Elbling, Silvaner & ein 100. Geburtstag – weiße deutsche Rebsorten

Elbling, Silvaner & ein 100. Geburtstag
Die weißen Rebsorten in Deutschland

Deutschland gehört bekanntlich zu den nördlichsten Weinbaugebieten der Welt. Das hat zur Folge, dass das Weinbauland vor allem von weißen Sorten geprägt wird, die mit kühlen Temperaturen weit besser zu Recht kommen, als viele rote Rebsorten. Zwei Drittel der Anbaufläche sind weiß, allerdings mit fallender Tendenz denn mit dem Klimawandel, der im Weinbau stark zu spüren ist, verändern sich auch die Möglichkeiten. Syrah zum Beispiel, hätte noch vor wenigen Jahrzehnten in der Pfalz keine Chance gehabt. Heute jedoch entstehen dort in guten Jahren einige ganz außergewöhnlich gute Syrah.

Als Land in der Mitte Europas profitiert unsere Heimat seit jeher von einem starken Warenverkehr und einem Austausch mit den Anrainerstaaten. So wie fertige Produkte – in diesem Fall der Wein – seit Jahrhunderten im- und exportiert werden, wurden immer auch Rebstöcke ausgetauscht und kam häufig im Zuge von Kriegen und veränderten Herrschaftsverhältnissen ins Land. Eines der wichtigsten frühen Beispiele ist der Einfluss der fränkischen Könige und der burgundischen Klöster. So wird Karl dem Großen (747-814) zugeschrieben, dass er den ersten Weinberg im Rheingau hat anlegen lassen. Mit Karl dem Großen kam der kirchliche Orden der Benediktiner, der neben dem der Zisterzienser zu den größten Weinbergsbesitzern Europas zählte. Von Cluny im Burgund aus bildete der Orden große Besitzungen, bewirtschaftete nicht nur über 500 Hektar in Gevrey-Chambertin sondern beispielsweise das Kloster St. Maxim (heute Maxim Grünhaus Schlosskellerei C. von Schubert) in Trier mit über 74 Weinbergen entlang Mosel, Saar und Ruwer oder auch das Schloss Johannisberg im Rheingau. Mit den Kaisern und den Klöstern kamen also immer wieder neue Rebsorten, die sich mit alten Beständen vermischten.

Der Gemischte Satz

Typisch für diese Zeit bis weit ins 19. Jahrhundert hinein war der Gemischte Satz. Bei diesem Mischsatz wurde eine Anzahl verschiedener Rebsorten gemeinsam und durchmischt im Weinberg angebaut, gemeinsam geerntet und vergoren. Tatsächlich gelten diese Mischsätze im Weinberg als widerstandsfähiger und ein wenig unabhängiger vom Jahresklima. Zum einen ist der Wein ja eine Monokultur, die entsprechend krankheitsanfällig ist. Dies wird durch den Anbau verschiedener Sorten ein wenig aufgehoben. Zum Anderen war es wichtig, dass Rebsorten unterschiedliche Reifeperioden haben und man mit dem Gemischten Satz immer einen Ausgleich erzielen konnte zwischen früh-, mittel- und spätreifenden Sorten. Der bekannteste gemischte Satz ist der Alte Fränkische Satz, der sich bis heute in verschiedenen Weingärten erhalten hat. Manche dieser Weinberge sind über 150 Jahre alt und bilden die alte Anbauweise noch genau ab. Man hat lange Zeit in zwei Qualitäten unterschieden. Im Huntsch (vinum hunicum) wurden die einfachen sehr säurereichen Rebsorten verarbeitet und vom Volk konsumiert. Im Frentsch (vinum francium) wurden die höherwertigen und arbeitsintensiveren Sorten verarbeitet und oft als Zehnter an den Lehnsherrn abgegeben. Zu den im Alten Satz enthalten Sorten gehören beispielsweise der Adelfränkisch, der weiße Heunisch, der weiße Elbling und weiße Lagler, der Kleinberger, der Bukettsilvaner, der Traminer, die Geisdutte der grüne, blaue, gelbe und rote Silvaner, der Riesling, der Gewürztraminer, der gelbe Muskateller und der weiße, graue und späte Burgunder.

Alte Rebsorten

In den gemischten Sätzen sind eine ganze Reihe von Rebsorten enthalten, die heute so gut wie gar nicht mehr angebaut werden. Seit dem Hochmittelalter, als ca. 400.000 Hektar und Reben standen und der Wein nur in seltenen Fälle ein Genussmittel, viel häufiger jedoch mangels sauberen Wassers ein Lebensmittel war, hat sich der Anbau deutlich auf ein gutes Viertel verkleinert. Damit sind einige allzu säurestarke und einfache Sorten verschwunden. Nicht zuletzt auch deshalb, weil nach der Reblauskatastrophe im 19. Jahrhundert ganze Landstriche neu gepflanzt werden mussten und man sich dort auf die vermeintlich besten Sorten reduzierte. Zudem kam der gemischte Satz mit dem Aufkommen neuer Methoden im Weinberg (chemischer Dünger und erste Pflanzenschutzmittel) aus der Mode und damit eben auch manche Säurespender. Eine Rebsorte, die zu den ältesten Sorten in Europa zählt und eine der Elternsorten vieler berühmten Rebsorten ist, findet man nur noch ganz selten in deutschen Weinbergen. Der Weiße Heunisch war bis ins 19. Jahrhundert auf Grund seiner Ertragsstärke und dem späten Austrieb, der ihn unempfindlich gegen Spätfröste machte, die wichtigste weiße Sorte Mitteleuropas. Doch letztlich war sie ein Arbeitstier, schmeckte dünn, sauer, frucht- und extraktarm. Wie wichtig sie dennoch war, sieht man, wenn man auf die Liste ihrer Nachkommen schaut. Die Sorte, die im Französischen Gouais Blanc heißt, hat den Chardonnay hervorgebracht, Aligoté, Auxerrois, Blaufränkisch, Riesling, den Elbling und viele mehr. Der Weiße Elbling gehört zu den ältesten angebauten weißen deutschen Rebsorten. Das kann man allein schon daran erkennen, dass es über 120 Synonyme (unter anderem Großriesling, Grüner Heunisch, Schuldenzahler)für diese Rebsorte gibt, die heute vor allem an der Obermosel und in Sachsen angebaut wird. Zum ersten Mal erwähnt wurde sie 1483 als Aelbinen im Kloster Bebenhausen bei Stuttgart. Als Rebsorte, die ein mittleres Reifefenster hat, war ihre Reife im Gemischten Satz oftmals ausschlaggebend für den Lesezeitpunkt. Heute belegt sie in der Statistik der angebauten Rebsorten den 24. Platz.

Ähnlich alt ist der Silvaner, der heute fast ausschließlich in Deutschland, und zwar vor allem in Franken und Rheinhessen vorkommt, ursprünglich aber eine österreichische Rebsorte ist. Sie wurde nicht nur bei ihrer ersten Erwähnung im Jahre 1665 im fränkischen Steigerwald als "Östareiche Rebe" bezeichnet und hat bis heut ein Franken das Synonym Österreicher. Auch DNA-Analysen belegen, dass sie eine Kreuzung zwischen Traminer und Österreichisch-Weiß ist. Bis in die 1990er Jahre lag die Sorte, die eher durch vegetabile Noten denn durch pure Frucht auf sich aufmerksam macht, in der Hektarzahl noch vor dem Riesling. Sie macht heute in ihren unterschiedlichen Spielarten jedoch nur noch ein Viertel der 22.000 Hektar Riesling aus. Meist hat man es mit dem Grünen Silvaner zu tun, wobei auch der Blaue Silvaner hier und da anzutreffen ist und noch mal eine ganz eigene Würze mit ins Spiel bringt.

Seltener findet man den Traminer, einer der europäischen Ursorten, und den Badischen Gutedel, der auf der anderen Seite der Grenze Chasselas genannt wird. Der große Gewinner unter den „deutschsprachigen“ Rebsorten der Riesling. Es gibt die Sage, dass die Qualität dieser Rebsorte erst durch Zufall im Jahr 1775 auf Schloss Johannisberg erkannt wurde, als man den Riesling zu spät geerntet hat und bemerkte, dass die Fäule, die die Trauben ergriffen hatte, einen bemerkenswert guten Wein hervorbrachte. Riesling neigt zur Edelfäule. Wird die daraus resultierende Süße in Einklang mit den hohen Säurewerten gebracht, entsteht ein besonderer Wein. Möglichweise war dies den meisten vorher nicht klar denn tatsächlich gibt es folgende Aussage, die noch aus dem Jahr 1747 stammt: „Im Rhingau haben sie: Gutedel und Elbling als beste Sorte, Heinisch als Mittelgattung und Rußling als die schlechteste der Trauben.“ Man mochte also den Riesling nicht sonderlich ob seiner hohen Säurewerte – zumal, wenn man ihn zu früh gelesen hat. Heute hat der Riesling in Deutschland den besten Ruf aller Rebsorten, ist die meist angebaute Rebsorte und wird als Sekt, trocken bis süß und edelsüß ausgebaut.

Neue Sorten


Im Laufe der Jahrhunderte entstehen in Wildmutationen immer wieder neue Rebsorten. So hat sich der Grauburgunder irgendwann aus dem Spätburgunder entwickelt und der Weißburgunder aus dem Grauburgunder. Obwohl sich die drei Rebsorten farblich, geschmacklich und darüber hinaus stark unterscheiden, sind sie doch genetisch identisch. Neben diesen zufälligen Mutationen kann jedoch auch nachgeholfen werden, indem innerhalb einer Sorte bestimmte Klone vervielfältigt werden, so  dass es beispielsweise beim Chardonnay besonders hochwertige, säurestarke kleinbeerige Sorten gibt und solche, die für den Massenkonsum gezüchtet werden, wo Wert gelegt wird auf hohen Ertrag und große Beeren.
Es kann jedoch auch gekreuzt werden, so dass gänzlich neue Sorten entstehen. Unter den zehn am häufigsten angebauten weißen Rebsorten befinden sich vier Neuzüchtungen.Die mit Abstand bekannteste ist der Müller-Thurgau, den man heute auch oft unter dem Namen Rivaner findet. Gezüchtet wurde er 1882 an der damals noch königlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Obst- und Weinbau in Geisenheim, der wichtigsten Anstalt dieser Art in Deutschland. Der Schweizer Züchter Dr. Hermann Müller-Thurgau hat damals Riesling & Madeleine Royale gekreuzt (bis vor wenigen Jahren ging man von Riesling x Silvaner aus), um eine ertragsstarke, wenig anfällige Sorte zu erhalten, die eine frühe Reifezeit aufweist und die Besondere Fruchtigkeit des Rieslings behalten sollte. Müller-Thurgau wurde von 1975 bis 1995 die wichtigste Rebsorte in Deutschland und verdrängte selbst in renommierten Lagen oftmals den Riesling. Die Sorte symbolisiert ein wenig das dunkle Kapitel des deutschen Weinbaus, indem fast alle nur noch auf Masse statt Klasse gesetzt haben. Heute, wo der Müller-Thurgau nicht mehr nur Ertrag sondern gute Weine hervorbringen soll, findet man wieder sehr schöne Exemplare mit viel Frucht und Frische – ein Wein, der vor allem jung getrunken wird. Im Jahre 1999 wurden noch 23.000 Hektar mit der Sorte bewirtschaftet. Heute sind es gerade noch 12.000 – eine vernüftiges Maß für diese Sorte.

Die Sorten Kerner und Bacchus stehen im Sortenspiegel bis heute erstaunlich weit oben, nämlich an Stelle sechs und sieben. Auch diese Sorten sind Neuzüchtungen aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert und den 1920er Jahren. Die beiden Sorten haben es jedoch nie zu Ruhm und Ehre gebracht und werden meist als Verschnittpartner in einfachen Weißweinen verwendet.

Ein runder Geburtstag

Anders verhält es sich mit der Scheurebe, die 1916 im rheinhessischen Alzey von Georg Scheu gezüchtet wurde und in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag feiert. Die aromatische Sorte wurde aus dem Riesling und der Bukettrebe gezüchtet wurde, wobei die Bukettrebe schon eine Kreuzung aus Silvaner und Schiava Grossa (Trollinger) war. Während die Bukettrebe heute nicht mehr vorkommt, findet man die Scheu, wie sie von ihren Liebhabern gerne genannt wird, vor allem in fränkischen und rheinhessischen Weingärten und auch in Österreich. Sie wird auf Grund ihrer Cassis-Aromatik samt tropischer Noten gerne als Alternative zum Sauvignon Blanc verwendet und sowohl in Deutschland als auch in Österreich als Beeren- und Trockenbeerenauslese ausgebaut.

Pilzwiderstandsfähige Sorten

Neben französischen Sorten wie Chardonnay und Sauvignon Blanc, die einem weltweiten Trend folgend auch in Deutschland immer mehr Raum einnehmen, beschäftigen sich die Züchter vor allem mit Sorten, die resistent oder zumindest besonders widerstandsfähig gegen Pilzbefall sind. Echter oder falscher Mehltau sind die große Probleme in kühlen, regenreichen Weinbaugebieten, gegen die viel Chemie oder Kupfer gespritzt werden muss. Gerade im biologisch-organischen Weinbau finden diese Sorten immer mehr Beachtung. Teils sind sie bestehenden Geschmacksmustern nachgeahmt. So erinnert die Neuzüchtung Cabernet Blanc an Sauvignon Blanc. Teils gibt es jedoch auch bemerkenswerte eigenständige Neuzüchtungen, von denen der Johanniter einer der vielversprechendsten ist.

Fazit

Die deutschen Weinbaugebiete verfügen nicht über den Fundus dutzender autochthoner Rebsorten, wie es zum Beispiel in Italien der Fall ist. Doch gibt es einige wenige Sorten, die von hier stammen oder seit vielen Jahrhunderten hier beheimatet sind, die große Weine hervorbringen und Deutschland zu einem der wichtigsten Weißwein Anbaugebiete der Welt gemacht haben. Bei renommierten Züchtern wird immer weiter geforscht um neue Sorten zu entwickeln während manche Winzer wieder ganz zurück zu den Wurzeln gehen und versuchen, möglichst altes Rebmaterial zu finden um alte Sorten wieder zu beleben und sie in die Zukunft hinüberzuretten. Neben den Global Playern Chardonnay und Sauvignon Blanc hat sich hier eine ganz eigenständige Weinkultur erhalten. Silvaner aus Franken, Scheureben aus Rheinhessen und Rieslinge, um nur einige zu nennen, haben einen so ausgeprägten Charakter, dass sie sicher immer einzigartig bleiben werden.

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Christoph Raffelt

Christoph Raffelt ist ein ausgesprochen fleißiger Blogger, Kritiker, Podcaster, Prediger und Dozent in Sachen Wein. Da er auch gerne Gast ist haben wir ihn einfach eingeladen auch für uns zu schreiben.

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