Eine Frau will nach oben – Bloggerin Mia im first floor

Als ich das Hotel Palace und seinen Aufzug betrete, um in den ersten Stock zu fahren, in dem sich das first floor  befindet, ist mir etwas mulmig zumute. Mann, ist das schick hier! Das Personal ist fein herausgeputzt, alles ist auf Hochglanz poliert und im Fahrstuhl steht ein netter, junger Mann, der die Knöpfchen für mich drückt. 

Und ich stehe hier in meinen pinken Chucks, denen man ansieht, dass sie nicht erst seit gestern in meinem Besitz sind und mit meinem Schmuck, der so echt ist wie mein Vater ein Prinz ist und zippele noch schnell nervös meinen Blazer zurecht, während ich irgendwie merkwürdig erleichtert bin, dass ich wenigstens den vorher noch mit einer Fusselrolle bearbeitet habe. 

Ich bin mit Gunnar Tietz verabredet, dem Chefsommelier des first floor, der gerade als ich ankomme noch im Gespräch ist. „Na hoffentlich ist der nett und guckt nicht auf meine Schuhe!“, denke ich mir während eine nette Bedienung mir ein Gerolsteiner in einem extrem schweren Glas bringt. 

Ich habe ordentlich Respekt in dieser Umgebung, die aussieht und sich anfühlt wie aus einer Hollywoodproduktion. 


Dann kommt Gunnar Tietz und schüttelt mir mit einem Lächeln die Hand. Na, dann wollen wir mal! Ich bin nämlich hier, um mir gemeinsam mit ihm den Weinkeller des first floor anzuschauen – und natürlich, um ihn mit Fragen zu löchern! 

Im Keller - der gar nicht im Keller sondern auf der gleichen Etage ist - angekommen, staune ich erst mal. Hier lagern 12.000-15.000 Flaschen feinster Wein. Und die müssen einmal im Monat gecheckt werden, erzählt mir Tietz. Dass das ein bisschen Zeit in Anspruch nimmt, glaube ich ihm gern. 


Ich gehe herum und bestaune die Flaschen, die sich gut und gern in einer Preisspanne von 50 - 5.000 € bewegen. Eine soll sogar gut 10.000 € wert sein – ein Preissegment, das für mich absolut unglaublich klingt. Auf manchen Flaschen liegt eine dicke Staubschicht und auf mein Nachfragen zaubert Tietz mir die älteste Flasche des Kellers aus dem Regal. Sie ist im Jahre 1819 abgefüllt worden. Dieser Wein ist also älter als meine Uroma! Genau so habe ich mir das vorgestellt.

Gunnar Tietz ist zu Recht sehr stolz auf die Sammlung, die hier zusammengetragen worden ist. Wie die Weine ausgewählt werden, die hier landen? Er erklärt mir, dass er bemüht ist, dass immer eine schöne Bandbreite vertreten ist. Der Wein wird aus verschiedenen Regionen zusammengestellt und wenn z.B. mal wenig Wein aus Österreich im Keller ist, „dann muss ich mal nach Österreich!“, so Tietz. Denn so gut es geht werden die Weine persönlich getestet. 

Natürlich erfahre ich hier auch einiges über die perfekte Lagerung von Wein.Dunkel, trocken und kühl sind das Erfolgstrio, wenn man lange Freude an seinem Wein haben will. Wie lange man ihn lagern kann, hängt immer individuell vom Wein ab – generell kann man aber sagen, dass roter Wein länger als weißer gelagert werden kann. Ob die Flaschen nun liegend oder stehend gelagert werden, sei nach neuesten Erkenntnissen egal. Hier liegen die Flaschen jedoch. Allein der Übersichtlichkeit wegen ist es so viel praktischer! 

Was ich mich natürlich direkt Frage: Wie findet man in so einer riesigen Auswahl an Flaschen den Wein, der besonders gut zu einem bestimmten Essen passt? Generell geht man beim Essen von wenig Alkohol zu viel und von leichten Weinen zu schwereren Weinen. Zu dunklem Fleisch passt meistens eher ein roter Wein, zu Fisch und Gemüsegerichten ein weißer. Den Rest, also das Finetuning, macht dann die Erfahrung. Wenn man viele Weine probiert hat, bekommt man irgendwann ein Gefühl dafür. 


„Aber woher weiß ich, welcher Wein gut ist, wenn ich noch nicht so viel Erfahrung habe?“, frage ich Gunnar Tietz. Er lacht und sagt: „Ganz einfach: einen Kenner fragen!“. In anderen Fällen sucht man ja auch den Rat eines Fachmanns, wenn man selbst nicht genau Bescheid weiß. Recht hat er! Von Weinen, die unter 5 € kosten, ist übrigens generell eher abzuraten. Produktion, Marge und Händler kosten Geld und am Ende kann von den 5 € nicht mehr viel für die Qualität des Weins übrig geblieben sein. 


Während Tietz mir die eine oder andere Anekdote aus dem Dasein eines Chefsommeliers erzählt, merke ich, wie ich meine anfängliche Scheu komplett verloren habe, weil das Gespräch so locker und entspannt ist. Wir plaudern und lachen und nebenbei fotografiere ich ein bisschen und dann ist die Zeit auch schon um. „Nett war's!“, denke ich, während ich wieder die Hand von Gunnar Tietz schüttele und frage, ob ich noch schnell ein Bild seiner hübschen Anstecknadel machen darf. Vielen Dank für das nette Gespräch! Sollte es mich jemals wieder ins first floor verschlagen, werde ich mich bestimmt nicht mehr unwohl fühlen! 

Küchenchaotin

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Mirja Hoechst

Mirja Hoechst ist leidenschaftliche Food-Bloggerin. Auf kuechenchaotin.de schreibt sie über alles, was ihr kulinarisch am Herzen liegt. Für WeinPlaces geht sie einmal im Monat auf Entdeckungsreise in die Welt des Weins.

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