Ein Tag bei der Weinlese in der Toskana

Leichte Nebeltupfer liegen noch immer auf den Weinbergen, weiter unten im Tal bemühen sich die etwas größeren Nebelbänke um Auflösung. Der Sommer ist vorbei, auch hier in der Toskana, wiewohl das Wetter tagsüber noch schön ist. Es wird ab dem Mittag noch angenehm warm, aber die Sonne geht recht früh unter und dann wird es frisch. Die Arbeiter sind schon seit halb acht in den Reben, nach und nach sind die Pullover abgelegt worden, denn sobald die morgendliche Kühle vorüber ist, wird es einem schnell warm. Jedenfalls, wenn man so arbeitet wie sie. Training für den ganzen Körper könnte man das Programm nennen: Gehen, bücken, aufstehen, festhalten, zusammendrücken, Gewicht schleppen, hochstemmen. Nur dass solch ein Kurs im Fitnessstudio vielleicht eine Stunde gehen würde. Hier dauert das Prozedere acht Stunden und heißt nicht Body Perfect oder Bauch-Beine-Po, sondern Traubenernte. Und die einzelnen Übungsschritte sind der Beschaffenheit des Weinbergs und dem Ziel geschuldet, die gerade geeigneten Trauben auszuwählen, abzuschneiden, in einem Korb zu sammeln und dann auf den kleinen Anhänger zu verfrachten, der das Lesegut zur nahegelegenen Kellerei fährt. Gerade geeignet heißt: Will man Rosé machen, nimmt man die Sangiovese-Trauben, die noch eine frische Säure enthalten. Geht es wie heute um den Top-Chianti-Classico der Azienda, dann heißt es die bestausgereiften, schönsten Trauben abschneiden, schließlich steckt in „Gran Selezione“ das Wort Auswahl. Diese Kategorie ist vom Consorzio Vino Chianti Classico, dem Verband der Winzer aus dem kontrollierten Herkunftsgebiet (DOCG) in den letzten Jahren noch über dem Basis-Chianti und der Riserva eingeführt worden, um das Prestige der Weine mit dem schwarzen Hahn weiter zu steigern – eine von vielen Maßnahmen, die den Weg zu kräftigeren und gereifteren Weinen geebnet haben.

 

Sangiovese ist nicht die einzige Rebsorte, die im Chianti angebaut wird. Aber der Stellenwert ist ungefähr so wie der des Rieslings im Rheingau. Und die Regeln des Consorzio verlangen, dass mindestens 80 Prozent dieser Rebsorte den Chianti Classico ausmachen. Gelesen wird heute in der Parzelle Sottoleggio. Die Traktorfahrt zur Cantina, der Kelterei des Weingutes Villa Trasqua, über holprige Feldwege dauert nicht lange – gut für die Trauben, schade für den Mitfahrenden. Denn die Aussicht ist spektakulär: Die sanften Hügel der Toskana, auf denen die Reben aufgereiht stehen, hier und da ein Steinhaus, ein paar Zypressen, ein silbrig schimmernder Olivenhain und über allem der blaue Himmel. Dann geht es zur Traubenannahme einmal herum um die Villa, die auf der Spitze des Hügels thront und von deren Turm aus man jeden Winkel der zusammenhängenden Fläche einsehen kann. Letzteres ist ein absolutes Charakteristikum dieser Gegend, dass die Weingärten sich fast immer lückenlos um das Gut herum anordnen und nicht, wie beispielsweise häufig in Deutschland, auf teilweise weit auseinanderliegende Parzellen verteilt sind. Das Lesegut sieht nach seiner kurzen Fahrt auch noch perfekt aus, nachdem es in die keilförmige Edelstahlwanne gerutscht ist, wo es von einer mechanischen Schnecke in den Entrapper befördert wird. Die Berge an Fruchtstielen, die mit der Mistgabel auf den bereitstehenden Hänger gewuchtet werden, ziehen mit ihrem süßlichen Duft eine ganze Armada von Bienen, Wespen und – wann haben wir die zuletzt gesehen – Hornissen an: Ein gutes Zeichen allemal, dass die Mikrofauna hier lebendig ist. Das Weingut ist bio-zertifiziert. Dem in die Hände spielt die Tatsache, dass zu viel Regen und damit verbundene Fäulnis in dieser Gegend glücklicherweise selten ein Risiko darstellen.

 

Von der angenehmen Wärme des toskanischen Spätsommers geht es in die Kühle des Kellers. Der zukünftige Wein, der hier als angepresstes Saft-Schalen-Gemisch, Maische genannt, durch einen dicken Schlauch hereinkommt, muss seinen Weg durch sich windende Edelstahlrohre finden, auf denen sich durch die Kühlung kondensierte Wassertropfen gebildet haben. Von spontaner Vergärung hält man hier nicht so viel und die Reinzuchthefen werden erst später zugesetzt, wenn Most und Schalen schon eine Weile Kontakt hatten. Über alles wird genau und ständig Buch geführt, jetzt gerade, wie hoch der Zuckergehalt des frischen Mostes ist. Während in Deutschland in Grad Öchsle gerechnet wird, heißt das in Italien übliche Maß Babo, das auf die österreichische Klosterneuburger Mostwaage zurückgeht. Taucht man das wie ein Thermometer ausschauende Gerät in einen Zylinder mit Traubensaft, lässt sich die entsprechende Einheit leicht auf der Höhe des Flüssigkeitsspiegels ablesen.

 

Wein machen ist aufwendig, Rotwein – und um den geht es im Chianti fast ausschließlich – ist allerdings besonders arbeitsintensiv. Denn während fortlaufend neues Lesegut angenommen werden muss, gilt es auch das, was schon in den Fässern ist, weiter zu behandeln. Es reicht, wenn Kellermeister Andrea Contarino „Rimontaggio“, Umwälzen, und die Nummer des Fasses nennt, und seine Mitarbeiter wissen, was gemeint ist. So muss der Maischehut, der sich nach einigen Stunden oben im Tank bildet, wieder zurück in den Most befördert werden, damit die Extraktion der wertvollen Farbstoffe und Phenole aus den Traubenschalen weitergehen kann. Most unten ablassen und oben wieder reingeben lautet also die Devise, damit Schalen und Flüssigkeit wieder zueinander finden. Allein das muss zweimal täglich erledigt werden, etwa drei Wochen lang, bevor schonend gepresst und die Schalen und Kerne abgesondert werden.

Die Tage sind anstrengend während der Lese, ab und zu geht mal jemand in die kleine Küche nach oben und bereitet einen Espresso für alle vor. Beliebt sind auch die beiden Feigenbäume am Rande des Olivenhains, die ihre grünlich-gelben und violetten Früchte verschwenderisch von sich strecken.

Währenddessen befestigt Andrea draußen bereits ein paar Scheinwerfer. Die Wettervorhersage, die Reifegrade der Trauben und der Arbeitsplan der Arbeiter im Weinberg machen es notwendig, an diesem Tag bis in die Dunkelheit zu arbeiten. Auch Wochenenden sind nicht tabu. Leonardo, einer der Mitarbeiter, zuckt mit den Schultern. È la vendemmia, sagt er dazu lediglich, während er die Sonnenbrille in das lockige Haar zurückschiebt: Das ist halt so bei der Weinlese.

Gerald Franz

Gerald Franz

gerald.franz

Feuilletonistisches Schreiben. Wein. Erst das eine, dann das andere. Und dann beides zusammen, passt doch perfekt! Auf WeinPlaces gibt es von Gerald ab sofort mehr von dieser Kombination!

Zum Expertenportrait