Muss zu jedem Essen Wein passen?

Wein ist unser liebstes Getränk. Er ist universell und schmeckt vom Butterbrot bis zur Sahnetorte. Man kann sich den lieben langen Tag damit beschäftigen, welcher Wein wozu passt und was noch besser wäre. Meistens hat man damit Erfolg, doch manchmal geht es auch in die Hose. Dann treffen sich Fachleute und schauen, ob da nicht doch noch was zu machen ist. Bei Senf zum Beispiel, oder bei Matjes mit viel rohen Zwiebeln.  

Was fehlt ist die Lockerheit 

Diese Ansätze sind ehrenhaft. Aber manchmal sehr bemüht. Denn was uns manchmal fehlt, ist eine gewisse Lockerheit mit solchen Situationen umzugehen. Lockerheit, nicht immer alles mit Wein paaren zu müssen. Auch das Pulverfass „asiatische Küche“, die sich von Istanbul bis nach Nordkorea erstreckt, ist ein beliebtes Thema wenn es um Wein und Speisen geht.

Hier stelle ich die Gegenfrage: Will jedes Essen unbedingt mit Wein begleitet werden? Muss ich zum Matjes plötzlich Wein trinken, obwohl es 1000 Jahre lang ein Bier und ein Aquavit getan haben? Muss es Wein sein zu Kaviar und Blini, obwohl ein Vodka die Lösung ist?

Natürlich nicht. Zum einen ist Wein kulturgeschichtlich in diesen Regionen nicht verankert. Zum anderen ist der Gedanke, eine größere Harmonie von Speisen durch den Genuss von Wein zu erzielen eine neue Erscheinung und durch und durch eurozentristisch, und wir sollten schwer überlegen, ob wir Norwegen und Finnland mit eingemeinden in diese Aussage.


Der fehlgeleitete Ansatz, alles mit Wein begleiten zu müssen, gehört grundlegend überdacht. Insbesondere, da die Beschäftigung mit anderen Küchen andere Getränke beinhaltet - egal, ob diese für eine höhere Harmonie getrunken werden oder nicht. Was ist mit Kefir oder fermentativen Getränken? Was ist mit Gelbem Wein aus China? Sake? Oder Tee? Tee wird seit jeher in Asien genossen, die dazu gereichten Speisen werden allerdings einfach ganz entspannt gegessen, statt sie in einen harmonisierenden Kontext begreifen zu wollen. Dim Sum sind klassische Häppchen, die übersetzt das Herz berühren. Man isst sie vor 17 Uhr und genießt dazu Tee. In diese Situation zu platzen, den Tee abzuräumen, nach Weingläsern zu verlangen und eine Flasche Wein auf den Tisch zu stellen wäre etwas unhöflich, oder?

Wein ist viel – aber nicht Alles

Der Begriff Sommelier ist derzeit heiß diskutiert, da jeder Hans und Franz ihn sich ans Revers heftet, sei es für Wurst, Brot der Buttermilch. Leute, die einem einen guten Kaffee einschenken heißen Barista und haben ein Zertifikat. Das spiegelt mehr den Deutschen Hang zum „amtlichen“ und beinhaltet eine gewisse Zwanghaftigkeit. Dabei ist der klassische Begriff Sommelier eigentlich klar: Er umreißt alles was Flüssig ist, von der Apfelschorle bis zum Zinfandel, von heiß nach kalt, von still zu sprudelnd, von trocken zu süß. Es ärgert mich, wenn der Besuch von guten Restaurants bekrittelt wird, weil man dort keinen Wein bekommt. Wein ist vielen Leute die Antwort. Aber nicht auf alles. Denn gibt es so viel zu trinken, überall. Trinken wir es aus!

Sebastian Bordthäuser

Sebastian Bordthäuser

sebastian.bordthaeuser

Der studierte Germanist betrat die Sommelierszene als Quereinsteiger. 2012 kürte Falstaff ihn zum Sommelier des Jahres. Er schreibt für Effilee, die Welt am Sonntag, Feinschmecker, BEEF und Vinum.

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