Messe für naturnahe Weine! Am 29.11. öffnet die RAW in Berlin

Die RAW - The Artisan Wine Fair - kommt nach Deutschland. Besser gesagt nach Berlin. Eben dorthin, wo das Thema Relevanz hat - in die Hauptstadt. Initiiert von der Master of Wine Isabelle Legeron, erfreut sie sich seit ihrer Gründung 2012 in London immer größer werdender Beliebtheit und ist zum Mekka für Freunde des vergorenen Rebensaftes geworden. Die immer größer werdende Nachfrage und Interesse an dem Thema hatte zur Folge, dass die RAW auf Tour geht. Kommt der Prophet nicht zum Berg, muss man halt den Berg in Bewegung setzen. Im letzten Sommer hat die RAW bereits einen Station in Wien gemacht - mit großem Erfolg. Jetzt am 29. November ist Berlin an der Reihe.

       

Doch was bedeutet RAW? Die RAW sieht sich als Messe für naturnahe Weine, also Weine, die mit größtmöglichem Respekt der Natur gegenüber produziert werden. Das ist zwar das Thema, das man allerorts hört, so auch in Deutschland. Herkunft ist das neue Schlagwort. Und Nachhaltigkeit. Nun, diese Buzzwords bekommt man auch auf jeder x-beliebigen Messe zu hören. Aber stimmt das?
Spricht man das Thema RAW an, kommen oft die gleichen Ressentiments: Da gibt es doch nur Vinturel, Orange oder Amphorenwein! Ja und? Lassen wir einmal die Schlagwörter weg und konzentrieren uns aufs Wesentliche.

Was die RAW von den üblichen Messen unterscheidet ist der Anspruch, größtmögliche Transparenz zu bieten. Konsequent werden alle Zusatzstoffe, und sei es nur der mindestens zu deklarierende Schwefelzusatz, transparent für den Messebesucher ausgezeichnet. Zäumen wir das Pferd von hinten auf: Bei keinem anderen Lebensmittel haben wir einen so direkten Kontakt zu seinem Produzenten wie bei Wein. Wenn es nicht grade Chateau Cheval Blanc ist, greift man einfach zum Hörer und man macht einen Termin auf dem Weingut aus. Wein, so scheint es also, ist eines der transparentesten Lebensmittel, die es gibt. Herkunft klar definierbar, Kontakt zum Produzenten gern genommen. Man kann genau sagen, welche Flasche aus welcher Lage kommt. Das klappt mit einem Paket Hackfleisch nicht so gut. Aber: Der konventionell arbeitende Winzer hat laut deutschen Weingesetz ein Köfferchen mit nicht zu deklarierenden Hilfsmittelchen zur Verfügung, aus deren Untiefen er sich reich bedienen mag. Über 60 Zusatzstoffe sind erlaubt, und keins davon muss deklariert werden. Es ist nicht alles schlimm, was verwendet werden darf, aber Manches ist mehr als fragwürdig. Wein, so das deutsche Weingesetz, darf aus Trauben und aus sonst nichts hergestellt werden. Trotzdem dürfen aber technische Hilfsmittel aus Rindern, Schweinen, Hühnern, Milch, Krebsen, Erbsen, Weizen, Rübenzucker usw. zugesetzt werden ohne das man den Verbraucher darüber informieren muss. Wein gilt nämlich nicht als Lebensmittel, sondern als Genussmittel. Und die unterliegen anderen Deklarationsgrundlagen. Lediglich Schwefel ist deklarationspflichtig, ebenso Hühner- und Milcheiweiss, allerdings nur, wenn sie den zulässigen Grenzwert überschreiten. Die bekommt man aber dank effektiver Hilfsmittel aber auch sauber wieder herausgefiltert.

Und hier setzt die RAW an: Gnadenlose Deklaration der Zusätze. Die Statuten der RAW sind im Vergleich zu den nationalen Weingesetzen viel rigoroser, einigen allerdings nicht streng genug. Daher rührt natürlich auch die Tatsache, dass die viel diskutierten Vinaturel, Orange Wines und Amphoren vergorenen Weine dort präsentiert werden, schließen diese doch zumeist per se die Verwendung dieser Hilfsmittel aus. Was von den Kritikern immer angeführt wird - es seien fehlerhafte Weine, die das Genre repräsentierten, stört die Besucher jedoch nicht. Dies muss auch nicht immer der Fall sein. Ungeachtet der Tatsache, dass dies vielleicht vom Standpunkt des herkömmlichen Weinbaus aus betrachtet richtig sein mag ist diese Bewegung nicht mehr weg zu diskutieren. Und was hier fehlerhaft ist, kann im herkömmlichen Bereich vielleicht  technisch perfekt, aber eben auch todlangweilig sein.

  


Immer mehr Winzer, auch im noch verschlafenen Deutschland, in dem Geisenheim immer noch den Staus Quo des Weinmachens definiert, experimentieren bereits mit diesen alten Weinstilen, die weder neue Mode noch Trend sind. Sie schließen vielmehr Märkte auf, die der konventionelle Weinbau nicht mehr abdecken mag oder kann. Und denen vor allem junge Konsumenten ohne Weinbibel unterm Arm erstaunlich offen und neugierig gegenüber stehen.

Der Wunsch nach Transparenz, Natürlichkeit und Nachhaltigkeit kommt somit endlich auch nach Berlin - dem Ort, an dem die Weinszene sich am schnellsten bewegt. Und das wahrscheinlich auch, weil Berlin losgelöst ist von Konventionen, Traditionen (so es welche gab) und althergebrachtem Weingeschmack. Auch wenn das Thema heute noch im Kreise weniger Spezialisten wahrgenommen wird ist es nicht mehr weg zu diskutieren. Die Weinkarten der Restaurants und Weinbars der Welt außerhalb unseres kleinen gallischen Dorfes sind längst durchzogen von diesen Weine, deren Herstellung letztlich auf den Prinzipien eines Weinbaus beruhen, die es mit langer Tradition bereits vor der Industrialisierung der Weinwelt allen Ortes gegeben hat. Lösen wir uns also von alten Geschmacksmustern und schauen, was es Neues zu probieren gibt. Was gibt es zu verlieren?

Sebastian Bordthäuser

Sebastian Bordthäuser

sebastian.bordthaeuser

Der studierte Germanist betrat die Sommelierszene als Quereinsteiger. 2012 kürte Falstaff ihn zum Sommelier des Jahres. Er schreibt für Effilee, die Welt am Sonntag, Feinschmecker, BEEF und Vinum.

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