Genuss und Netzwerken: Drei Tage ProWein

ProWein 2016 - Das Nachbeben

Das offizielle Messefeedback erschien genau einen Tag nach dem Ende der diesjährigen ProWein. Nie gab es mehr Besucher, mehr Aussteller, mehr Zuwachs. Eine Messe der Superlative, es geht kaum mehr Fettdruck, rot unterstrichen und Ausrufezeichen, um den sensationellen Erfolg der 22. ProWein in eine Mitteilung zu packen: Über 55.000 Fachbesucher probierten sich drei Tage lang durch insgesamt neun Hallen mit über 6.200 Ausstellern aus allen relevanten Weinregionen des Planeten, 59 an der Zahl, Schnaps und Sake nicht mit eingerechnet. Die Besucher stammen mittlerweile zur Hälfte aus dem Ausland, exakt 126 Nationen waren dieses Jahr vertreten, wobei die Gästezahlen aus Asien spürbar zugenommen haben.

Auf Seiten der Aussteller lag Italien vorne, gefolgt von Frankreich, Deutschland, Spanien, Österreich, Portugal und Übersee. Damit liegt Europa, die „alte Welt“, klar in Führung, was die Qualität des Programms der „Neuen Welt“ nicht im Geringsten schmälerte. Die Weine der Aussteller aus den USA, Australien, Neuseeland und Südafrika waren durchweg im Oberen bis Spitzensegment angesiedelt.

Doch wie sieht es hinter den Zahlen, den Superlativen aus? Wie gestalten sich drei Tage auf der Messe fernab der Statistiken?

Der Auftakt war zunächst ein wenig beeinträchtigt was den öffentlichen Nahverkehr anging. Messe und ein nachgeholter Rosenmontagszug am Sonntag fielen auf einen Tag und sorgten für reichhaltige Reibungsfläche zwischen rheinischem Frohsinn und exakter, straff getakteter Messeagenda. Die U78 zur Messe stand mehr als dass sie fuhr und sorgte so blank liegende Nerven, was schon mal zur handfesten Rangelei führen konnte, denn auf Messen tritt die Zeit bekanntlich besonders hochgerüstet auf, fast wie auf Flughäfen.

Was auffällt

Mehr Gäste und mehr Aussteller brauchen mehr Platz, und so war der Umzug in die größeren Hallen vor zwei Jahren letztlich die logisch Konsequenz aus den jährlich steigenden Zahlen. Dennoch ist der steigende Zustrom spürbar, besonders ab dem Nachmittag, wenn ein Teil der Besucher bereits gut probiert hat und die Koordination im öffentlichen Raum sich etwas umständlicher gestaltet.

Die ProWein hat sich zur größten und bedeutendsten Wein-Messe der Welt etabliert und sowohl die Vinexpo in Bordeaux als auch die Vinitaly in Verona abgehängt. Sie ist die Messe mit den meisten Entscheidern, es werden wirklich Geschäfte gemacht, Märkte abgesteckt, Claims gesichert.
Das führte dazu, dass ihr erfolgreiches Konzept quasi als Roadshow erweitert wurde und direkt im Anschluss in Singapur und im Spätherbst in Shanghai wiederholt wird. Asien ist folglich der Markt mit dem größten Expansionspotential, was diese beiden Konzepte als auch die Besucherzahlen aus dem Ostasiatischen Raum belegen. Nach dem initialen Boom der großen Chateaus und teuren Burgunder vor einigen Jahren etabliert sich eine Weinkultur, die mehr und mehr Freunde findet.

Die Sommelier-Schulen in Hong-Kong, Taipeh und Tokio sind gut gefüllt, Weinbars sprießen allen Ortes aus dem Boden und es entsteht eine neue Schicht an jungen, interessierten Weintrinkern, die gut versorgt sein wollen. Da es in Asien das Konzept der Begleitung von Speisen durch Getränke und den Wein im speziellen bislang nicht gab eröffnet diese Entwicklung ungeahnte Perspektiven auf den asiatischen Märkten.

Was gibt’s Neues?

Die Öffnungszeiten sind verschoben worden, um eine ganze Stunde nach hinten. Statt um 18 Uhr schließt die Messe seit diesem Jahr erst um 19 Uhr ihre Pforten – dafür muss man auch erst um zehn auf der Matte stehen. Eine weitere Auffälligkeit ist, dass die Gemeinschaftsstände  deutlich zu nehmen. Mehr und mehr junge Winzer schließen sich zusammen und präsentieren ihre Weine gemeinsam in hübsch hergerichteten, hippen Ständen, die teils an urbane Trendrestaurants erinnern. Es läuft gute Musik, die Atmosphäre ist entspannt bis sehr locker und es wird gerne auch mal ein Bier getrunken. Überhaupt scheint sich die Weinwelt zu öffnen: Bier hat generellen Einzug in die heiligen Hallen des Weines erhalten, und an mehr und mehr Ständen werden nach Feierabend Fäßchen angestochen oder neue Bierprojekte vorgestellt.

Was ausbleibt

Dank der verschärften Einlasspolitik ist der generelle Level Volltrunkener für mein Empfinden angenehm zurück gegangen. Dafür ist an der gastronomischen Situation auf der Messe noch viel zu verbessern, denn eine halbwegs zufrieden stellende Verpflegung ist immer noch Mangelware, man hangelt sich von Salami zu Weißbrot oder muss sich 45 Minuten für einen Backfisch anstellen. Eine klassische Situation für das traditionelle Pausenbrot, doch wer hat als Zugereister Gast schon seine Butterbrotdose dabei?
Auch die Fragen nach dem vermeintlichen neuen Superjahrgang 2015 konnten gustatorisch bislang nicht verifiziert werden. Zu früh im Jahr findet die Messe statt, als das man ernsthaft zu junge, ungefüllte oder grade eben gefüllte und somit füllkranke Weine probieren kann, um sich ein adäquates Bild zu verschaffen.

Was kommt

Die Frage nach generellen Trends stellt sich auf der ProWein schon länger nicht mehr, dafür gibt es zu viele Trends, die ihre eigenen Nischen bilden, aufbauen, pflegen und erfolgreich vermarkten.
Insbesondere biologisch angebaut und produzierte Weine genießen momentan eine gesteigerte Aufmerksamkeit, was sich auch an Satelliten Veranstaltungen vor, neben oder nach der Messe ausdrückt. Die Veranstaltung La Renaissance des Apellations genießt mittlerweile bereits Kultcharakter wenn es um biologische oder biodynamische Weine geht. Doch auf der Messe selbst nehmen Beiträge zu dem Thema und gesonderte Verkostungszonen immer mehr Raum ein. In Köln widmete sich eine Messe am Samstag und ProWein Sonntag alleine den Vin Naturels und griff einen guten Schwung an Messebesuchern so bereits im Vorlauf ab.

Auch die Präsentationen auf der Messe werden von Jahr zu Jahr hochkarätiger: Das Who is Who der europäischen Weinszene gibt sich die Klinke in die Hand, Top-Sommeliers moderieren allen Ortes geführte Verkostungen von Rumänien über Griechenland, von der Türkei bis nach Brasilien. Alte Grenzen verwischen und es entsteht generell der Eindruck (wenn man die Deutschlandhallen mal verlässt), dass die Weinwelt wieder enger zusammen rückt. Es wird anders, offener probiert: Erntete man vor ein paar Jahren noch ein Schulterzucken werden heute Weine aus Moldavien, Georgien, England oder Thailand mit einer neuen Selbstverständlichkeit verkostet.


Was eigentlich geht

Kein anderes Business funktioniert wahrscheinlich so stark über persönliche Bindungen wie das Weinbusiness. Es gibt mehr Wein als je zuvor, warum sollte man sich also mit schlechten Partnern quälen? Und so treffen sich Händler, Kunden Produzenten und Vertriebler abends in der Stadt, um diese wortwörtlich aus allen Nähten platzen zu lassen. Seit 10 Jahren gibt es das abendliche Rahmenprogramm ProWein goes City, welches Weinbars, Restaurants, Brauhäuser etc. umfasst. Ein guter Freund und Kollege meinte, die eigentliche Messe findet nach 19 Uhr in der Stadt statt, die Messe selbst sei nur ein Regulativ um zu sehen, wie ernst man es damit nähme, ganz nach japanischem Beispiel: Wer Abends hart feiert, hat morgens trotzdem pünktlich im Büro zu sein.

Eigentlich sind drei Tage viel zu kurz für die Masse an ausgestellten Weinen, Seminaren, Vorträgen und Verkostungen. Man benötigt also ein vorher zurecht gelegtes Programm, falls man sich nicht verlieren will in der Vielheit der Möglichkeiten der Messe. Doch andererseits sind drei Tage auch bei konsequentem Spucken und eiserner Disziplin ein Marathon, den wahrscheinlich keiner freiwillig einen weiteren Tag absolvieren würde. Und so winken wir den Kollegen, die wir nur einmal im Jahr sehen und trösten uns, denn nach der ProWein ist vor der ProWein - und was in Düsseldorf passiert, bleibt in Düsseldorf. Mit oder ohne Karneval.

Sebastian Bordthäuser

Sebastian Bordthäuser

sebastian.bordthaeuser

Der studierte Germanist betrat die Sommelierszene als Quereinsteiger. 2012 kürte Falstaff ihn zum Sommelier des Jahres. Er schreibt für Effilee, die Welt am Sonntag, Feinschmecker, BEEF und Vinum.

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