ProWein 2014: Das Salz in der Weinsuppe


CaptainCork - ProWein 2014CaptainCork-Maat Markus Budai blickt zurück auf die Weinmesse ProWein, das bedeutendste Branchentreffen Deutschlands, vielleicht sogar in Europa. 

Tagelang spürte er die ProWein noch in den Zähnen, als Folge der Dauer-Wein-Bespülung. Jetzt ist alles wieder gut. Zeit, um einen nüchternen Rückblick auf die größte deutsche Weinmesse zu werfen.

Spucken oder schlucken?

Die Frage stellten sich die 48.000 Fachbesucher nicht, die vom 23. bis 25. März auf dem Messegelände Düsseldorf drei Tage lang Weine dauerverkosteten. Wer hier Wein  runterschluckt, ist rasch aus dem Rennen. Profis spucken.

In diesem Jahr feierte die internationale Weinmesse ProWein ihr 20 Jähriges Jubiläum. Grund genug, um anzustoßen. 4.796 Aussteller präsentierten Weine aus 48 Ländern. Damit konnte man aus so ziemlich jedem Winkel der Erde, wo Rebanlagen stehen, Wein verkosten.

Händler aus aller Welt besuchen ihre Winzer, probieren neue Weine aus oder halten Ausschau nach dem geeigneten Wein für ihr Portfolio. Ich habe mich drei Tage ins Messegetümmel gestürzt, auf der Suche nach speziellen Weinen und um mir einen aktuellen Überblick über die internationale Weinwelt zu verschaffen.

Was habe ich entdeckt?

Zwei Dinge sind mir über alle Regionen und Weinhallen aufgefallen. Zum Einen gibt es einen Trend zur „Salzigkeit“. Aber was heißt „salzig“ im Zusammenhang mit Wein?
Gefühlt jeder Winzer wollte mir salzig schmeckende Weine eintrichtern, egal ob es sich um ein Spitzengewächs handelte oder die einfache Basisqualität. Klar, ein lediglich fruchtiger Wein bleibt eindimensional, passt nicht zum Zeitgeist, der komplex anmutende Charakterweine fordert. Denn die stehen im Trend.
Abgesehen davon ist der alte Marketingbegriff Terroir allmählich abgenutzt. Die Weinwelt braucht eine neue Story. Dem bekannten Sommelier Billy Wagner ging das dermaßen auf den Geist, dass er via Facebook die Aromabezeichnung „salzig“ zum Unwort erklärte.

Salz – das neue Terroir?

So weit muss man nicht gehen, dann es gibt tatsächlich „salzige“ Weine. Ich habe zum Beispiel salzig anmutende Rieslinge während meines kurzen Aufenthalts in der Deutschland-Halle entdeckt. Das liegt zum großen Teil am mengenmäßig kleinen Jahrgang 2013.
In Deutschland hatten 2013 viele Winzer mit einem schlechten Reifeverlauf und viel Regen zu kämpfen. Nicht jeder Weinmacher wird aus diesem Jahr eine gute Kollektion einfahren können. Vielerorts hohe Säurewerte haben manchen Winzer zur Verzweiflung gebracht, sodass viele Spitzenerzeuger wagemutige kellertechnische Entscheidungen treffen und riskante Verfahren zur Entsäuerung angewendet werden mussten.
Doch dort, wo man bereit war, sehr kritisch und sorgfältig die Trauben von Hand herauszupicken, also minderwertiges Material einfach hängen zu lassen und so kleine aber exzellente Mengen einzufahren, könnte ein ziemlich guter Wein das Ergebnis sein.

2013 – wie wird der Jahrgang?

Zwar erinnert der jüngste Jahrgang ob der markanten Säure ein wenig an das schwierige Jahr 2010. Doch im Vergleich zu 2010 zeigt sich die Säure jetzt reifer, denn es gab in vielen Anbaugebieten kurz vor der Ernte noch ein paar schöne Sonnentage.  
Besonders die Rieslinge im trockenen Bereich wirken schlank und in Verbindung mit der Säure angenehm mineralisch-salzig. Das macht den Jahrgang vermutlich zu einem echten Außenseiter. Möglicherweise zu einem sehr guten. Die Zeit wird es uns zeigen.

Kühl wird cool

Ein weiterer Messetrend war „Cool Climate“. Warme Anbaugebiete sind nicht mehr so sexy. Insbesondere die trendbewussten Österreicher setzen jetzt auf Cool-Climate. Damit sind schlanke Weine gemeint.
Speziell im Burgenland verwenden viele Winzer bei ihren Spitzen-Blaufränkischen immer weniger Fässer aus neuem Holz. Sie wollen ihre Weine mehr in der kühlen Frucht betonen, das Holz nur zur Struktur einsetzen und aromatisch nicht mehr in den Vordergrund stellen. Diese filigranen Weine und solche, die weit weg von marmeladig eingekochter Fruchtigkeit sind, werden mehr und mehr zum Aushängeschild kühlerer Anbaugebiete.
Selbst Weinmacher in warmen Regionen wollen nicht vom Cool Climate lassen und betonen nun, dass sie ja in besonders hohen und kühleren Lagen ihre Trauben ziehen.

Stichwort Klimawandel

A propos Temperatur. Das Thema Klimaerwärmung spielt mehr denn je eine wichtigere Rolle im Weinbau. Etablierte und große Häuser aus der Champagne oder dem Burgund starten Auslandsprojekte, um herauszufinden, wie sich ihre Reben in wärmeren Klimazonen verhalten und welche Auswirkungen dies auf den Weinstil hat. Beispiele? Roederer mit Roederer Estate in Kalifornien. Oder das prominente Maison Joseph Drouhin aus dem Burgund in Oregon. Oder die Chablis-Domaine William Fèvre in Chile.
Einen auffälligen Unterschied zwischen neuer und alter Weinwelt konnte man in diesem Jahr nicht im Glas sondern an der Machart der Messe-Stände beobachten.

Der kleine Winzer hinter den 7 Weinbergen

Während man in den Hallen von Österreich, Deutschland oder Italien kleine, schmuck- und aussagelose Stände vorfand, bot Kalifornien regelrechte Erlebniswelten auf. Die Stände waren weiträumig mit gemütlichen Sitzmöglichkeiten und einladenden Theken bestückt. Dennoch herrschte hier vielerorts gähnende Leere. Und das trotz überdurchschnittlich motivierter Winzer, Sales Manager und einem guten Weinangebot.
Auch hier zeigt sich wohl das Bedürfnis vieler Händler und Journalisten nach authentischem Auftritt und dem typisch kleinen Winzer hinter den sieben Weinbergen. Das ist wohl die Abkehr von der großen, makellos polierten Weinmarke.

Aber wie das mit Trends so ist – kaum hat man einen ausgemacht, findet sich im Handumdrehen ein Gegentrend. Man darf gespannt sein, was die Weinwirtschaft im Jahresverlauf aufbietet, um uns, die Konsumenten, bei Laune zu halten. Eines ist jedoch gewiss. Es gibt immer mehr Weine. Und auch immer mehr interessante. Man muss nur den Ehrgeiz haben, sie für sich zu entdecken.

Mehr über Wein finden Sie auf www.CaptainCork.com

Captain Cork

Captain Cork

captaincork

Der Captain und seine Weintester-Crew berichten regelmäßig für uns über Entdeckungen, Trends und was ihnen auf ihrer großen Fahrt über die weite See der Weinwelt so auffällt.

Zum Expertenportrait