Die VDP.Weinbörse 2016

Zum 43. Mal veranstaltete der Verband Deutscher Prädikatsweingüter e.V. (VDP) am 24. und 25. April 2016 die Mainzer Weinbörse, die international größte Fachmesse für deutsche Spitzenweine. Die anwesenden VDP-Weingüter gaben einen umfassenden Kollektionsüberblick und präsentierten Weine mit Jahrgangsschwerpunkt 2015, darunter 700 Riesling-Weine.

Die Mainzer Weinbörse ist für alle Tester eine echte Herausforderung, weil es nahezu unmöglich ist, in zwei Tagen 1.500 Weine zu probieren. Gleichwohl gilt es, sich einen möglichst kompakten Eindruck über die dreizehn unterschiedlichen Anbaugebiete und die jeweiligen Tendenzen, wie Witterungsverlauf, Traubenreife und Weinqualität zu verschaffen.

Mosel
Nik Weis, St. Urbanshof, Leiwen beschreibt den Jahrgang als ausdrucksvoll und balanciert: „Die Weine haben von allem sehr viel. Sie sind kräftig, zeigen fruchtige, vom Schiefer geprägte Aromen, gute Säurewerte und extreme Dichte.“ Das merkt man bereits an den trockenen Ortsweinen. Hanno Zilliken vom Weingut Forstmeister Geltz-Zilliken punktet mit seinem Saarburg Riesling „Alte Reben“ trocken. Auch der Brauneberg Riesling Ortswein von Oliver Haag bereitet anregende Trinkfreude, während Clemens Busch mit einem extrem eleganten Riesling Kabinett aus der Lage Marienburg aufwartet. Die Mosel-Kabinette sind in diesem Jahr süffig, saftig und erfrischend spritzig, während wir bei den meisten Spät- und Auslesen ein wenig die einzigartig vibrierende Säure vermissen.

Mittelrhein

Am Mittelrhein macht alles Spaß, was mit fruchtbetonter Süße ausgestattet ist. „Feinherb“ ist hier ein Begriff, der „halbtrocken“ ersetzt, also in der Regel im gesetzlich definierten Bereich liegt. So punktet der feinherbe Riesling Kabinett aus Bacherach von Cecilia Jost mit 14 Gramm ebenso wie ihre feinherbe Spätlese mit 18 Gramm Restzucker. Beide Weine zeichnet eine fruchtbetonte, mineralische Art aus, die sich köstlich mit zurückhaltender Süße und lebhafter Säure verbindet. Die besten trockenen Rieslinge zeigen Ratzenberger und Matthias Müller, wobei letzteres Weingut mit seiner Edition MM aus der Bopparder Lage Feuerlay mit 90g/l Restzucker, 10g/l Säure und komplexer Vielschichtigkeit beeindruckt.

Rheingau
Das Rheingau zeigte sich 2015 als ein Gebiet der Gegensätze. Die Weine von Leitz waren von schlanker Eleganz mit großer Klarheit. Der Jahrgang führte durch die hohen Temperaturen zu Trockenstress im Herbst während der Reife, doch zur Lese hin fügte sich alles zum Guten. Allesamt gibt es 2015 niedrigere Alkoholwerte als in den Vorjahren, auch die GGs werden sich bei 12% einpendeln. Die Weine zeigten sich glockenklar mit einer appetitlichen, reifen Säure. Auch auf dem Weingut Jakob Jung brachte 2015 eine gute Säure mit, was den Weinen präzisen Schliff verleiht. Die Herausforderung für die Winzer in 2015 lag darin, die Weine nicht fett werden zu lassen. Durch den überdurchschnittlich warmen Jahrgang konnte eine frühe Lese aus Furcht vor zu hohen Alkoholwerten im Rheingau aber auch zu Weinen führen, die im Einstiegsbereich teilweise leicht grün anmuteten.
Teils ideale Voraussetzungen für Botrytis sorgten dafür, dass man in 2015 im Rheingau hemmungslos Kabinettchen shoppen kann, die sich als echte, klassische Kabinette und nicht als bolide, heruntergestufte Spätlesen präsentieren. Das gleiche gilt für die Spätlesen.


Franken
In diesem Jahr hat in Franken eindeutig der Silvaner die Nase vorn. Hohe Traubenreife, eine gewisse Markigkeit und eine lebhafte Säurestruktur bescheren den Silvaner-Weinen extreme Süffigkeit und gleichsam Potential. Robert Haller, Bürgerspital freut sich über die charaktervollen Silvaner: „Die Beeren waren klein, es gab hohe Temperaturschwankungen im Herbst, kalte Nächte wechselten mit warmen Tagen. Zudem haben wir sehr viel Zeit in die Weinbergsarbeit investiert und mit der Lese nicht bis zum letzten Tag gewartet.“ Aber auch im Juliusspital, bei Ludwig Knoll, Fürst, Ruck und Schwab stehen trinkige, gut strukturierte Silvaner auf dem Tisch. Unsere Favoriten finden wir allerdings beim Zehnthof Luckert und bei Paul Weltner. Das Weingut May brilliert mit einen herrlich balancierten 2012 Silvaner Sekt brut, dessen Grundweine teilweise im Holz ausgebaut worden sind. Paul Fürst und Bendedikt Baltes, Stadt Klingenberg, zeigen gewohnt großartige Spätburgunder-Kollektionen.

Nahe
Neben hervorragenden trockenen Riesling bietet die Nahe in diesem Jahr extrem delikate Kabinette, ganz vorne der Goldloch Kabinett von Caroline Diel und der Felseneck Kabinett von Tim Fröhlich. Beide Weingüter zeigen eindrucksvolle Kollektionen. Überhaupt machen die Rieslinge der Nahe in diesem Jahr große Freude, Kruger-Rumpf und VDP-Newcomer Joh. Bapt. Schäfer zeigen saftige Rieslinge mit Biss, während Frank und Werner Schönleber die besten trockenen Rieslinge seit langem vorstellen, gerade im Einsteigerbereich ein Quantensprung.

Rheinhessen

Rheinhessen zeigte sich 2015 von seiner strahlenden Seite: Die massive Hitze setzte den Reben nur mäßig zu und Botrytis gab es überwiegend am Roten Hang. Der Neuzugang des VDP Rheinhessens, Weinut Schätzel, brillierte mit seiner Kollektion und überraschte mit dem Plan, in Zukunft mehr Weine restsüß auszubauen. Roter Hang - back to Classics. Dies dürfte garantiert mit dem Erfolg seines restsüßen Kabinetts zusammenhängen, das auch dieses Jahr wieder flirrend-fein die Kelche füllte.
Das Weingut St. Anthony, quasi von Nebenan, brachte ein wuchtiges Pettenthal an den Start sowie einige reifere Flaschen um einen Blick auf die Entwicklung seiner Weine zu bieten. Insbesondere die Pinots und Blaufränkischen dürften mit den letzten Jahrgängen zur roten Spitze Rheinhessens zählen. Auch die Roten von Gutzler überzeugten abermals durch Tiefe und Ausdruck.
Die Weine von Daniel Wagner vom Weingut Wagner-Stempel präsentierten sich präzise und glasklar. Die Sylvaner zeigten sich von ihrer Schokoladenseite, ebenfalls herausragend waren die Ortsweine. Aufgrund der zufrieden stellenden Mengen 2015 gilt als weingutsübergreifende Kaufempfehlung für Rheinhessen: Ortsweine kaufen und weglegen. Gerade in Anbetracht der steten Preiserhöhungen bei den GGs lassen sich Ortsweine im Restaurant preislich gut darstellen als auch für Jahre einlagern und reifen.
Bei den Spitzenerzeugern im Wonnegau gab es erwartungsgemäß Spitzenweine, wobei das Weingut Groebe Jahr für Jahr immer mehr aufschließt und in Westhofens erster Liga mitkickt.

Pfalz

In der Pfalz war 2015 generell gesprochen so, wie es kolportiert wird: Ein Super-Jahrgang, das bedeutet überwiegend warm und ohne nennenswerte Zwischenfälle bei der Lese. Das Lesegut war vollreif und gesund, was allerdings in den Orts- und Lagenweinen teils für prononcierte Alkoholwerte sorgte, auch die Einstiegsweine haben mitunter bereits 13,5-14%.
Das Weingut Kranz aus Ilbesheim lenkt die Aufmerksamkeit seit seiner Aufnahme in den VDP immer stärker in die Südpfalz, weg von der Mittelhardt. Dort produziert es an der kleinen Kalmit terroir geprägte, glockenklare und kristalline Weine, von denen insbesondere den Weissburgundern erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte.
Bürklin-Wolf präsentierte sich 2015 sehr fest mit gutem Trinkzug, von den  Einstiegsweinen zeigte sich insbesondere der Gutsriesling von drahtiger Statur: straff und saftig mit zarter Frucht braucht er zwei Freunde, zwei Gläser und nur 5 Minuten um seine Botschaft zu vermitteln.
Gewohnt puristisch mit gutem Biss zeigten sich auch die Weine von Reichsrat von Buhl. Auch die nördliche Pfalz brachte kerngesundes Lesegut in hinreichenden Mengen in die Keller.

Ahr
An der Ahr lagen die 2015er bei der diesjährigen Präsentation noch im Fass, statt dessen wurden die 2014er vorgestellt, die strukturell eher dem Jahrgang 2012 ähnelten: weiche Frucht, polierte Tannine und zeitige Trinkreife überbrücken das Warten auf die 2015er. „2015 ging uns das Lachen über alle vier Backen“, sagte Alexander Stodden. Der Weg zum Ziel sei zwar steinig gewesen, da der Sommer sehr trocken war, als es im August zu massiven Niederschlägen kam. Dem Spätburgunder war dies egal: Das Lesegut wurde mit tiptop-Reife kerngesund gelesen. Bis die Weine gefüllt werden gibt er vorerst den Blanc de Noir zu trinken. Oder 2014.

Baden
2015 wurde in Baden bereits vor der Lese oft mit dem Hitzejahrgang 2003 verglichen: Temperaturen über 40 Grad und das über Wochen sorgten für streckenweisen Trockenstress. Da Baden jedoch bereits gut entwickelt war steckten die Trauben dies gut weg. Das Weingut Bercher zeigte sich straffer und trockener und insbesondere der Muskateller erhöht die Vorfreude auf die ersten lauen Abende: Prononcierte Frucht mit drahtigem Trinkzug lassen den Schluckwiderstand schnell schwinden. Am Kaiserstuhl schlug das heiße Jahr mit deutlichem Alkohol auch im Einstiegsbereich zu Buche.
Das Weingut Huber präsentierte Weine die eine gekonnte Adaption des burgundischen Prinzips auf der Flasche abbildeten: Präzise Einstiegsqualitäten sowie Ortsweine mit distinktiver Mineralik. Darüber hinaus zeigte nicht nur der Chardonnay von Huber, dass in Punkto deutschem Chardonnay eine neue Zeitrechnung begonnen hat: Nicht mehr die saftige, floral-gelbfruchtige Bauart, sondern immer geschliffene, sehnig-vibrierende Chardonnays rücken auf in die Spitze, nicht nur in Baden, sondern ebenfalls in der Pfalz und Rheinhessen: Thörle, Rings, Kühling-Gillot, Luckert und einige mehr.
Ebenfalls gut gefallen haben uns die Weine von Thomas Seeger, der in den letzten Jahren besonders bei seinen Weißen nochmals einen Gang nach oben geschaltet hat. „So ein Jahr würde ich jederzeit immer wieder nehmen, auch trotz der kleinen Menge“, so Seeger. Perfekter Reifeverlauf und eine zügige Lese sorgten für kerngesundes, mengenmäßig aber eher ertragsschwaches Jahr - dafür mit außerordentlichen Qualitäten.

Württemberg
Jochen Beurer stellt seine Kollektion des Jahrgangs 2014 vor: „Unsere Weine brauchen Zeit.“ Wir werden mit vielschichtigen Rieslingen vom Gipskeuper, Schilf- und Kieselsandstein sowie einem gradlinigen, charaktervollen Sauvignon Blanc belohnt. Auch Markus Drautz hat sich dieser Rebsorte angenommen, neben seinen zwei trockenen Exemplaren hat er sogar eine attraktive Auslese im Programm. Beim Spätburgunden haben Haidle, Aldinger und Ellwanger die Nase vorne, während Graf Neipperg mit einer bestens abgestimmten Lemberger-Pyramide und seinen internationalen Rebsorten-Weinen Merlot und Syrah punktet. In der Disziplin der trockenen Grossen Gewächse zeigen Wachtstetter und Neipperg zwei erstklassige 2013 Lemberger GG‘s, während Aldinger beim trockenen Riesling die Poolposition hält.

Christina Fischer

Christina Fischer

Christina Fischer

Die Sommeliere und Buchautorin Christina Fischer lebt und arbeitet in Köln. Ihre vielseitigen Aktivitäten bündelt sie in ihrer Kölner GENUSS Werkstatt.

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Sebastian Bordthäuser

Sebastian Bordthäuser

sebastian.bordthaeuser

Der studierte Germanist betrat die Sommelierszene als Quereinsteiger. 2012 kürte Falstaff ihn zum Sommelier des Jahres. Er schreibt für Effilee, die Welt am Sonntag, Feinschmecker, BEEF und Vinum.

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