Rückblick auf das Weinjahr 2016

Trotz widriger Umstände ist es den meisten deutschen Winzern gelungen, sehr gute Traubenqualitäten zu ernten. Alles in allem war es ein kapriolenhaftes Weinjahr, in dem intensive Handarbeit und punktgenaues Handeln unverzichtbar waren. Nachdem das Frühjahr mit Endlosregen und ungewohnt kühlen Temperaturen aufwartete, änderte sich bis in den Frühsommer nur wenig. Erst ein herrlicher Altweibersommer brachte den positiven Wandel und die ersehnte Traubenreife. 

 

Große Herausforderung: Wetter, Krankheit und Schädlinge

Selten zuvor hatten die Winzer mit derartigen Widrigkeiten zu kämpfen wie im Jahr 2016: Gewitterregen, Kälte, Hagel, Peronospora, Sonnenbrand, Kirschessigfliege, Wildschweine und Vögel. Das feucht-kühle Wetter mit viel Regen und dem darauf folgenden Falsche Mehltau (Peronospora) bescherte vielen Winzern erhebliche Ernteeinbußen. In manchen Gebieten ließ schon der Spätfrost im April erste Triebe erfrieren, heftiger Sturzregen vernichtete sogar ganze Pflanzenteile. Zum Glück war die gefürchtete Kirschessigfliege nicht ganz so aktiv wie im Jahr 2014. Manchem Winzer fraßen im Herbst zu allem Überfluss dann auch noch Wildschweine und Vögel die übriggebliebenen Trauben vor der sprichwörtlichen Nase weg. Gerade in aufgegebenen, mittlerweile verbuschten Weinbergslagen nisten sich gerne Vogelscharen ein und warten sehnsüchtig auf reife Trauben.

Feuchter Auftakt 

Nach einem außergewöhnlich milden Winter ohne Eis und Schnee folgten im Frühjahr einige sonnige Tage, gleich danach aber Regen und entsprechend kühle Temperaturen. Das kühle und niederschlagsreiche Wetter sorgte zunächst für einen Vegetationsvorsprung, bescherte den Reben aber später eine enorme Infektionsgefahr. Bereits im Mai wurden erste Infektionen durch Falschen Mehltaus (Peronospora) beobachtet. Feuchte Witterung ist für die in den letzten Jahren dank Pflanzenschutz gut beherrschte Blattkrankheit ein idealer Nährboden. Insbesondere der massive Befall der jungen Gescheine nach der Blüte führte stellenweise zum Totalausfall. Davon waren in erster Linie Weinberge in der Ebene betroffen, hingegen kamen Hanglagen, besonders in Waldnähe wesentlich besser mit der Feuchtigkeit zurecht. Die Winzer sind in solchen Situationen extrem gefordert und müssen durch intensive Laubarbeit sowie vorausschauenden und punktgenaue Pflanzenschutzmaßnahmen darauf reagieren. Speziell ökologisch arbeitende Winzer stellt der Befall von Peronospora vor extreme Herausforderungen, weil sie keine synthetischen Pflanzenspritzmittel einsetzen dürfen. 

© vitipendium.de

Regen, Regen, Regen

Der feuchte, ebenfalls regenreiche Juni verschärfte diese Lage, weil der nasse Boden nicht immer den Pflanzenschutz im Wochenrythmus ermöglichte oder die Steillagenwinzer mangels Mechanisierung nicht nachkamen. 

Auf die spätere Weinqualität hat der Falsche Mehltau nur wenig Einfluss, da er sich in dieser Phase in erster Linie mengenreduzierend auswirkt. Der Regen spritzt die auf den Boden befindlichen Pilzsporen in das Blattwerk, es entsteht ein zunächst weißer, dann später bräunlicher Pilzrasen. Befallene Blätter und Gescheine sterben ab. Je nach Intensität des Befalls wachsen weniger oder einfach gar keine Trauben. Boris Kranz aus dem pfälzischen Ilbesheim berichtet: „Wenn man das Mittel der langjährigen Jahresniederschlagsmengen betrachtet, fiel in den ersten sechs Monaten des Jahres mit rund 600 Millimeter fast so viel wie sonst in einem ganzen Jahr.“ Aufgrund der hohen Feuchtigkeit war deutschlandweit allgemein ein hoher Pilzdruck zu verzeichnen. Um gute Qualitäten in ausreichender Menge ernten zu können, waren die Winzer gezwungen sich blitzschnell auf die ständig wechselnden  Begebenheiten einstellen und ihren Pflanzenschutz daran anzupassen. Dennoch haben etliche Betriebe mit erheblichen Ertragseinbußen und damit auch Umsatzausfällen zu kämpfen. Boris Kranz berichtet von einem zwanzigprozentigen Verlust in den meisten Gebieten der Pfalz. An der Nahe wurden ebenfalls 20 Prozent weniger als in den Vorjahren geerntet, in der Region Mittelrhein waren es sogar 30 Prozent weniger.

Später Frost und Hagelkörner

Nach milden Wintermonaten glaubte im April niemand mehr an Kälte. Weit gefehlt, Väterchen Frost meldete sich voller Wucht und satten Minusgraden. Im fränkischen Ochsenfurt bei Würzburg zerstörte starker Hagelschlag die jungen Rebtriebe. Regionale Unwetter mit heftigem Gewitterregen, was nicht nur Dächer abdeckte und Bäume umstürzen ließ, sondern auch in vielen Wingerten für extreme Schäden sorgte. 

Geduld und ein Quäntchen Glück

Mitte August änderte sich die Wettersituation grundlegend. Ein herrlicher Altweibersommer brachte trockenes, warmes Wetter, welches bis weit in den Oktober anhielt, wovon praktisch alle Weinregionen profitierten. Nach den warmen Tagen folgte ab September ein Wechsel von teilweise heißen Tagen und kühlen Nächten, was besonders wichtig für die Aromenbildung in den Trauben ist. „Zudem entwickelt sich durch diese Witterung eine feste Beerenschale, was möglicherweise die Kirschessigfliege in diesem Jahr davon abgehalten hat, unsere reifen Trauben zu befallen“, erklärt Boris Kranz sichtlich erleichtert.

Wichtig war es wieder einmal die Trauben zum optimalen Reifezeitpunkt in gesundem Zustand zu ernten und faules Traubenmaterial zu vermeiden. Gerade in skelettreichen Steillagen und sandigen Böden führte die Trockenheit im August und September zu einer deutlich verlangsamten Zuckereinlagerung bei der Vorzeigesorte Riesling. Eine Herausforderung, die oft nur durch eine gestaffelte Handlese und sorgfältiges Aussortieren zu meistern war. Entsprechend resümiert Felix Peters vom VDP-Weingut St.Antony aus Nierstein in Rheinhessen: „Die Weinberge für die Grossen Gewächse der Rebsorte Riesling wurden fein säuberlich gelesen. Erste Ansätze von Fäulnis konnten stets aussortiert werden. Druck bestand nicht, da die Nächte extrem kühl blieben und sozusagen alles „konservierte“. Die Erntemengen in den Steilhängen waren in diesem Jahr fast höher als in den Direktzuglagen; wie vieles in 2016 anders als sonst war.“ 

Joachim Heger vom VDP-Weingut Dr. Heger im badischen Ihringen berichtet ähnliches: „Die Erträge liegen bei den Spitzengewächsen im Schnitt der letzten Jahre, die Mostgewichte lagen allerorts sogar im idealen Bereich. In Weinbauregionen, die von Spätfröste betroffen waren sind die Erntemengen vor allem bei Guts und Ortsweinen leider etwas niedriger ausgefallen. Die Jungweine zeigen sich sehr fruchtbetont mit einer animierenden Frische und einer komplexen Struktur. Im Großen und Ganzen wurden die Winzer für ihre intensive Arbeit im Weinberg über das ganze Jahr mit einem entspannten Ernteverlauf und einem herausragenden Weinjahrgang belohnt.“ 

Philipp Wittmann vom VDP-Weingut Wittmann im rheinhessischen Westhofen freut sich über einen, wie er es nennt, klassischen Jahrgang: „Besonders die Rieslinge präsentieren sich bemerkenswert klar. Die 2016er Weine werden im Alkohol zwar etwas niedriger ausfallen, aber dennoch eine gute Geschmacksdichte aufweisen. Die trockene, sonnige Witterung im September bewirkte in den Weinen eine tolle Ausprägungen.“

„Wer in der Pfalz Geduld hatte, wurde mit exzellenter Traubenqualität belohnt“, freut sich Hansjörg Rebholz vom VDP-Weingut Ökonomierat Rebholz aus Siebeldingen in der Südpfalz. „Es ist ein ganz außergewöhnlicher Jahrgang, denn wir haben bei der Lese mehr pausiert als geerntet! Der Grund war aber nicht, wie man vielleicht vermuten könnte, schlechtes Wetter, sondern die traumhafte Traubenqualität. Deshalb konnten wir mit unserer Erntemannschaft an manchen Tagen bis zu 2 Hektar ernten. Durch diese großen Fortschritte bei der Ernte mussten wir immer wieder pausieren, um in anderen Parzellen die optimale Reife abzuwarten.“ 

Fazit für Fachleute und Weintrinker

Den geneigten Weinliebhaber erwartet ein guter bis sehr guter Jahrgang, dessen Weine mit einer ausgewogenen Relation von Frucht und Säure aufwarten und deutlich geringere Alkoholgradationen als im Vorjahr haben. Insbesondere die lange Vegetationsperiode und die späte Lese förderten die Bildung sortentypischer Aromen. Alles in allem ein schmackhafter, konsumentenfreundlicher Jahrgang mit fein ausbalancierten Weinen. Hohe Mostgewichte, wie sie für die Erzeugung von Auslesen und Beerenauslese notwendig sind, blieben die Ausnahme. In manchen Gebieten konnte in den letzten Novembertagen bei Minusgraden um 9 Grad Celsius auch noch gefrorene Trauben für Eiswein gelesen werden. 

Christina Fischer

Christina Fischer

Christina Fischer

Die Sommeliere und Buchautorin Christina Fischer lebt und arbeitet in Köln. Ihre vielseitigen Aktivitäten bündelt sie in ihrer Kölner GENUSS Werkstatt.

Zum Expertenportrait