Schaumwein zum Essen?

Deutschland ist der Weltmeister im Verzehr von Schaumweinen. Von Champagner über Cava, von Franciacorta zu Prosecco, von Lambrusco zu Deutschem Wintersekt, die Korken, so scheint es, können gar nicht laut und vor allem nicht oft genug knallen. Das umfasst nicht nur alle Flaschen über drei Bar Druck, die deshalb mit der Schaumweinsteuer belegt sind, sondern ebenfalls alle Frizzantes, Perlweine, PetNats und sonstige Seccos und Fantasie-Getränke bei denen es kribbelt im Glas.

Schaumweine werden stets mit Spaß, Festlichkeiten und guter Laune verbunden

Allen Getränkegattungen gemein ist bei allen Unterschieden jedoch eins: Ihr Einsatz - sie scheinen verdammt in die Nische des Apero. Zum Anstossen. Zum Feiern. Für den besonderen Moment. Bringt man eine Flasche Champagner mit auf eine Feier verschwindet sie in der Regel sofort im Keller, für die spezielle Gelegenheit. Obwohl man grade eine Feier besucht. Es ist verrückt. Schaumwein heißt Spaß, Festlichkeit und gute Laune. Er ist gemacht für die prickelnden Momente im Leben, so die Werbeformel. Und diese Formel scheint auf zu gehen, denn niemand scheint hierzulande drauf zu kommen, zum Schaumwein etwas zu essen.

 Schaumweine sind exzellente Essensbegleiter

Was schade ist, denn Schaumweine sind exzellente Essensbegleiter, sei es zur simplen Brotzeit, zum Sonntagsbraten oder zum festlichen Menü. Dank der Aromen der zweiten Gärung haben Schaumweine eine hohe Komplexität und durch ihr Mousseux eine weitere haptische sowie gustatorische Dimension, die ihn über den normalen Stillwein erheben - egal ob Schampus, Sekt oder Lambrusco. Diese zusätzliche Dimension erlaubt, eine weitaus größere Zahl an Speisen zu begleiten, bei denen normaler Stillwein manchmal Schwierigkeiten hätte. Schauen wir kurz zu unseren Nachbarn: In Italien bekommt man meist ein paar Knabbereien zum Prosecco oder Franciacorta, seien es Chips oder Oliven. Wir sprechen also über Fettgebackenes oder milchsauer Vergorenes: Kein Problem für Schaumweine, die Beispiele sind frei übertragbar auf alles Frittierte und Milchsäure. Stärke ist folglich auch kein Problem. Oder schauen wir nach Spanien, wo man gerne etwas Schinken isst zum Cava. Abermals haben fermentative Aromen sowie eine gute Portion Salz sowie einen formidablen Fettrand. Kein Problem für Schaumweine. Die Kohlensäure hilft selbst bei säurearmen Grundweinen dem Fett und dem Salz des Schinkens zu begegnen und nimmt ganz im Vorbeigehen die Proteine auch noch mit. Pasta mit Ragu? Kein Problem für Lambrusco. 

Ob süß oder herzhaft – Schaumweine eigenen sich ganz hervorragend zum Essen

Das mag alles ziemlich theoretisch klingen, zeigt aber an einfachen Beispielen die Vielseitigkeit von Schaumweinen wenn es um die Essensbegleitung geht, sogar Süßspeisen kann bis zu einem gewissen Grad mit Schaumwein begegnet werden. Denken wir an ein leichtes Dessert mit frischen Himbeeren und ein Glas Rosé. Bei scharfem Essen kühlt er den Mundraum, bei Mentholhaltigen Speisen verstärkt er den Frische-Kick, bei Geräuchertem hebt sich die Eigenaromatik des Schäumers. 

Machen wir also Inventur: Salz, Proteine, Stärke, Fett, Säure, Schärfe, Geräuchertes und Süßes, sprich die gesamte Klaviatur unserer täglichen Ernährung findet sich darin wieder.  

Unerschöpfliche Möglichkeiten – Einfach Ausprobieren!

Und nun kommt der spannende Teil: ausprobieren! Große Initialerfolge bietet zum Beispiel ein gegrilltes Hähnchen aus dem Ofen zum Schaumwein. Muscheln im Wurzelsud sind ein Gedicht zu Bubbles, kleine Kroketten das nächste Level. Ein Stückchen Fisch in cremiger Sauce ist fortgeschritten, Mutige versuchen einen Lambrusco zu Omas Rouladen am Sonntag. Streetfood wie Currywurst, Pulled Pork, Kartoffelpuffer oder Pommes Frites? Warum nicht! Scharfer Schweinebauch Sichuan aus dem Wok? Rotes Thai Curry mit einem Sekt aus Scheurebe? Die Möglichkeiten sind unerschöpflich. Und wo es bislang keine Regeln gab, gibt es kein Richtig oder Falsch, dafür aber unendlich viel zu entdecken. Lassen wir also die Korken knallen!

Sebastian Bordthäuser

Sebastian Bordthäuser

sebastian.bordthaeuser

Der studierte Germanist betrat die Sommelierszene als Quereinsteiger. 2012 kürte Falstaff ihn zum Sommelier des Jahres. Er schreibt für Effilee, die Welt am Sonntag, Feinschmecker, BEEF und Vinum.

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