot färben, der aber trotzdem einen Weißwein ergibt, stand früher zusammen mit dem uns bekannten weißen Riesling in den üblichen Gemischten Sätzen dieser Region. Lange wurde angenommen, dass der Rote Riesling ein Elternteil des heutigen Standard-Rieslings sei, doch man weiß es heute besser. Er ist eine farbliche Mutation, die allerdings auch für einen anderen Charakter sorgt. Der Rote Riesling aus dem Heppenheimer Eckweg hat eine markante Säure und ist extraktreicher als sein weißes Pendant. Der Bensheimer Winzer Hanno Rothweiler und die schon erwähnten Bergsträßer Winzer haben sich Reinhard Antes angeschlossen, sodass es mittlerweile wieder 20 Hektar des Roten Rieslings gibt. Dieser Riesling ist jedoch nicht die einzige ausgefallene Sorte im Portfolio von Hanno Rothweiler; denn Ehrenfelser, Syrah, Dakapo, St. Laurent, Auxerrois, Gelber Muskateller und weitere Sorten zeugen von seiner auffälligen Experimentierfreude. 

Im Weingarten am Steinkopf, oberhalb von Heppenheim, findet man viele der teils schon ausgestorben geglaubten Rebsorten, die einst die Vielfalt in deutschen Weingärten garantiert haben. Der Heppenheimer Versuchsweingarten wirkt wie ein Heim für Rebwaisenkinder: Dort steht der Weiße Heunisch neben der Putzschere, der Blaue Wildbacher neben dem Affenthaler. Selbst den Zinfandel hat man in den alten Weingärten der Bergstraße wiederentdeckt. Er hat dort schon gestanden, lange bevor er in Kalifornien heimisch wurde. Der Weingarten am Steinkopf ist Teil des Erlebnispfades Stein und Wein, der ebenso eine Reise wert ist wie die alten, sich teils in Rekultivierung befindlichen Steillagen. Projekte wie das der Winzergemeinschaft Feligreno, die den Schutz von Steillagen als Hobby betreibt, sind gar nicht hoch genug zu schätzen. Sie sorgen dafür, dass dem Anbaugebiet Hessische Bergstraße nach und nach wieder mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. 

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Christoph Raffelt

Christoph Raffelt ist ein ausgesprochen fleißiger Blogger, Kritiker, Podcaster, Prediger und Dozent in Sachen Wein. Da er auch gerne Gast ist haben wir ihn einfach eingeladen auch für uns zu schreiben.

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