Die WeinPlaces und ihre Schätze: Hidden Treasure Verkostung in Hamburg

Bereits zum dritten Mal fand diese spannende Probe anlässlich der Annoncierung der frisch gekürten „WeinPlaces“ statt. Hidden Treasure meint die unentdeckten Schätze, die in den Kellern der arrivierten WeinPlaces schlummern oder die sie im Laufe des Jahres bei Verkostungen entdeckt haben. Jeder der vinophilen WinePlaces Gastgeber stellt seinen „Hidden Treasure“ der erwartungsvollen Runde vor. Der besondere Tropfen wird blind serviert, die Spannung steigt, gefolgt von knisternder Diskussion über Stilistik, Reifegrad und Herkunft.

WeinPlaces sind gastronomische Kleinode, die anstelle verstaubter Sortimente lustvollen und zeitgemäßen Weingenuss servieren. Dabei steht der Wein im Mittelpunkt. Ein spannendes Angebot trägt genauso dazu bei wie professioneller Service und eine feinsinnige, umfangreiche Beratung durch die Gastgeber. Die Initiative wurde 2014 von Gerolsteiner ins Leben gerufen. Erklärtes Ziel: weinaffine Gastronomen zusammenzuführen und deren Bekanntheit zu fördern. Jedes Jahr werden aus einer Vielzahl an Weinbars, Weinlounges und Vinotheken die besten ausgewählt, die dann von einer fachkundigen Jury zu Gerolsteiner „WeinPlaces“ gekürt werden.

Gelungener Auftakt des diesjährigen Hidden Treasure Tastings ist ein köstlicher Wein des Berliner Gastro-Urgesteins Roy Metzdorf. Der kühle Tropfen brilliert mit zarter Reife, feinen Karamellnoten und anregender Lebhaftigkeit. Alle sind sich einig: das ist Riesling mit köstlicher Dichte, vielschichtiger Balance und angenehmer Frische. Niemand errät den Jahrgang 1997, alle halten den Riesling für ein jüngeres Kaliber. Roy freut sich diebisch: „Da wo andere aufhören, fängt der Mann an.“ Gemeint ist der charismatische Reinhard Löwenstein. „Det is keen klassischer Moselriesling. Det is der einfachste Wein det Weinguts!“ Noch dazu ist es der erste deutsche Wein, den Roy Ende der 1990er Jahre nach einem denkwürdigen Gelage mit einem guten Freund in seinem Berliner „Weinstein“ listete: 1997 Schieferterrassen Riesling, Heymann-Löwenstein, Winningen, Mosel.

Auch der nächste Wein duftet angenehm reif aber wesentlich intensiver und üppiger. Neben klassischen Apfelaromen ist eine lebhafte Säure aber auch ein druckvoller Alkoholgehalt spürbar. Kein Wunder, denn mit 13,5 Volumenprozent und 22 Gramm Restzucker kommt der Riesling zwar lebhaft aber auch reif und üppig rüber. Die Produktionsmenge betrug gerademal 1000 Flaschen, verwendet wurden ausschließlich hochreife Trauben ohne Botrytis. Ziel des Winzers war es, einen Wein zu keltern, wie er vor 100 Jahren gemacht wurde. Vom Mostgewicht fast eine Beerenauslese, blieb dieser füllige, kraftvoll intensive, spontan vergorene Tropfen irgendwann einfach stehen. Die Grundlage bilden 70-80 Jahre alte Rebstöcke aus den Top-Lagen Domherr und Goldtröpfchen. Auch bei diesem Wein fällt es den Sommeliers schwer, den Jahrgang festzulegen. „Riesling ist es auf jeden Fall und er kommt von der Mosel“, attestiert Antonios Askitis, „aus einem warmen Jahr.“ Stimmt, Volltreffer!
Die 2005er Riesling Auslese "Tradition" feinherb vom Weingut Später-Veit, Mosel zeigt zudem eine Typizität, wie sie vielen in dieser Runde noch nicht so häufig begegnet ist. Joachim Fricke, einer der Inhaber des WineLive in Meerbusch, freut sich über seinen Wein: „Damals hatten solche Spitzenweine ein Mostgewicht von 100 – 110 Grad, das musste auf jeden Fall ein gutes Jahr mit vollreifen Trauben ohne Botrytis sein. Der Wein ist mit hohem Druck über einen langen Zeitraum abgepresst worden. Dieser Riesling ist besonders. Er passt in keine Schublade!“

Bis auf die Rebsorte tappen wir beim nächsten Wein alle im Dunkeln. Nina Baumgärtner und Carina Diepenbrock von der Balthasar Ress Weinbar in Wiesbaden zeigen einen feinherben 2014 Rüdesheimer Berg Schlossberg Riesling des gleichnamigen Weinguts, der von der Weinkontrolle aufgrund einer „biologischen Störung“ keine AP-Nummer bekommen hat. Den Alkoholgehalt gibt Weinmacher Dirk Würtz mit 13,5 Volumenprozent, den Restzucker mit ca. 30 Gramm an, was den Verkostern allerdings etwas zu niedrig erscheint. Auf unsere Frage, was sie nun mit dem „feinherben“ Wein aus einer Grossen Lage machen, antworten die beiden lachend: „Selber saufen.“

Der nächste Tropfen prickelt und ist rot! Ein Produkt klassischer Flaschengärung. Das Ausgangsmaterial hat drei Jahre auf der Maische gegoren. Der Alkoholgehalt ist mit 13,5 Volumenprozent angegeben, so schmeckt der Schaumwein auch: reif und fett. Oliver Donnecker von der Frankfurter „Heimat“ entdeckte diesen speziellen Sekt im Vorstadium des Degorgierens und war sofort von dem saftigen, kernigen Charakter überzeugt. Ein ausgesprochen hochwertiger, roter Schaumwein, was es nicht so häufig gibt. 2010 Spätburgunder Sekt "Le 7ème sens" brut nature, Alexander M. Heer, Weinserienaus dem Rheingau besitzt nicht nur Spannung, sondern eignet sich obendrein als guter Essensbegleiter.

Hohe Reife, eine leichte Kellernote, maroder Charme und deutliche Firne. Silvio Nitzsche von der Dresdener WeinKulturBar bezeichnet seinen 1980er Bernkasteler Doctor Riesling Sekt brut des Hauses Deinhard & Co.,Wegeler Erben bewusst als „Grenzgänger“. Die Gruppe murmelt, ist sich unsicher, wittert Kork und Kellernoten. „Diese Diskussion habe ich jeden Tag. Reife Weine präsentieren sich je nach Flasche unterschiedlich.“ Vor einigen Jahren hatte Silvio das Glück einen Keller aufkaufen zu können, der mit vielen sehr alten Weinen gefüllt war. „Hochreife Weine sind ein „punktuelles Erlebnis“, wir können das nicht immer gleich erleben. Jede Flasche ist eine Wundertüte. Durch die Reife, den Korken und die Entwicklung treten Veränderungen ein. Das ist ein Wein, der nicht glänzen, sondern uns aus unserem täglichen Einerlei rausholen und eine spannende Geschichte erzählen soll.“

Lars Mählmann und Dominik Kirchhoff vom „Kleines Jacob“ in Hamburg präsentieren uns mit der trockenen 2014er Riesling "Steingebiss" Spätlese vom Pfälzer Weingut Schneiderfritz ihren Dauerrenner. „Wir sind ständig auf der Suche nach Weingütern, die noch nicht so bekannt sind. Weine, die unseren Gästen Spaß machen und über die wir etwas berichten können.“ Mit gerade mal 12 Volumenprozent präsentiert sich dieser süffig-saftige Riesling ausdrucksvoll, unkompliziert und ausgewogen. Das Weingut Schneiderfritz liegt ca. zehn Kilometer südlich von Landau. Geführt wird es von zwei Brüdern. Der Stil dieses klaren, eher lebhaften und leichten Rieslings mit gerade mal 2,5 Gramm Restzucker und 8 Gramm Säure gefällt nicht nur Lars und Dominik: „Ein Stil, den unsere Gäste mögen.“


Die trockene 2014er Schlossberg Riesling Spätlese vom Weinbau der Lebenshilfe, Bad Dürkheim, hat Melanie Panitze vom Kölner „Wein am Rhein“ ganz bewusst ausgesucht: „Ich habe den Wein nicht mitgebracht, weil ich Euch hinters Licht führen oder einen mega großartigen Wein zeigen wollte, sondern weil es eines meiner wichtigsten Weinerlebnisse war!“ Als Melanie das Weingut der Lebenshilfe besuchte, musste sie lernen, dass es Wichtigeres als Wein gibt. Damals hatte der Winzer keine Zeit für sie. Jan hatte sich unglücklich verliebt und war mit seinem „gebrochenen Herz“ beschäftigt. Beim Projekt „Weinbau der Lebenshilfe“ stehen behinderte Menschen im Fokus, 33 Leute sind dort beschäftigt und bewirtschaften liebevoll uralte Terrassenanlagen. Seit den 1980er Jahren arbeitet man hier biologisch.

Die Gruppe ist sich einig: Kein Riesling! Die Rebsorte des 2014 Sauvignon Blanc „Savage“ von Nico Espenschied aus Rheinhessen wird sofort erkannt. Mehr aber auch nicht. Auf seine unnachahmliche Art beschreibt Gerhard Retter von der Lütjenseer Fischerklause seinen Wein als „anregend rauchig, grün, grasig, extrem lebhaft, vielschichtig mit Guave-, Stachelbeer- und Grünteearomen, trotz der herb anmutenden Gerbstoffe köstlich und erquickend.“ Mit 6 Tagen Maischestandzeit und Ausbau in alten Barriques hätte das Experiment auch ganz anders ausgehen können. Nico Espenschied hat es geschafft, dem Sauvignon neben Struktur und anregendem Biss eine lebhafte Balance mit auf den Weg zu geben. Ganz sicher ein noch jungendlicher „Hidden Treasure“ aber mit Potential für die Zukunft.

Axel Bode, Hausherr des Hamburger „Witwenballs“ serviert der Runde seine persönliche „Leidenschaft“, einen 2013 Grünen Veltliner "Die Leidenschaft" vom Kamptaler Weingut Arndorfer aus Österreich. Der Wein zeigt sich zunächst verschlossen, duftet zu Beginn nach Erdbeerjoghurt und benötigt Sauerstoff. Nach und nach steigt der Duft von Melone, Ananas und fruchtiger Exotik in die Nase. Am Gaumen schmeichelt der Veltliner mit saftiger Cremigkeit, die er vom Ausbau in gebrauchten Barriques bekommen hat. Mit gut sechs Gramm Restzucker und 13,5 Volumenprozent ist der Veltliner einer der kraftvolleren und üppigen Vertreter der heutigen Probe. Axel erwähnt, dass der Wein von Jahr zu Jahr anders ausfällt, mal trockener, mal etwas süßer: „Wir schätzen diesen Grünen Veltliner, weil er sich als geradezu leidenschaftlicher Speisenbegleiter erweist.“  

Beim nächsten Wein ist sich die Gruppe unsicher. Holz ist spürbar, aber was ist das für eine Rebsorte und wo kommt dieser Wein her? Lukas Rüger und Tibor Werzl vom Bochumer „Livingroom“ haben diesen 2014 Freisinn Eins Kerner von Christian Dautel bei ihrem Besuch auf dem Weingut in Württemberg kennengelernt. Der Winzer Christian Dautel bezeichnet den Wein als Experiment. Es ist eine Parzelle, die in den 60er Jahren mit der Rebsorte Kerner bepflanzt wurde. Lukas und Tibor haben nicht geglaubt, „dass man aus dieser Rebsorte solch tolle Weine machen kann.“ Christian Dautel liegt der alte Wingert sehr am Herzen, er geht vorsichtig mit dem Material um, kurze Maischestandzeit und nur gebrauchtes Holz.

Stephan Attmann zeigt stellvertretend für die Leitung des Restaurant Leopolds seinen trockenen 2013er U 500 Forster Riesling von Winning. 2013 ist sein erklärter Lieblingsjahrgang: „Dennoch bin ich erstaunt, dass sich das Holzeinfluss dieses Rieslings im Moment so zurückhaltend präsentiert.“ In der Tat überwiegen zarte Reife, sehr viel Schmelz, angenehme Saftigkeit und köstliche Balance. „Wir benutzen Fuderfässer, in der Regel gebrauchte und ab und zu ein neues Fass. Die Trauben stammen aus der Lage Ungeheuer, der Wein hat drei bis vier Gramm Restzucker und normalerweise ist der Holzfassausbau viel mehr spürbar.“


„Überzeugend lügen ist einer der Hauptaufgaben eines gutes Sommeliers“,
lacht Gerhard Retter, als Antonios Askitis vom Düsseldorfer d‘Vine behauptet, dass er einen Barbaresco eingeschenkt hat. Tatsächlich stammt der einzige Rotwein des heutigen Tages mit dem unaussprechlichen Namen 2012 Gi kai Ouranos Xinomavro, Thymiopoulos, Naoussa, aus Griechenland und bedeutet in der Übersetzung „sauer und schwarz“, was auch nicht wirklich zu leugnen ist. Antonios hat den roten Tropfen etwas kühler servieren lassen, was ihm guttut und ein wenig von seiner etwas pflaumigen, recht fülligen Aromatik ablenkt. Die Trauben wachsen in 350 – 450 Metern auf lehmigen, sandigen Böden mit Schieferverwitterung. „Mich erinnert das an Barbaresco! Ein Rotwein mit Lebhaftigkeit und Biss. Und das ist lediglich die Basisqualität, da geht noch mehr!“ In der Tat ist der knackige Tropfen mit seinen anregenden Tanninen kein bisschen sattmachend, sondern eher lebhaft wohltuend.

Summa sumarum eine interessante Probe mit vielen Unbekannten und einigen Überraschungen. Zurück bleibt die nächtliche Diskussion um den Begriff „Hidden Treasure“ und was ein jeder darunter versteht. Persönlich hätte ich mir ein bisschen mehr Internationalität und nicht ganz soviel Riesling gewünscht. Ich freue mich auf das nächste Jahr, denn solche Proben sind lehrreich, angenehm kurzweilig und sensibilisieren die Verkoster für zukünftige Projekte.

Christina Fischer

Christina Fischer

Christina Fischer

Die Sommeliere und Buchautorin Christina Fischer lebt und arbeitet in Köln. Ihre vielseitigen Aktivitäten bündelt sie in ihrer Kölner GENUSS Werkstatt.

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