Lambrusco – Vom Hype in die Gosse?

Kaum eines Getränkes Ruf ist derart ramponiert wie der des Lambruscos. Wie kann sowas passieren, vom Hype in die Gosse? Der Lambrusco kann nichts dafür. Wirklich nicht. Und alleine ist er nicht mit dieser Entwicklung, die Liebfrauenmilch, der Beaujolais, Chianti und Asti Spumante haben allesamt Ähnliches durchlebt.

Die Historie des Lambrusco

Die Getränkeindustrie unterliegt seit jeher Trends und Moden. Ein Blick auf eine beliebige Frühlingsterrasse belegt das unmittelbar: Die Kelche sind Neon-Orange oder Lindgrün gefüllt, Spritzz und Hugo sind immer noch die unaustrinkbaren Trendgetränke, die mittlerweile bereits von den ersten Barkarten verbannt werden.

Im Wirtschaftswunder-Deutschland hieß das Getränk der Stunde Lambrusco. Serviert im Senfglas zur Pasta auf rot-weiß karierter Tischdecke brachte er uns La Dolce Vita: Rot, sprudelnd und süß, das waren seine drei Hauptattribute. Dabei ist Lambrusco per se weder süß, noch ein Getränk oder eine Rebsorte, sondern ein komplexes Konglomerat aus allem. Daher alles nochmal ganz von vorne

Lambrusco ist uralt und wurde bereits serviert als Trends noch keine Rolle spielten. Über 200 v. Chr. wurde er bereits als Dreihunderter erwähnt, weil eine seiner Reben diese erkleckliche Menge an Wein hervorbrachte. Und hier liegt bereits des Übels Wurzel: Die Menge. Als Lambrusco in den 60er und 70er Jahren in Deutschland und auch den USA zum Trendgetränk avancierte brauchte man Menge, um die riesige Nachfrage außerhalb Italiens zu bewältigen.

Als einfacher Trunk der Tavernen in der Emilia-Romagna hat er begonnen, bis er mit den Menschen in die Welt zog. Und was nimmt man mit in die Neue Heimat, in der man Niemanden kennt? Sein Essen und Trinken, korrekt! Essen und Trinken hält nicht nur Leib und Seele zusammen, sondern ist oft auch die erste Geschäftsidee in der Ferne: Den Menschen sein Essen verkaufen. Der Erfolg war immens und der Lambrusco floss in Strömen.

Herstellung und Geschmack des Lambruscos

Rot ist Lambrusco immer, sprudelnd meistens, süß nicht immer. Er wird hergestellt aus einer Familie von Rebsorten, die alle unter dem Namen Lambrusco firmieren, aber ampelografisch und genetisch nicht notwendigerweise miteinander verwandt sind. Das klingt kniffelig, muss man aber so hinnehmen. Die heute gängigen Varietäten zur Herstellung von Lambrusco sind die Lambrusco Grasparossa, Lambrusco di Sorbara und Lambrusco Salamino. Während die Grasparossa farbintensive, Granatrote, dunkelfruchtige Weine hervorbringt zeichnet sich di Sorbara durch ihre helle Farbe und den prononcierten Säurenerv aus.

Die Salamino hingegen hat neben ihrer zarten Säure eine leicht quietschige Fruchtigkeit. All diese Sorten können entweder süß oder trocken ausgebaut werden. Dabei werden die unterschiedlichen Märkte entsprechend bedient, denn jedes Land hat seinen eigenen Geschmack - Coca Cola schmeckt schließlich auch überall anders. Manche Länder mögen ihren Lambrsuco sehr dunkel, andere mit weniger Kohlensäure, der Osten gerne mit hoher Süße. Lambrusco bedient sie alle.

Per Herstellung ist Lambrusco kein Schaumwein sondern ein Perlwein. Der Most wird in riesigen Tanks zunächst zu Stillwein vergoren. Danach gibt man Süßmost und Hefe dazu und stoppt die Gärung durch Kälteschock beim gewünschten Restzuckergehalt. Danach werden Süße und Kohlensäuregehalt den jeweiligen Marktbedürfnissen angepasst.

Anbaugebiete des Lambruscos

In fünf Herkunftsgeschützten Gebieten (DOCs) wird heute Lambrusco angebaut: Lambrusco di Sorbara, Lambrusco Grasparossa di Castelvetro, Lambrusco Reggiano, Lambrusco Salamino di Santa Croce sowie Lambrusco Mantovano. Letztere ist die einzige der fünf Regionen, die nicht in der Emilia-Romagna, sondern in der Lombardei liegt. Ambitionierte Hersteller versuchen sich mittlerweile auch an Flaschenvergorenen Lambrusco-Varianten, die dann als vollwertiger Schaumwein vermarktet werden. Prozentual stellt diese Gattung aber einen verschwindenden Teil der Produktionsmenge von jährlich 115 Millionen Hektolitern dar.

Darüberhinaus werden Weine aus Lambrusco in Trentino-Südtirol, in der Lombardei und dem Piemont angebaut. Dabei handelt es sich dort meist um rote Stillweine aus Synonym Lambrusco benannten Trauben, so z.B. der Lambrusco a Foglia Frastagliata, der mit den zerfransten Blättern, aus dem Trentino.

Der Lambrusco hat viele positive Eigenschaften

Lambrusco ist durchaus facettenreich, was es für ihn nicht leicht auf dem Markt macht, wenn man einem Vorurteil (billig und süß) mit einer Vielzahl positiver Eigenschaften entgegen zu treten versucht. Daher mag sich heute auch kaum ein Händler Lambrusco ins Regal stellen. Zweifellos hat die jahrelange Produktion minderwertiger Massenware den Ruf ruiniert. Und so sanken mit den Preisen für den Wein auch die Preise für das Land. Das bietet vielen engagierten jungen Winzern die Gelegenheit, alte Rebanlagen zu kaufen und qualitativ hochwertigen Lambrusco herzustellen. Und die knüpfen an, an das was, was er ursprünglich war: Ein einfacher, aber höchst schmackhafter Trunk zur deftigen Küche der Emilia Romagna, in der es vor Wurst und Käse nur so wimmelt. Auch ein Teller Pasta mit Tomatensauce oder ein Stück Pizza zum Lambrusco sind traumhafte Kombinationen, die aus alltäglichen Dingen etwas Besonderes machen. Es gibt also viel zu entdecken, man muss nur ein paar Vorurteile über Bord werfen und sich heraus bewegen aus seiner geschmacklichen Komfort-Zone.

Guter Lambrusco zum Probieren:

www.weinhalle.de

www.viniculture.de

www.meinelese.de

Sebastian Bordthäuser

Sebastian Bordthäuser

sebastian.bordthaeuser

Der studierte Germanist betrat die Sommelierszene als Quereinsteiger. 2012 kürte Falstaff ihn zum Sommelier des Jahres. Er schreibt für Effilee, die Welt am Sonntag, Feinschmecker, BEEF und Vinum.

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