Herrlich mineralisch! Ein Trink-Trend und was dahinter steckt

Dieser Artikel stammt aus dem WeinPlaces-Archiv und wurde ursprünglich am 11. Januar 2016 veröffentlicht.

 

Mineralisch schmeckende Weine sind der Hit. Schon das Wort weckt Assoziationen von nassem Gebirgsbachkiesel und totaler Coolness. Mit dem Boden, auf dem so ein Wein gewachsen ist, hat das alles aber nichts zu tun. Sondern mit reiner Chemie und was die mit dem Menschen macht. Eine Ernüchterung.

„Hmmm – dieser Wein schmeckt herrlich mineralisch!“ Verzeihen Sie bitte: Wenn Sie mit diesem Text fertig sind, werden Sie sich ein mildes Lächeln nicht verkneifen können. Und zwar jedes Mal, wenn Sie diesen Satz hören.

Cordobar

Wie selbstverständlich hat sich der Begriff Mineralik in unsere Weinsprache gemischt. Sprüche wie „Was für ein herrlicher Schieferton“ ist schon an jedem zweiten Restauranttisch zu hören. 

Es ist dringend Zeit, diese Frage zu stellen: Kann man das Bodengestein, zwischen dem die Reben wachsen, im fertigen Wein schmecken? Die harte Antwort lautet: Nein. Es ist völlig unmöglich, dass Mineralstoffe aus Gestein in wahrnehmbarer Menge durch die Rebwurzeln in die Trauben wandern. Punkt.

Wohlgemerkt: Hier geht es nicht um die Begrifflichkeit von Terroir. Das wurde schon an anderer Stelle behandelt. Oder die vermeintlich wichtige Unterscheidung zwischen wilden Weinbergshefen und solchen aus der Tüte.

Dieses Thema wiederum ist inzwischen ideologisch gefährlich aufgeladen aber mit Hilfe der Wissenschaft leicht zu klären. Machen wir ein anderes Mal. Versprochen.

Nein, hier geht es um Mineralik oder Mineralität oder wie man dieses (im wahrsten Sinne) frische neue Ding in der Weinwelt nennen will. 

Ja, manche Weine riechen kalkig. Schmecken nach nassem Stein. Oder Feuerstein, Schiefer, Granit, Lavabrocken und allem, was das Lapidarium unserer schönen Erdkruste so hergibt. Es ist jedoch unbestritten, dass kein einziger Gesteinsbestandteil die Wanderung aus dem Boden ins Glas schafft.

Mineralik im Glas ist eine hübsche Illusion

Jede Illusionen nährt sich aus der Realität. Und dieser Wirklichkeit gehen wir jetzt mit freundlicher Unterstützung der Naturwissenschaften auf den Grund.

Klar ist: Mineralien (also Nährstoffe und Spurenelemente) werden als flüssige Lösung von der Rebe durch die Wurzeln aufgenommen. Aus dem Chemiebaukasten der Natur sind das vor allem Kalium, Natrium, Calcium, Magnesium, Phosphor, Schwefel, Stickstoff und Chlor. Das meiste davon kommt aus abgebauten Pflanzen oder zugeführtem Dünger. Schwefel und Chlor kommen hauptsächlich aus der Luft und gelangen mit dem Regen in den Boden. Und die Steine? Vergesst es.

Nichts davon kann man im Wein schmecken. Dafür ist die Konzentration von alldem viel zu gering und die meisten Stoffe per se sowieso geschmacksfrei. 

Aber es gibt andere durch Mineralstoffe hervorgerufenen Eindrücke im wahrnehmbaren Bereich: Weichheit oder Härte (je nach Calcium- und Magnesium-Gehalt) und die sogenannte Adstringenz. Diese Empfindungen jedoch handelt die Weinwelt sehr zutreffend mit der Wortschöpfung „Mundgefühl“ ab. In deutlicher Abgrenzung zum Geschmack.

Und jetzt kommt der Kracher: Die als „mineralisch“ bezeichneten Geschmacksempfindungen kommen immer vom Salz. Das hat man im Zuge von Mineralwasser-Verkostungen festgestellt. Dort geht das nämlich viel leichter als beim Wein, denn Oxidationsprodukte sowie Hefe-Aromen spielen in einer Flasche Gerolsteiner begreiflicherweise gar keine Rolle. Solange nichts heimlich hineingekippt wurde…

Zusammengefasst: Von allen Mineralstoffen kann man im Wein nur Salz (Natriumchlorid) schmecken. Kein Wunder, es ist das wichtigste Mineral für den Menschen. Der Körper eines Erwachsenen enthält 150 bis 300 Gramm Natriumchlorid. Drei bis 20 Gramm davon gehen täglich verloren und müssen ersetzt werden. Deswegen sind wir alle so scharf auf Salz und wollen es überall schmecken. Im Wein und neuerdings sogar in der Schokolade. 

Der Rest der mineralischen Wahrnehmungen ist entweder Teil des sogenannten Mundgefühls oder schlicht und ergreifend von poetisch gesinnten Weinschreibern inspirierte Einbildung. 

Wer nun das mineralischen Mundgefühl ausprobieren möchte, der greife zu folgenden Weinen:

Weiß: Den „Riesling Quarzit“ von Peter Jakob Kühn. Er kostet 15,90 Euro und hier steht wie er genau schmeckt.

Rot: Die Reben des „La Tour des Vidaux Tradition“ sind auf Schieferböden gewachsen. Wie sich das ausgewirkt hat, ist hier nachzulesen. Der Wein kostet 11,50 Euro. 

 

 

Zur Verfügung gestellt von Captain Cork.

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Der Captain und seine Weintester-Crew berichten regelmäßig für uns über Entdeckungen, Trends und was ihnen auf ihrer großen Fahrt über die weite See der Weinwelt so auffällt.

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