Libanon und Wein? Absolut! – Zu Besuch bei zwei Weingütern

Dieser Artikel stammt aus dem WeinPlaces-Archiv und wurde ursprünglich am 22. August 2016 veröffentlicht.

 

Do you want the AC, Mr. Franz? Klimaanlage, warum nicht. Es ist ganz schön warm in Beirut im Juli. Noch entscheidender allerdings ist, dass bei geschlossenen Autofenstern nicht mehr so viele Abgase ins Wageninnere gelangen und das obligatorische Hupen nur noch gedämpft an das Ohr dringt. Noch haben wir Achrafieh, den christlich geprägten Stadtteil nicht verlassen, von Anfang an ist stop and go angesagt. In der Stadt wird gebaut und gebaut, doch die Straßen werden dadurch nicht breiter und eine U-Bahn gibt es nicht, der Zugverkehr ist seit dem Bürgerkrieg außer Betrieb. Shukran, danke, präsentieren wir eines unserer wenigen Wörter Arabisch, als die Klimaanlage des Nissan anspringt. Samara, der Taxifahrer nickt, weil er weiß, dass wir eine Antwort in seiner Sprache ohnehin nicht verstehen würden. Dass er mit uns Englisch spricht, ist eher überraschend, da die meisten christlichen Libanesen als bevorzugte Fremdsprache Französisch reden. Aber so ganz verstanden haben wir sowieso nicht, was in den zahlreichen kulturell-religiösen Gruppierungen dieser Stadt und dieses Landes am östlichen Mittelmeer jeweils üblich ist: Maroniten, griechisch Orthodoxe, Schiiten, Sunniten, Alawiten, Juden, Drusen,... Die Grammatik ist sehr komplex.

 

Der Erzeuger, den wir in Kfifane ansteuern und schließlich glücklich finden, heißt ADYAR, Kloster. Eigentlich wäre der Plural angebrachter, denn die maronitischen Mönche, denen das Unternehmen gehört, bauen an acht verschiedenen Klöstern Wein an. Man braucht auch selber welchen, für die Messe, aber das Ganze beinhaltet durchaus auch eine Mission: Nach dem verheerenden Bürgerkrieg, der 1990 endete, hätten viele Christen ihr Land billig verkauft und seien weggegangen. Die Mönche hätten diesem Exodus jedoch standhalten und auch die anderen davon überzeugen wollen, zu bleiben. Vorzumachen, was man mit dem Grund anstellen könne, selbst auch Leute einzustellen, mit Schulen, einer Universität sowie einem Krankenhaus Struktur zu schaffen, sei das Anliegen der Gottesmänner gewesen, sagt Rita El Khoury von ADYAR. Der Weißwein, den sie einschenkt, duftet wie ein Sauvignon Blanc, auch im Mund sind Zitrusfrüchte und Noten von Stachelbeere auszumachen. Muscat, Viognier und Roussanne sind allerdings drin, eine Cuvée nicht nur verschiedener Rebsorten, sondern auch Lagen, sprich Klöster. Jedes Monasterium macht jedoch auch einen standortreinen Wein, in Kfifane ist es ein Syrah, in unserem Fall von 2011, der eine Spur oxidiert riecht, am Gaumen aber charaktervoll daherkommt, mit dunklen Früchten spielt, durch die zweijährige Reife im 400-Liter-Holzfass abgerundet und kräftig daherkommt und nicht nur wegen seiner 15,5 Volumenprozent Alkohol als Sommerwein nur bedingt taugt.

Als nächstes hält Samara vor der Kellerei IXSIR. Diese war eigentlich ganz gut ausgeschildert, immerhin handelt es sich um eines der Flaggschiffweingüter der Levante. Aber weder Samara noch wir haben aufgepasst und sind einfach geradeaus weitergefahren. Sobald wieder Menschen in Sicht waren, hat der Berufsfahrer jedoch wieder nachgefragt: Zurück bis zum rond point – Kreisverkehr, den französischen Begriff scheint man auch im Arabischen zu verwenden – mit der Palme in der Mitte, dort rechts. Die Treppenstufen hinauf hat man ein wenig das Gefühl, sich einem Inkatempel zu nähern: Aus dem Block gehauene Stufen, das Gebäude aus Naturstein, über dem Eingang das Logo der Kellerei, das der von den Andenbewohnern verehrten Sonne sehr ähnlich sieht. Drinnen teilt sich der Bau in einen alten und einen neuen Teil. Besonders neu und technisch absolut auf der Höhe der Zeit ist der Keller, wo Gabriel Rivero aus Madrid mit viel Erfahrung, die er in zahlreichen Jahren und in mehreren Ländern gesammelt hat, absolut souverän agiert. In erster Linie die Kunden, aber auch die zwölf Investoren, denen IXSIR gehört – darunter der libanesischstämmige Renault-Chef Carlos Ghosn –, muss der winemaker zufriedenstellen. Dazu beaufsichtigt er auch den Weinbau selbst, der sich auf mehrere Gebiete des relativ kleinen Landes verteilt, die aber alle zwischen stolzen 950 und 1700 Metern über dem Meeresspiegel liegen: Wohl wegen dieses erweiterten Aufgabenbereichs steht auf seiner Visitenkarte „Technical Director“. Gekeltert werden sechs bis sieben Rote – so genau weiß Gabi, wie sie ihn hier nennen, das angeblich nicht – sowie vier bis fünf Weiße. 550 Tonnen Lesegut gilt es zu verarbeiten, auf sehr professionelle Weise. Denn man möchte trotz des relativ heißen Klimas elegante Weine machen und das fängt im Weinberg an: Ausrichtung der Reben, Erziehungsart, Laubschnitt, die Reben nicht zu sehr leiden lassen, um die Trauben nicht zu konzentriert werden und langsam reifen zu lassen. Das Lesegut wird vorsichtig in kleine Kisten verpackt, im Kühlfahrzeug transportiert, im Kühlraum gelagert und einen Tag später ausgelesen. Im Keller geht es dann entsprechend weiter und auch hier spielt das Thema Kühlung wieder eine Rolle, nämlich bei der temperaturkontrollierten Vergärung. Die Fermentation zu steuern ist eine der großen Herausforderungen in einem Land, in dem die Sonne viel und kräftig scheint, auch kurze Transporte aufgrund schlechter Straßen und starken Verkehrs lange dauern können und Stromausfälle an der Tagesordnung sind. 

 

Der Aufwand lohnt sich: Gleich bei der ersten Weißweinprobe aus dem Einstiegssegment "Altitudes", einer 2015er Cuvée aus Muscat, Sauvignon Blanc, Viognier, Sémillon und der autochthonen Sorte Obeidy steigt uns etwas in die Nase, was man beileibe nicht in jedem libanesischen Weißwein findet: Frucht! Allein dafür muss man sagen, der Aufwand hat sich gelohnt.

Die Rotweine insbesondere des mittleren (Grande Réserve) und oberen (EL IXSIR) Segments sind einfach klasse! Der erste riecht nach Garrigue, der zweite nach Leder und Waldboden, beide verfügen über schöne Aromen von reifen, nicht überreifen roten Früchten am Gaumen. Ausgewogenheit und Körper sowie – insbesondere bei EL IXSIR – ein toller Nachhall kommen hinzu.

Das sind Weine von internationalem Format und es ist schön, wenn hier wohlhabende Menschen in ein Projekt investieren, dass nicht nur ihnen Einnahmen bringt, sondern neben der Pflege der Kulturlandschaft vor Ort und dem Schaffen von Arbeitsplätzen auch ein schönes Signal aus dem Libanon in die Welt sendet, der von außen leider immer noch sehr, sicherlich zu skeptisch beäugt wird.

Gerald Franz

Gerald Franz

gerald.franz

Feuilletonistisches Schreiben. Wein. Erst das eine, dann das andere. Und dann beides zusammen, passt doch perfekt! Auf WeinPlaces gibt es von Gerald ab sofort mehr von dieser Kombination!

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